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Hólavallagarður (MW)

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Maria Wolf's picture

Die rote Katze mit weißem Bauch und ebensolchen Pfoten räkelt sich genüsslich auf dem vertrockneten Gras in der Mittagssonne. Freundlich lässt sie sich von mir kraulen. Wir treffen uns zufällig an einem meiner Lieblingsorte: In Hólavallagarður, dem alten Friedhof in Reykjavík, gleich oberhalb von Tjörnin.

Ich mag Friedhöfe und kenne viele. Hier kann man von der Hast des Lebens einmal ruhen. Auch als Lebendiger.

Hólavallagarður cemetry

Foto: Páll Stefánsson.

Auf Island gibt es viele kleine Kirchgärten an wunderschönen Stellen mit großartigen Aussichten auf Fjorde, Gletscher, Grasland, Steinöde. Als dieser Ort im Sommer 1838 zur Begräbnisstätte wurde, lag er noch außerhalb der Stadt im Weideland. Anfang des 20. Jahrhunderts mussten der Erweiterung drei Bauernhäuser weichen. Einer der Bewohner ließ sich später an der Stelle begraben, an der – ungefähr jedenfalls - einmal sein Bett gestanden hatte.

Hólavallagarður cemetry

Foto: Maria Wolf.

Solche Geschichten erfährt man aus einer Informationsbroschüre mit alten und neuen Fotos, die man im kleinen Verwaltungshaus kostenlos bekommen kann. Sie enthält auch einen Plan mit Hinweisen auf die Infotafeln, die besondere Grabstellen beschreiben.

Das ist natürlich interessant, aber man kann diesen Ruheort auch einfach so auf sich wirken lassen. Hohe Bäume, immer etwas Bemerkenswertes auf Island, stehen auf den Gräbern. Eschen, Birken, Ulmen, Vogelbeere und Fichten sind teilweise mehr als 100 Jahre alt. Im Sommer bieten sie zahlreichen Vogelarten Schutz. Licht und Schatten zaubern mit den Blättern ein sich ständig änderndes Muster. Im Herbst leuchten sie in Gelbgold, Orange, Rot. Im Winter kahl, tragen sie oft weiße Pracht.

Hólavallagarður cemetry

Foto: Páll Stefánsson.

In Island macht man nicht viel Aufhebens mit der Grabbepflanzung. Manchmal gibt es im Sommer Stiefmütterchen, Priemeln, Islandmohn oder Löwenmäulchen, die Hierzulande ziemlich groß werden. Meist sind die Gräber mit Gras überwachsen und es gedeihen Wildblumen: Storchenschnabel, Butterblumen, Weidenröschen, Schöllkraut, Schlüsselblumen, Engelwurz, Kamille – eine bunte Mischung. Jetzt im Februar liegen auf wenigen Gräbern noch kleine Gebinde aus immergrünen Zweigen und Weihnachts-schmuck.

Hólavallagarður cemetry

Foto: Maria Wolf.

Einfache Holzkreuze, Grabplatten und aufwändig dekorierte Stelen erzählen von Menschenleben. Einige wurden sehr alt, andere mitten aus dem Leben gerissen, Kinder starben vor ihren Eltern, manche nur wenige Tage alt. Der Interessierte erfährt, woher aus dem Land sie kamen, einige Ausländer sind auch darunter. Berufe sind angegeben: Bildhauer, Ärzte, Steinmetze, Großbauern, Komponisten, Opernsängerinnen, Kaufleute, Rechtsanwälte, Apotheker, Staatspräsidenten, Seeleute, Diplomaten, Dichter (Skalden). Manchmal ist hinzugefügt, dass Gott sie in Erinnerung behalten möge. Darauf kann man sich verlassen.

Hólavallagarður cemetry

Foto: Maria Wolf.

Hólavallagarður - ein schöner Ort, den man nur als Lebendiger genießen kann. In meinem Lieblingsbibelbuch Prediger 9:4 heißt es: „Denn wer immer den Lebenden zugesellt ist, für den ist Zuversicht da, weil ein lebender Hund besser daran ist als ein toter Löwe.“ Darin sind die Katze und ich uns einig.

Maria Wolf lebt seit ihrer Geburt zwischen Köln und Bonn; islandbegeistert seit 1999. Weitere Interessengebiete: Kunst, Kultur, Musik – vor allem Oper. Dafür reist sie gerne in die Metropolen Europas; dazu gehört auch Reykjavík.​

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