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„Man weiß ja nicht, wie lange die Wale noch da sind“

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Rauf aufs Boot und Wale beobachten! Solche Ausflüge erfreuen sich bei Island-Urlaubern und Einheimischen großer Beliebtheit. Das erste Unternehmen, das solche Fahrten in Island anbot, war Norður Sigling/North Sailing in Húsavík in Nordost-Island.

Vor 20 Jahren startete das Familienunternehmen mit einem ausgedienten, restaurierten Fischerboot aus Eichenholz, dem Knörrinn, der auch heute noch im Einsatz ist. Inzwischen sind es sieben Schiffe, die täglich mehrmals in die Bucht Skjálfandi vor Húsavík auslaufen. Allein in Húsavík gibt es mittlerweile noch zwei weitere Firmen, die Walbeobachtungs-Fahrten anbieten, Gentle Giants und Salka Whale Watching. Zusammen mit dem Walmuseum hat sich der Ort in den letzten beiden Jahrzehnten zu Walbeobachtungs-Hauptstadt Europas gemausert.

Am Hafen in Húsavík.Beim Einsteigen in die Boote. Foto: Gabriele Schneider.

Die Walbeobachtungs-Saison dauert jedes Jahr von März bis Ende November, „bis dahin kann man viele Wale sehen“, erklärt North-Sailing-Mitarbeiterin Birna Lind Björndóttir. Allein in diesem Jahr nutzten weit mehr als 50 000 Personen das Angebot, und das nur bei North Sailing. Birna schätzt, die anderen beiden Unternehmen hätten zusammen nochmals etwa 20 000 Passagiere befördert. 2013 beobachtete North Sailing noch mit 43 000 Leuten Wale. Enorme Zahlen und enorme Steigerungen – und die Prognosen gehen dahin, dass es in Zukunft immer mehr werden. Auch die stete Zunahme an Islandurlaubern deutet darauf hin.

Den Winter über, wenn keine Fahrten zu den Walen stattfinden, warten eigene Mitarbeiter von North Sailing die sieben Boote und bereiten sie für die nächste Saison vor. Ein Unternehmen trage aber auch Verantwortung für seine Mitarbeiter, nennt Birna eines der Firmen-Kredos.

Am Hafen in Húsavík.Im Winter werden die Boote auf dem Trockenen gewartet. Foto: Gabriele Schneider.

Sicher, viele der Guides sind Schüler oder Studenten, die meisten von ihnen fahren nach dem Sommer wieder nach Hause in die Heimat. Aber es gibt auch zahlreiche ortsansässige Mitarbeiter. Ein Ziel von North Sailing ist es darum, auch im Winter viele Touren ganz verschiedener Art anzubieten oder andere neue Aufgaben zu schaffen, damit die Mitarbeiter das ganze Jahr über beschäftigt werden können; auch die aus dem Ausland, wenn sie mögen, wie Birna betont. „Man weiß ja auch nicht, wie lange die Wale da sind“, sinniert Birna, vielleicht kämen sie eines Tages ja einfach nicht mehr in die Bucht. Nicht zuletzt darum sei es gut, rechtzeitig Pläne zu schmieden, um Arbeitsplätze zu sichern.

Während im Sommer unter fachkundiger Führung Walbeobachtungsfahrten per Motor- oder Segelboot, Touren, bei denen auch die Papageientaucher besucht werden oder mehrtägige Segeltörns, unter anderem bis nach Grönland, auf dem Programm stehen, mussten für die Wintermonate neue Pläne her.

