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Alle Wetter -Teil 2 (MW)

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Maria Wolf's picture

Fortsetzung des Artikels von vergangener Woche über meine Reise zu Islands Winterschönheiten.

4. Tag

In stiller Kälte besuchen wir bei Sonnenaufgang die Wasserfälle Hraunfossar und Barnafoss, die zum großen Teil gefroren sind. Wasser und Eis glitzern in kalten Blautönen in der aufgehenden Sonne. So viel Schönheit macht sprachlos.

Im Hvalfjörður ist das Meer grau und liegt glatt wie flüssiges Blei. Die alte Walfangstation wurde wieder aufgebaut. Ein Seehund liegt als „Kleine Meerjungfrau“ auf einem Stein.

Unser nächstes Ziel ist Þingvellir, wo sich seit meinem letzten Besuch einiges verändert hat. Am Eingang der Schlucht sind Felsen eingestürzt und es hat sich eine Spalte aufgetan, die von einer Holzbrücke überquert wird. Die Wege wurden verbreitert und teilweise befestigt. Die vielen Touristen bringen nicht nur viel Geld sondern auch Umweltzerstörung mit sich.

Fotos: Páll Stefánsson.

Ähnliches sieht man im Haukadalur. Derzeit diskutieren die Isländer heftig und kontrovers, ob hier demnächst Eintritt gezahlt oder gar eine generelle Touristenabgabe erhoben werden soll, mit der die Zugänge und Sicherungsmaßnahmen auch an anderen Naturschönheiten gepflegt werden können.

Heute kann ich die regelmäßige Show des Strokkur noch kostenfrei genießen. Am schönsten ist die blaue Kugel mit weißen Luftblasen, die wie ein gigantischer Briefbeschwerer aussieht, bevor das aufschießende Wasser sie zerreisst. Der Große Geysir liegt immer noch still im milchig-diffusen Nachmittagslicht, Litli Geysir blubbert fröhlich vor sich hin, überall dampft es gespentisch und es ist ganz still. Das ist mit Geld nicht zu bezahlen.

Den Gullfoss sehen wir nur vom Aussichtspunkt am unteren Busparkplatz, der Weg nach unten ist wegen der starken Vereisung gesperrt. Aber auch so ist es ein gewaltiges Schauspiel, wie sich das trübe schäumende Wasser über mehrere Stufen mit viel Getöse hinabstürzt. Wasser, Gischt, Eis und Himmel verschmelzen im Restlicht. Magisch - vielleicht tanzen auch Elfen.

Anschließend besuchen wir noch den Familienbetrieb Friðheimar, ein hochmoderner Tomatenzuchtbetrieb, der seinen Besuchern auch die Gangarten der Islandpferde präsentiert. Auf der vereisten Ovalbahn wird uns ein sogenanntes Fünf-Gang-Pferd vorgeführt. Pferd und Reiter – beide in schwarz – heben sich effektvoll vom weißen Schneehintergrund ab. Beim Rennpass scheinen die beiden zu fliegen. Ich bin voller Bewunderung.

Tanzende Lichter am Himmel sehen wir auch an diesem Abend leider nicht. Dafür ist das Hotel Hekla in der Nähe des gleichnamigen Vulkans besonders schön und gemütlich.

5. Tag

Bei trübem und regnerischem Wetter geht es an der Südküste entlang. Im Eyjafallajökull-Informationszentrum sehen wir einen Film darüber, wie die ansässige Bauernfamilie vom Ausbruch des Vulkans 2010 betroffen war. Die Familie wird viermal evakuiert und bei jeder Rückkehr sind die Schäden an Haus, Hof und Land schlimmer. Aber aufgeben gilt nicht. Schließlich lebt man seit Generationen am Gletscher. Mit Hilfe von Freunden und Fremden wird alles wieder gereinigt und repariert. Am Ende erweist sich die furchtbare Vulkanasche noch als Segen für Wiesen und Äcker. Starke Menschen in einer starken Natur.

Im Heimatmuseum am Skógarfoss lässt es sich der hochbetagte Initiator und Kurator der umfangreichen Sammlung nicht nehmen, seine Gäste persönlich zu begrüßen. Wie immer könnte ich stundenlang vor dem wunderbaren Wandteppich stehen, der die Begegnung von Gunnar von Hlíðarendi und Hallgerður Langbrók in Þingvellir darstellt. Jeden Moment erwarte ich, dass die beiden lebendig aus dem Bild springen.

Leider regnet es inzwischen heftig und wir gehen erstmal etwas essen. Danach schauen wir dem 60 Meter hohen Skógarfoss beim Herunterfallen zu. Wieder frage ich mich, was an herabstürzendem Wasser eigentlich so berauschend ist. Ein Rätsel, das auch heute nicht zu lösen ist.

