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Erster Mai in Grün

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Bernhild Vögel's picture

Um 13 Uhr war Treffpunkt am Hlemmur, dem Busbahnhof am Ende der Einkaufsmeile Laugarvegur. Die Umweltorganisationen hatten dazu aufgefordert, möglichst in Grün zur Maidemo zu erscheinen. Ich war schon etwas früher við hestinn, dem Denkmal für das Lastpferd, das bis weit ins 20. Jahrhundert die Transporte über Land übernahm, bevor es vom Lastkraftwagen abgelöst wurde und zum Sport- und Freizeitgefährten des Menschen avancierte.

Doch vor Punkt 1 Uhr ließ sich kein Demonstrant am Hlemmur blicken und ich hatte Zeit mich umzusehen und die Infotafel über den Platz zu studieren. Hlemmur heißt Topfdeckel. Vor rund hundert Jahren erhielt die Brücke, die über dem Bach Rauðará (Roter Fluss) errichtet worden war, diesen Spitznamen. Ansonsten gab es an dem Platz nur eine Zisterne, an der die Packpferde getränkt wurden. Verkehrsknotenpunkt ist der Hlemmur geblieben.

Ich beobachte einen Motorrad-Korso, der den Laugarvegur hinaufknattert; die Motorradvereinigung Islands zelebrierte ihr dreißigjähriges Bestehen, lese ich später im Morgunblaðið. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben sich die EU-Gegner versammelt. Eine Blaskapelle zieht vorbei und dann kommen plötzlich die Grünen von allen Seiten.

Hell- und dunkelgrüne Fahnen werden verteilt. Und bunte Schals mit der Losung Burt með fordóma. Die darauf abgebildeten Schilder mit Rollstuhlfahrern, Müttern mit Kindern, gleichgeschlechtlichen Paaren, Bücherwürmern (?), Fahrradfahrern, Hundehaltern etc. signalisieren, dass es um die Rechte von benachteiligten Personengruppen geht. Fort mit Vorteilen – das ist, so werde ich aufgeklärt, auch das Motto des Songs, mir dem die Band Pollapönk Island beim demnächst stattfindenden Eurovision Song Contest vertritt.

Worum aber geht es den Umweltorganisationen? Hätte ich es nicht schon gewusst, ich hätte es nicht erfahren, denn zum Transparentemalen hatte offensichtlich die Zeit gefehlt. Nur ein paar Leute hatten Schilder mitgebracht, mit Forderungen, die ihnen persönlich am Herzen liegen, dem Schutz des Flusses Þjórsá beispielsweise, dessen Lauf von geplanten Stauwerken bedroht ist.

Doch demonstriert wird unter dem Motte: Freier Zugang zur Natur. Die Isländischen Umweltorganisationen lehnen den von der Regierung geplanten Umweltpass ab, da er das althergebrachte Recht beschränken würde, unbewirtschaftetes Land zu betreten, unabhängig davon, wem es gehört. Auch befürchtet der Geschäftsführer von Landvernd, Guðmundur Ingi Guðbrandsson, ein solcher Pass kommerzialisiere das Verhältnis der Isländer zu ihrer Natur, das sich auf Liebe und Respekt gründen solle. Die Probleme, die durch den Massentourismus entstünden, müssten anders gelöst werden, zum Beispiel durch Einreisegebühren, Steuern auf Übernachtungen, Leihwagen und für anlegende Kreuzfahrschiffe führte Guðmundur Ingi in The Reykjavík Grapevine aus.

Am Hlemmur setzen sich die Züge in Bewegung und winden sich den Laugarvegur entlang, die Gewerkschafter mit den roten Fahnen vorneweg, zwischendrin Europagegner, Palästina-Freunde und Behindertengruppen. Die grünen Fahnen der Umweltorganisationen bilden das Schlusslicht, ohne Transparente, ohne Megaphon. Am Laekjartorg stehen ein paar Autonome mit schwarzen Katzen auf ihren roten Fahnen. Zwei verkehrsregelnde Polizisten – mehr Präsenz der Staatsmacht ist weder vorhanden noch nötig.

Wir beginnen, die grünen Fahnen vor dem Parlament „einzupflanzen“ und gehen dann zum Ingólfstorg, wo die Kundgebung bereits im Gange ist. Am meisten beeindruckt mich die Frau auf der Bühne, die für die gehörlosen Teilnehmer dolmetscht. Sie macht, so scheint mir, nicht nur Liedtexte, sondern auch Melodien hörbar.

Die Chöre auf der Bühne stimmen Maístjarnan (Der Maistern) an. Das Gedicht von Halldór Laxness, vertont vom Komponisten Jón Ásgeisson, kann jeder Isländer, ob alt oder jung, auswendig mitsingen. Nicht ganz so populär ist wohl die Internationale, deren erste Strophe am Schluss der Kundgebung gesungen wird: Der Text ist auf der Rückseite des Programmzettels abgedruckt.

Es ist schon irgendwie komisch, dass man im ziemlich vulkanlosen Deutschland singt: Das Recht wie Glut im Kraterherde / nun mit Macht zum Duchbruch dringt. Der Vergleich von Recht mit einem Lavastrom kommt in der isländischen Version nicht vor. Hier ist es die Welle der Freiheit, die sich am Strand bricht und den Untergang (ragnarök) der Unterdrückung ankündigt.

Einem einzelnen Teilnehmer war die erste Strophe am Schluss der Kundgebung nicht genug und so sang er lauthals die restlichen Strophen und hielt auch gleich noch eine Rede. Hören wir uns aber lieber Maístjarnan an, interpretiert vom Dómkórinn, dem Chor der Domkirche in Reykjavík.

Der Maistern

O wie leicht klingen deine Schritte und wie lang schon wart ich auf dich, da ist Frühlingskälte am Fenster, bitter kalter Wind, der pfeift, aber ich kenne einen Stern, einen Stern, der strahlt, und nun endlich bist du gekommen, bist gekommen zu mir.

Es sind harte Zeiten, es ist Arbeitsstreit, ich habe nichts anzubieten, nicht ein bisschen kann ich geben, außer meine Hoffnung und mein Leben, ob ich wache oder schlafe, das allein, was du mir gabst, das ist alles, was ich habe.

Heute Nacht aber endet der Winter für jeden tätigen Menschen, und am Morgen scheint die Maisonne, das ist seine Maisonne, das ist unsere Maisonne, unser einigendes Band, dafür trage ich die Fahnevom Zukunftsland.

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