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Auf Gunnarssons Spuren (TT)

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Aus einer Laune heraus bewarb ich mich Mitte Dezember 2012 um einen Gastaufenthalt beim Isländischen Schriftstellerverband (RSÍ). Genauer gesagt war es keine Laune im eigentlichen Sinn. Ich war von einem Verlangen getrieben, dass wir alle umgangssprachlich nur als Sehnsucht kennen. Doch tief in mir war mehr, viel mehr. Da brodelte in meinem Herzen die Sehnsuchtsmagma. Was hatte dieses Brodeln ausgelöst?

In den Jahren 2009 bis 2012 besuchte ich mit meiner Freundin mehrmals die Insel, die so abgeschieden im Atlantik und gleichzeitig doch so zentral zwischen den Kontinenten liegt. Schon nach unserer ersten Reise wurde uns schnell klar, dass Island unsere Insel ist.

Als Lyriker, Kinderbuchautor und Flusspoet hat mich Island ganz besonders berührt. Diese Vulkaninsel am Polarkreis mit ihren unzähligen Bergen, Flüssen, Gletschern, Geysiren, Wiesen und Wüsten. Und nicht zu vergessen, die Menschen. Ihre ehrliche und offene Art vermisse ich jeden Tag!

In welchem heimatlichen Hallenbad kann ich meine Wertsachen sorglos in der Umkleidekabine liegen lassen, während ich ein paar Bahnen im Schwimmbecken ziehe?

Mitte Dezember also meine Anfrage beim RSÍ, die ich per Mail auf die Reise brachte. Als Schriftsteller weiß man, dass Stipendien- oder Gastaufenthalte auf der ganzen Welt in der Regel stark nachgefragt und die Organisatoren oftmals von einer Anfragenflut regelrecht überschwemmt werden. Aber, ich hatte da so ein Gefühl. Tief in mir. Da wo es brodelte. Und tatsächlich! Nach kurzer Prüfung meiner Bewerbung die Nachricht: Du kannst kommen. So flog ich also mitten im Winter am 22. Dezember erwartungsvoll nach Reykjavík. Schon jetzt darf ich verraten, dass alle meine Erwartungen bei Weitem übertroffen wurden.

Kannte ich die Hauptstadt Islands bisher als ruhig und überschaubar, schien sie an diesem Abend überzukochen. Alle Bewohner der Stadt, vielleicht sogar ganz Islands, schienen sich zum Weihnachtseinkauf in der City verabredet zu haben. Ich ließ mich noch an diesem Abend ziellos durch die Stadt treiben, deren mit zahlreichen Lichterketten geschmückte Häuser eine unvergleichliche Atmosphäre ausstrahlten. Unvergessen bleibt mir von meinem ersten Spaziergang auch der Blick auf den Berg Esja. Wie ein aus Marmor gemeißelter Schatten lag er regungslos in der Bucht vor Anker.

Um die ganze Stadt und die umliegenden Orte zu erkunden, kaufte ich mir ein Monatsticket für den Bus. Es amüsierte mich ein wenig, als die Verkäuferin ungläubig nachfragte, ob ich wirklich 4 Wochen bleiben wolle. Ja, das wollte ich, und von nun an eroberte ich mir jeden Tag einen anderen Teil der Stadt. Welch grandiose Aussicht hatte ich von Mosfellsbær aus hinüber zum Snæfellsjökull, der sich an jenem Morgen mit seiner majestätischen Ausstrahlung beinahe malerisch am Horizont zeigte!

 Thorsten TrelenbergIm Café Babalú. Foto: Thorsten Trelenberg.

Beinahe einen halben Tag verbrachte ich in einem Kaffeehaus in Hafnarfjörður. Schneeregen, Kälte und Glatteis trieben mich dort hinein. Eine wahre Wohlfühloase, die mich literarisch sehr inspirierte. Und sollte man in der Gemeinde Seltjarnarnes jemals einen Mieter für den Leuchtturm auf der Insel Grótta suchen, Birgitta und ich wären da nicht abgeneigt.

Regelmäßig konnte man mich abends bei jedem Wetter und bei jeder Temperatur in einem der Hotpots im Laugardalslaug antreffen. Hier finden die Menschen zu sich und zueinander. Nach einer entspannen Plauderei steigt manch einer aus dem heißen Wasser wie neugeboren hervor.