Als wir am Strand von Reynisfjara aussteigen, hat heftiger Wind den Regen vertrieben. Das Meer schäumt, der schwarze Sand fliegt uns um die Ohren und am Himmel toben dunkle Wolken. Eindrucksvoll und bedrohlich erhebt sich der Basaltfelsen über uns. Bestimmt ein Troll, der vom Tagesanbruch überrascht wurde.

In der langen Nachmittagsdämmerung nähern wir uns jetzt dem großen Gletscher mit seinen vielen Gletscherzungen, die bis fast an die Straße heranreichen. Als wir in Skaftafell ankommen, ist es schon dunkel. Wetterbedingt verschieben wir die Abendfahrt zu Jökulsárlón auf den kommenden Tag.

Polarlichter: Fehlanzeige.

6. Tag

Der Tag beginnt großartig mit einem farbenfrohen Himmel in der aufgehenden Sonne: rosa-orange-gelb-violett. Immer wieder ist es ein märchenhafter Anblick, wenn die ersten Eisberge hinter den tristen Schotterhaufen der Moräne auftauchen, kurz bevor man über die Brücke fährt. Gerade wird das Wasser vom Strom der Ebbe ins Meer gesogen. Riesige Eisblöcke haben sich ineinander verkantet, stauen die kleineren auf und bilden eine fast geschlossene Eisfläche. Sie leutchtet in allen Schattierungen von weiß bis türkis, natürlich auch grau und schwarz von der eingeschlossenen Asche. Stundenlang kann man zuschauen, wie nichts passiert, und zu hören ist nur ein leises Klackern wie von Eiswürfeln in Martini.

Auf der anderen Straßenseite tost der Nordatlantik. Im schwarzen Lavasand liegen Eisbrocken aller Größen, die das Meer wieder zurückgeworfen hat. Wundervolle Skulpturen der Natur; durchsichtig, milchig, zart, massiv, poetisch, bedrohlich – schlicht unbeschreiblich.

Nach dem Abendessen fahren wir erneut zur Lagune auf Polarlichtsuche. Ich bin sehr skeptisch, weil ich dort vollkommene Dunkelheit erwarte. So gehe ich auf direktem Weg zum kleinen Touristen-Versorgungslokal und beschließe mich dort nicht fortzubewegen. Wäre ja zu blöd im Gletschersee zu ertrinken. Es kommt ganz anders: Die Sterne funkeln wie nie gesehen, der Halbmond beleuchtet Schnee und Eis, die das Licht reflektieren. Zu hören ist die Meeresbrandung - sonst nichts. Herz, was willst du mehr?

Auf der späten Rückfahrt zum Hotel sehen wir endlich die ersehnten Nordlichter als grüne Fahnen über dem Gletscher.

7. Tag

Der letzte Tag unserer Reise bricht an. Es wird ein Island-Supersonnentag mit wolkenlos blauem Himmel. Wir haben freie Sicht auf alle Gletscher der Südküste, dann weit hinein ins Hochland, dem der Kontrast von Schnee und Lava scharfe Konturen gibt. Wasserfälle und Flüsse leuchten weiß-blau-schwarz, das vertrocknete Gras ist golden, Flechten und Moose grau-grün. Am Strand von Vík schäumt das Meer weiß in langgezogenen flachen Wellen in den schwarzen feinen Sand. Die Hekla ist wolkenfrei, eine Seltenheit. Atemberaubend schön ist so ein Sonnentag auf Island und man vergisst, wie schauerlich es sein kann. Bei jedem Stop fotografieren alle, was das Zeug hält. Nur ich nicht - damit mir der Augenblick nicht entgeht.

Blue Lagoon, Iceland

Abends liegen wir ein bisschen erschöpft im warmen Wasser der Blauen Lagune. Eigentlich fehlt uns nichts. Und dann kommen sie ganz unverhofft und leise, die Polarlichter. Ganz großes Kino!

Auf der Fahrt nach Reykjavík halten wir nochmal an und bekommen eine weitere Himmelsshow: Eine Aurora Borealis wie ein Feuerwerk in Rottönen ist der krönende Abschluß unserer Reise.

Einstimmig beschließen wir wiederzukommen. Island – alle Wetter!

Maria Wolf lebt seit ihrer Geburt zwischen Köln und Bonn; islandbegeistert seit 1999. Weitere Interessengebiete: Kunst, Kultur, Musik – vor allem Oper. Dafür reist sie gerne in die Metropolen Europas; dazu gehört auch Reykjavík.

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