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Auf den Spuren von Elfen und Trollen (bv)

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Schlichtweg dämlich ist das Medienmärchen, soundsoviel Prozent der Isländer würden an Elfen glauben. Isländer halten alles Mögliche für möglich, sind aber nicht besonders glaubensstark. Und die Isländer, die sich lieber mit Elfen unterhalten als mit Menschen, die lernen Journalisten oder Touristen ohnehin nie kennen.

Sagengestalten wie Elfen und Trolle sind in Island ebenso präsent wie Grettir, Guðrún, Egill und andere Sagahelden. Als es auf dem Land noch keine Kindergärten gab, warnten die Eltern ihre Kinder vor einer gefährlichen, mit Trollnamen belegten Schlucht und wiesen sie an, die Elfen im benachbarten Hügel nicht zu stören.

Dass die þjóðsögur, die Volkssagen, auf Island eine größere Rolle spielten und spielen als beispielsweise Märchen in Deutschland, liegt unter anderem an ihrer Ortsgebundenheit. Die Gebrüder Grimm haben den lokalen Bezug der von ihnen gesammelten Volksüberlieferungen gekappt, sie ausgeschmückt und zu Kunstmärchen verarbeitet. Im Gegensatz dazu sind Jón Árnason, der vor 150 Jahren die erste isländische Sagensammlung herausgab, und seine Nachfolger schlichte Chronisten. Sie nennen Ort, Zeit und Zeugen: Den Hof, der von einer Trollfrau heimgesucht wurde, den Felsen, der von Elfen bewohnt wird. Die Namen derer, die von Begegnungen mit „übernatürlichen“ Wesen berichteten.

Ich schreibe übernatürlich in Anführungszeichen, denn eigentlich sind es ganz natürliche, d.h. mit der isländischen Natur verbundene Wesen, die jeder sehen kann, der mit wachen Sinnen durch Island wandert. Dass sich eine touristenorientierte Kitsch&Co-Produktion drumherum entwickelt hat, sollte nicht davon abhalten, sich mit den faszinierenden Volksüberlieferungen zu beschäftigen.

Elfen und Trolle cover

Brigitte Bjarnasons Buch in alter (links) und neuer Gestalt. Foto: Bernhild Vögel.

Dort wo die Elfenkönigin wohnt, dieses von Brigitte Bjarnason ehemals selbst verlegte Buch, kaufte ich, als ich das erste Mal mit der Fähre nach Island kam. Das war im Frühjahr 2007. Ein halbes Jahr später war das Buch in der Touristeninformation in Egilsstaðir nicht mehr erhältlich. Letztes Jahr wäre mir mein Exemplar beinahe in einem isländischen Gästehaus abhanden gekommen, daher hütete ich es wie meinen Augapfel, sollte es doch zwei zwölfjährige Mädchen und mich auf einer Wanderung durch die Víknaslóðir, die verlassenen Fjorde Ostislands begleiten.

Auf den Spuren von Elfen und Trollen in Island heißt das nun im Acabus Verlag herausgekommene Buch von Brigitte Bjarnason, eine überarbeitete und ergänzte Fassung von Dort wo die Elfenkönigin wohnt. Brigitte, die seit 1992 in Ostisland wohnte, ist 2006 nach Hafnarfjörður gezogen, arbeitet dort in der Stadtbücherei und betreut die deutsche Bibliothek.

Wie die alte Fassung beschränkt sich Brigittes neu erschienenes Buch auf Ostisland, ist aber ergänzt durch Informationen über die „Elfenstadt“ Hafnarfjörður. Das schöne an ihrem Buch ist, dass sie nicht nur einfach die Volkssagen wiedergibt, sondern sie mit Informationen, Wandertipps, Weg- und Ortsbeschreibungen verbindet.

Am Svartfell, dem Schwarzen Berg. Foto: Bernhild Vögel.

Die þjóðsögur spielen vielfach auf Höfen, die längst verlassen sind, oder an Hügeln und Felsen, die dem Ortsunkundigen nicht auffallen. Die Abgeschiedenheit – im Winter waren viele Höfe wochen- bis monatelang von der Außenwelt abgeschnitten – hat eine Vielzahl von Sagen und Überlieferungen produziert. Da tummeln sich Elfen, Trolle, See- und Meeresungeheuer sowie die verschiedensten Arten von Geistern.