Auf die Dunkelheit des Winters angesprochen, kann ich für mich nur feststellen, dass ich damit keine Probleme hatte. Ganz im Gegenteil. Wenn erst gegen halb Elf die Sonne aufging, herrschte bis dahin noch ein diffuses Dämmerlicht, welches einen besonderen Reiz auf mich ausübte. Dieses Halbdunkel eröffnete mir einen ganz anderen Blick auf die Stadt, als dies in den Sommermonaten der Fall ist. Ich erlebte meine Tage in Reykjavík dadurch viel intensiver. Vielleicht lag es daran, dass ich bei diesem Licht doch genauer hingeschaut habe.

Ein wahrer Höhepunkt zum Jahresende war das farbenfrohe Silvesterfeuerwerk. Einfach grandios! So etwas Spektakuläres hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.

Was jeden Islandbesucher, der es nicht kennt, ehrfurchtsvoll erstarren lässt, ist das plötzliche Auftreten der Polarlichter. Ich konnte es nicht fassen, als ich dieses mystisch anmutende Naturereignis zum ersten Mal über Reykjavík sah. Wie von Zauberhand mit einem unsichtbaren Pinsel gemalt, öffnete sich plötzlich dieser flackernde tanzende Feuervorhang mit seinen leuchtenden Strahlen. Die Sterne dahinter sahen aus wie Diamanten. So etwas vergisst man nie.

Es folgten weitere, zum Teil sehr persönliche Highlights. Ob ein Tangoensemble in der Eingangshalle der Harpa öffentlich probte, oder ob ich vom eiskalten Wind im Schneetreiben auf der Sæbraut durchgeschüttelt wurde. Jeder einzelne dieser so intensiven Momente war für mich immer ein Glücksmoment der besonderen Art. Als ein besonderes Glück für die Bewohner und für die Besucher Reykjavíks habe ich ihre Kaffeehauskultur erlebt. Jedes dieser liebevoll gestalteten Cafés ist ein Kleinod sondergleichen, welches es zu bewahren gilt. Auch die Vielzahl der Museen, der Maler, Bildhauer, Musiker und anderen Künstler, die ich dort entdeckt habe, ist schier unglaublich.

Es gäbe ja noch so viel zu berichten …

Gunnarshús, Thorsten TrelenbergVor dem Gunnarshús. Foto: Thorsten Trelenberg.

Was aber macht so ein Aufenthalt mit mir als Dichter? Auch diese Frage will beantwortet sein. Nach ein paar Tagen löste sich der Knoten im Kopf. Es war jener Knoten, in dem alle Wörter und jenes schon beschriebene unstillbare Verlangen nach der Insel aus Feuer und Eis gefangen waren. Und so brach sie endlich aus, meine Sehnsuchtsmagma. Täglich schrieb ich Gedichte und Kurzgeschichten. Notierte mir ohne Unterlass stichpunktartig Eindrücke und Erlebtes, um diese später literarisch zu verarbeiten. Mittlerweile habe ich unter dem Titel EISLAND ein Booklet mit 31 Gedichten veröffentlicht, um der Nachfrage „nach Island“ bei meinen Lesungen nachzukommen. Weitere Veröffentlichungen sind geplant.

Da ich Gast im Gunnarshús war, wollte ich nach meiner Rückkehr mehr über Gunnar Gunnarsson erfahren. So weit möglich, habe ich mir alle deutschsprachigen Bücher von ihm besorgt und gelesen. Diese Lektüre hat mich sehr inspiriert. Als Lyriker antworte ich ihm nun auf die mir eigene Art. Immer wenn mich etwas in seinen Zeilen berührt, schreibe ich dazu ein Gedicht. Ein spannendes Projekt!

Unter dem Titel HIMMELSSEGLER habe ich nun eine kleine Auswahl von 58 Gedichten veröffentlicht, die ich Gunnar Gunnarson zum 125. Geburtstag (18. Mai) gewidmet habe.

Thorsten Trelenberg, Jahrgang 1963, ist Flusspoet, Lyriker & Kinderbuchautor. Bis heute veröffentlichte er 12 Gedichtbände, 13 Kinderbilderbücher, sowie eine CD mit vertonten Texten. 2012: Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur. Weitere Informationen unter www.thorsten-trelenberg.de

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