Reykjavík
-1°C
SSE

Alle Wetter -Teil 1 (MW)

Ansichten

Maria Wolf's picture

Es zieht mich immer wieder nach Island; seit 1999 fast jedes Jahr, zu allen Jahreszeiten, in Gruppen, zu zweit, alleine, rund ums Land, in spezielle Landschaften. Meine Begeisterung lässt nicht nach.

In diesem Jahr soll es zur Abwechslung mal wieder eine Winterreise sein. Bei Island Erlebnisreisen, die schon mehrere Reisen für mich vorbereitet haben, finde ich das Richtige. Es geht zu allen Naturschönheiten, die man zu dieser Jahreszeit in einer Woche gut erreichen kann – und natürlich sollen wir Nordlichter sehen. Es gibt sogar eine „Polarlicht Akademie”. Durchgeführt wird die Tour von Guðmundur Jónasson Travel, der schon die ersten amerikanischen Monderoberer zum Training ins isländische Hochland gebracht hat. Ich bin also in besten Händen.

1. Tag

Am 02.02. geht es mittags ab Frankfurt mit der Icelandair. Schönes Wetter begleitet den Flug bis Schottland, mit freier Sicht auf Aberdeen, Inverness, das verschneite Hochland und die Hybriden. Danach wird es wolkig und erst beim Landeanflug auf Keflavík ist wieder etwas zu sehen. Der Pilot zieht wie immer eine schöne Runde entlang der Südküste und legt sich spektakulär in die letzte Kurve. Wir sind da - am schönsten Ende der Welt.

Esja, Reykjavík. Foto: Geir Ólafsson/Iceland Review.

Im Flybus nach Reykjavík kann ich zweierlei Islandreisende unterscheiden. Die Wiederholungstäter haben ein verklärtes Lächeln im Gesicht; die Ersttäter schauen eher ungläubig auf die Lavalandschaft in der Nachmittagsdämmerung. Der Herr neben mir beklagt den starken, kalten Wind. Ich wundere mich; für isländische Verhältnisse ist es eher windstill. Aber ich bin lieber still, er darf ja seine eigenen Erfahrungen machen.

2. Tag

Am nächsten Morgen werden wir pünktlich um 9.00 Uhr abgeholt. Valur, unser Fahrer, verstaut sorgfältig das Gepäck. Er wird sich als große Stütze unserer Rundfahrt erweisen, hält für Fotos an allen Stellen und bringt uns sicher durch Wind und Wetter. Unsere Reiseleiterin heißt Nína, sie ist gebürtig aus Hamburg, lebt aber schon seit 20 Jahren auf Island. Das ist mehr als ihr halbes Leben. Sie fühlt sich ganz als Isländerin und spricht die Sprache perfekt - jedenfalls für meine Ohren.

Auch im Deutschen ist sie eine wahre Sprachästhetin. Es macht Freude ihren treffenden und farbigen Formulierungen zuzuhören (Kostprobe: Hammelfleisch führt der Isländer sich nicht zu Munde!). Im Verlauf der Woche erzählt sie uns von Land und Leuten, Elben und Trollen, Göttern und Menschen, Sagas und Sagen, Historie und Histörchen. Sie findet das richtige Maß zwischen Fakten und Fiktion. Als Kindergärtnerin ist sie für die Betreuung von 45 Reisenden im Alter von 15 bis 75 Jahren bestens geeignet. Sie ist fröhlich und wiederholt geduldig alle wichtigen organisatorischen Informationen. Unsere Gruppe kommt aus Deutschland, Holland, Kanada und der Schweiz. Einige waren schon im Sommer auf Island, andere kommen zum ersten Mal und vor allem wegen der Nordlichter. Alle kommen auf ihre Kosten.

Wir starten mit einer kleinen Rundfahrt durch Reykjavík: Harpa, das großartige neue Konzertgebäude, ist in der Morgendämmerung noch besonders beleuchtet. Natürlich halten wir an Höfði, wo sich Reagen und Gorbatschow getroffen haben. Perlan bietet uns eine wunderschöne Rundumsicht auf die Stadt und bis hinein in die Ausläufer des verschneiten Hochlandes.

Höfði house

Höfði. Foto: Páll Stefánsson/Iceland Review.