Die isländischen Álfar, also die Elfen oder Alben, verfügen über übermenschliche Kräfte, die allerdings nicht unbegrenzt sind. Dies erinnert noch an die göttlichen Asen aus vorchristlicher Zeit, einen ihrer vermuteten Ursprünge. Sie leben in einer Parallelwelt, die dem Auge der Menschen normalerweise verborgen ist. Geschichten aus der keltischen Anderswelt, von Frauen und Sklaven mitgebracht, die sich die Nordmänner in Irland und den Hebriden zusammengeraubt hatten, dürften hier eingeflossen sein und sich mit christlichen Zusätzen vermischt haben.

Álfar fehlen noch gänzlich im Landnámabók, der Chronik über die nordische Besiedlung Islands, und auch in den Isländersagas findet sich – im Gegensatz zu Trollen – nur selten ein Hinweis auf sie. In der Saga von Kormák Ögmundarson (Isländersagas, Band 3, S.116) heißt es: „Nicht weit von hier ist ein Hügel, der von Alben bewohnt ist“. Ihnen soll der Widersacher von Kormák einen Stier opfern – die Álfar haben hier also noch den Status lokaler Gottheiten.

Hof Þrándarstaðir

Das Torfhäuschen erinnert an den ehemaligen Hof Þrándarstaðir. Foto: Bernhild Vögel.

Doch zurück nach Ostisland: Auf unserer Wanderung durch die verlassenen Fjorde passieren wir Þrándarstaðir. Der Hof ist längst verschwunden, aber ein kleines Torfhäuschen bezeichnet den Ort, an dem im 18. Jahrhundert der Zauberer Galdra-Vilhjálmur gelebt hat.

Dann erreichen wir Fagrihóll, den schönen Hügel, der die Mädchen zum Herumkugeln einlädt. Be careful with the elves, rufe ich Arney und Franka zu. Dann sitzen die beiden neben mir und lauschen der Erzählung von der Elfenfrau aus dem Fagrihól, die einer armen Fischerswitwe, die mit ihrem kleinen Sohn auf Þrándarstaðir haust, Schutz gewährt.

Fagrihól

Fagrihól, der schöne Hügel. Foto: Bernhild Vögel.

Brigittes Buch hat mich auf meinen Wegen durch Ostisland begleitet, mehrere der von ihr zusammengetragenen Volkssagen sind in mein, nun auch bald vergriffenes Abenteuerreisebuch Der Schleier der schwarzen Elfin eingeflossen. Holger, der Vater meiner Protagonistin Hulda, hat in Egilsstaðir ein Sagenbuch gekauft und die Tochter fragt ihn: „Liest du mir heute Abend eine Elfengeschichte vor, am besten eine, in der Elfen, Menschen und Trolle vorkommen?“ Erst nach langem Suchen findet Holger eine, die Huldas Ansprüchen genügt, denn die Sphären der Elfen und Trolle berühren sich in den Volkssagen fast nie. Doch Holger kann die Geschichte von der schrecklichen Trollfrau Gellivör nicht zu Ende erzählen ...

Jetzt kann man sie auf Deutsch nachlesen. Es freut mich, dass Brigittes Buch in erweiterter Form und übersichtlich gestaltet unter dem Titel Auf den Spuren von Elfen und Trollen nun auch in Deutschland erhältlich ist.

Der Fagrihóll wird gelegentlich auch als Kartoffelacker der Trolle bezeichnet. Doch liest man die ostisländischen Trollgeschichten aufmerksam, wird deutlich, dass sie meist in eine undatierte Vergangenheit weisen. Bereits im 16. Jahrhundert seien die männlichen Trolle ausgestorben, schreibt Brigitte in ihrer Einführung, die weiblichen im 19. Jahrhundert.

Ich bin allerdings der Meinung, dass all diese Wesen, ob Elfen, Trolle oder Seeungeheuer erwachen, wenn menschliche Fantasie auf die isländische Natur trifft.

Bernhild Vögel - [email protected] - www.birdstage.net

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