Reykjavík
7°C
SSW

Harpa (MW)

Ansichten

Maria Wolf's picture

Ein Lieblingsort

Zugegeben: Ich war noch niemals in New York – und auch viele andere Teile dieser Welt habe ich nicht gesehen. Aber ich kenne doch eine Menge beeindruckende Architektur, einschließlich der Pyramiden. Als Kölnerin war ich „natürlich“ bisher der Meinung, dass der Kölner Dom unübertroffen ist. Jetzt habe ich Zweifel.

Als ich im Februar 2007 in Reykjavík war, klaffte am Hafen ein gigantisches Loch. Bauzäune, Matsch und schweres Gerät überall. Genau an der schönsten Stelle mit dem besten Blick auf die Esja haben die Bauarbeiten für eine Konzerthalle begonnen. Ein bisschen überdimensioniert, finde ich – wie alles, was auf Island zu dieser Zeit gebaut wird. Als ob sie eine Bevölkerungsexplosion erwarten. Ich bin nicht erfreut.

Im Sommer darauf hat das Bauwerk schon Gestalt angenommen. Ein paar Monate später ist das Land pleite. Unfertige Wohnblocks sind heute noch stumme Denkmale des Desasters.

Harpa wird weitergebaut als eine Art Arbeitsbeschaffungsprogramm, nicht nur für die Beschäftigten im Baugewerbe. Hunderte Firmen im In- und Ausland sind Zulieferer, sogar China ist beteiligt. Ein finanzieller und logistischer Kraftakt für das angeschlagene Land. Sicher spielt auch der Gedanke eine Rolle, das nationale Selbstwertgefühl wieder aufzupolieren.

Die Eröffnung findet im Mai 2011 statt und Jonas Kaufmann singt dazu. Leider ohne mich. Das Leben beschäftigt mich gerade anderweitig.

Foto: Páll Stefánsson.

Meine erste Begegnung mit dem fertigen Bau ist im Sommer 2012. Erst am späten Nachmittag bin ich in der Stadt und gehe wie immer sofort auf „Inspektionstour“.

Von weitem sieht es aus, als ob Thor seinen Hammer verloren hat: schwarz, kantig, massiv, gewichtig. In der Nähe zeigt sich eine Fassade aus wabenartigen, teilweise gefärbten, Glaskörpern, die vielversprechende Einsichten und Durchblicke gewähren. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, spiegelt die Harpa sich selbst, ihre Umgebung und vice versa. Ein verwirrendes und aufregendes Vexierspiel

Von innen wird die Harpa vollends durchlässig. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingehen soll. Weiter hinten durch oder nach oben? Erstmal setze ich mich und atme tief durch und lasse den Raum auf mich wirken. Wotan singt in Wagners Rheingold:

Vollendet das ewige Werk:

Auf Berges Gipel

Die Götterburg;

Prächtig prahlt

Der prangende Bau!

Wie im Traum ich ihn trug,

wie mein Wille ihn wies,

stark und schön

steht er zur Schau;

hehrer, herrlicher Bau!

Dabei kriege ich immer Gänsehaut, wie auch jetzt in der Harpa.

Das Licht kommt von überall her durch die Glasflächen und Quader, wird reflektiert von Spiegelkörpern an der Decke des Treppenaufganges, malt farbige geometrische und abstrakte Muster auf den einfach graubeige gestrichenen Estrich von Boden und Treppen ab der ersten Ebene. Es bietet sich eine atemberaubende Rundumsicht auf das Meer, den Hafen, das Bergmassiv dahinter, die sinkende Sonne, den Himmel und die Wolken.

Im riesigen schwarzglänzend gefließten Foyer befinden sich der Kartenvorverkauf, zwei Geschäfte mit hochwertigen isländischen Designartikeln, ein Musikshop, ein Café und einige Sitzgelegenheiten für meditative Ruhepausen mit bester Aussicht. Seitlich des Treppenaufganges gibt es auf kleinen Plattformen Sitzgruppen und auf der obersten Ebene ein Nobelrestaurant mit Ausblick auf die Stadt.

Umschlossen von lavaschwarzen Steinwänden sind die verschiedenen Konzertsäle, Konferenzräume und Versorgungseinrichtungen. Vom allerfeinsten sind die Materialien und exquisit die Verarbeitung. Nach isländischen Naturschauspielen wurden die Säle benannt: Eldborg, Norðurljós, Silfurberg, Kaldalón (heißt auch ein Komponist).

Ich verbringe gut und gerne zwei Stunden dort mit Schauen und Staunen. Natürlich habe ich vorher Fotos gesehen; sie werden von der Realität weit übertroffen: Ein Gesamtkunstwerk.*

Als ich eine Woche später wieder zurück in der Stadt bin, ist Harpa mein erstes Ziel. Und ist es seitdem immer gewesen, auch bei meinem jetzigen Aufenthalt.

Zuhause sehe ich jeden Morgen den Kölner Dom, wenn ich mit der S-Bahn über die Hohenzollernbrücke zur Arbeit fahre. Hier in Reykjavík zieht es mich täglich zur Harpa. Am späten Nachmittag warte ich dann gerne an der schönsten Bushaltestelle der Welt mit Blick auf die beleuchtete Harpa und die schneebedeckte Esja. Dom oder Harpa – das ist nicht die Frage, wenn man beides haben kann.

* Anmerkung:

Harpa erhielt 2013 den Mies-van-der-Rohe-Preis für Moderne Architektur. Eine umfassende Dokumentation von Konzeption und Ausführung bietet das Buch „Við byggðum Hörpu/We built Harpa“. Die Texte in Isländisch und Englisch ziehen schöne Parallelen zwischen Architektur und Musik. Umfangreiches Bildmaterial zeigt Bauphasen, Konstruktionszeichnungen und Details. Im Abspann beeindruckt die namentliche Würdigung aller Beteiligten. Eine Empfehlung sowohl für Architektur- und Musikfans als auch für Profis. Herausgegeben ist es vom Bauträger IAV und maßgeblich beteiligten Unternehmen. Leider gibt es keine ISBN-Nr. und es kann wohl nur vor Ort gekauft werden.

Weitere Informationen und Fotos auf

www.harpa.is

www.wikipedia.org/wiki/European_Union_Prize_for_Contemporary_Architecture

www.frauenfischefjorde.de/FFF/Blog/Eintrage/2011/10/9_Hurz_in_der_Harpa.html

Maria Wolf lebt seit ihrer Geburt zwischen Köln und Bonn; islandbegeistert seit 1999. Weitere Interessengebiete: Kunst, Kultur, Musik – vor allem Oper. Dafür reist sie gerne in die Metropolen Europas; dazu gehört auch Reykjavík.​

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.