Heute ist es wolkig und wirklich windig. Auf dem Weg nach Borgarnes haben wir in Mosfellsbær die erste Gelegenheit uns mit isländischen Wollartikeln aller Art zu versorgen. Besonders beliebt sind fürs erste Mützen und Handschuhe. Im Geschäft gibt es auch ein kleines Café, wo man aus dem großen Panoramafenster auf den Wasserfall hinter dem Haus schauen kann. Hier ist ein beliebter Treffpunkt für alle, die mit dem Strickstrumpf nicht so recht weiterkommen und Hilfe brauchen.

Weiter geht es durch den Tunnel unter dem Hvalfjörður. Der Wind wird immer stärker, der ganze Bus wackelt und klappert, aber wir kommen unversehrt auch am Hafnarfjall vorbei, einer besonders tückischen Stelle. Nach einer kurzen Mittagspause soll programmgemäß die Grábrók bestiegen werden, ein Vulkankrater gleich an der Ringstraße. Damit wir uns auf dem vereisten Grund halten können, bekommen wir eine Art Gummisandalen mit Metallspiralen. Aber der Wind, der jetzt auch für isländische Verhältnisse ein Sturm ist, lässt uns nicht weit kommen.

Als wir später am Deildartunguhver, einer der gewaltigsten Heißwasserquellen Europas, aussteigen, bekommen wir zum Wasserdampf einen Schneesturm dazu – ohne Aufpreis.

Es ist schon abenddämmrig und Nína entscheidet, es für heute gut sein zu lassen. Wir sind früher als geplant im Hotel in Reykholt und können die heißen Pötte geniessen. Die japanische Gruppe, die auch dort übernachten sollte, musste nach Reykjavik umkehren, weil die Ringstraße inzwischen gesperrt ist.

Nach dem Abendessen brechen wir trotz Sturm zur ersten Polarlicht-Expedition auf, aber bei bedecktem Himmel ist nichts zu sehen.

Laugardalur in Reykjavík

Reykjavik. Foto: Sverrir H. Guðmundsson/Iceland Review.

3. Tag

Morgens hat sich das Wetter beruhigt, und wir fahren noch bei Dunkelheit Richtung Stykkishólmur. Zum Sonnenaufgang sind wir schon in den Hügeln der Snæfellshalbinsel. Der Schnee leuchtet rosa-orange und am Horizont ahnt man den Snæfellsjökull im Dunst.

Hafengelände und Straßen sind in Stykkishólmur von einer dicken Eisschicht bedeckt und wir sind froh über unsere Gehhilfen. Bei strahlendem Sonnenschein und moderater Luftbewegung fahren wir mit dem Schiff kreuz und quer durch den Breiðarfjörður und bestaunen kleine Inseln mit merkwürdigen Basaltformationen; horizontal, vertikal, diagonal. Außerdem gibt es fabelhafte Wolkenformationen, von der Sonne farbig angestrahlt.

Wir fahren noch ein Stück weiter und besuchen einen Hai-Hersteller. Der ältere Herr erklärt ausführlich, wie der Stinkefisch hergestellt wird und wir dürfen probieren. Für mich riecht er kaum und schmeckt mild wie fetter Speck. Andere rümpfen die Nase - Geschmäcker sind eben verschieden. Zu bestaunen ist außerdem seine umfangreiche Sammlung von Steinen, Muscheln, Fischfanggeräten, Haushaltsgegenständen, präparierten Seetieren usw. alles säuberlich geordnet. An lebenden Tieren gibt es mehrere Hunde, Katzen und Pferde. Eine wahre ländliche Idylle am Fjord.

Auf dem Rückweg zum Hotel haben wir in Borgarnes die Wahl zwischen Schwimmbad und Museum. Ich besichtige die Ausstellung zur Egils-Saga: Ein wilder Geselle, den man heute wohl als dissozial einstufen würde. Zeiten und Menschen sind auch verschieden.

Leider gibt es nach dem Abendessen keine Nordlichter als Dessert.

Maria Wolf lebt seit ihrer Geburt zwischen Köln und Bonn; islandbegeistert seit 1999. Weitere Interessengebiete: Kunst, Kultur, Musik – vor allem Oper. Dafür reist sie gerne in die Metropolen Europas; dazu gehört auch Reykjavík.

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.