Zum Beispiel steht neuerdings „Ski to the sea“ zur Auswahl. Bei dieser Reise schippern bis zu zehn Personen zusammen mit ausgebildeten Schi-Führern auf Segelschiffen mehrere Tage lang entlegene Gebiete (Gipfel, Täler und Fjorde) an, wo sie Schi fahren. Übernachtet wird an Bord, denn das Schiff macht jeden Abend in einer anderen kleinen Bucht entlang der Nordküste Halt. So haben Gäste nicht nur ein einmaliges Wintersport-Erlebnis, sondern auch Zugang zu Gebieten, die in den kalten Monaten auf anderem Weg als über das Meer gar nicht erreichbar sind. Dazu gehören „Gipfel, die sich 1.000 Meter hoch erheben und Schneefall epischen Ausmaßes“, wie auf den Internetseiten von North Sailing zu lesen ist.

„Zwischen 800 und 900 Gäste, die an jedem Tag des Sommers zur Walbeobachtung in die Bucht transportiert werden, sind natürlich auch eine Belastung für die Umwelt“, weiß Birna. Sie ist die Verantwortliche für Sales und Marketing im Unternehmen, hat ihr Büro in Reykjavík, ist aber oft vor Ort in Húsavík.

Birna Björnsdóttir, North Sailing, Húsavík.Birna Lind Björnsdóttir. Foto: Gabriele Schneider.

Um Umwelt und Wale zu entlasten, hat sich North Sailing nun etwas besonders Innovatives und Wirksames einfallen lassen. „Unser Schoner Ópal wird das erste E-Boot, das erste Boot ohne CO2-Emissionen, das weltweit von einem Walbeobachtungs-Unternehmen eingesetzt wird“, verrät Birna. Entwickelt wurde der Antrieb in den letzten drei Jahren von Mitarbeitern des Unternehmens in Zusammenarbeit mit Fachleuten. Es handelt sich dabei um ein spezielles Hybrid-Antriebssystem, das anstelle von fossilen Brennstoffen erneuerbare Energien verbraucht.

Mit dem neuen Antriebssystem kann Ópal auf drei- bis vierstündigen Fahrten komplett mit Strom aus kleinen, mit erneuerbarer Energie geladenen Batterien angetrieben werden. Beim Segeln arbeitet ein Propeller als Turbine, die Strom für die Batterien produziert. Dieser Strom wird sowohl für den Antrieb als auch für die Instrumente an Bord genutzt. Ab kommender Saison heißt es darum in Húsavík: Leinen los ohne CO2-Ausstoß! „Wenn es gut klappt, und davon gehen wir aus, rüsten wir nach und nach alle Boote um“, verspricht Birna.

Am Hafen in Húsavík.Ópal und Knörrinn im Hafen von Húsavík. Foto: Gabriele Schneider.

Umweltfreundlich zeigte sich North Sailing schon immer, hatte von Anfang an die Idee der nachhaltigen Entwicklung im Blick. Genau darum sind auch alle eingesetzten Boote alte, ausgediente isländische Eichenboote, die zuvor als Fischerboote dienten. Dadurch wurde zusätzlich ein Stück kulturellen Erbes gerettet. Weiter ging es dann im Jahr 2002, als das Unternehmen begann, auch auf renovierte Segelschiffe zu setzen, die auf großen Teilen zurückgelegter Strecken einzig vom Wind angetrieben werden. Dies spart Energie und mindert den Schadstoffausstoß. Zudem sind Segelboote geräuscharmer, was für Mannschaft, Passagiere und Wale nur Vorteile bringt.

Walbeobachtung in Húsavík.Mehrere Boote beobachten den gleichen Buckelwal. Foto: Gabriele Schneider.

„Es geht um so vieles“, sagt Birna Lind Björnsdóttir. Es gehe um einen umweltfreundlichen Lebensraum für Mensch und Tier „und um die Zukunft der Kinder in Húsavík“. Denn wenn gute und umweltgerechte Arbeit für alle da sei, seien die Leute zufrieden, könnten im Ort bleiben und bräuchten nicht wegzuziehen. Auch darum zielt North Sailing darauf ab, ein führender Anbieter von umweltverträglichem Tourismus rund um die Küsten Islands und Ost-Grönlands zu werden. „Und das ist viel Arbeit“, meint Birna und lacht zuversichtlich.

Gabriele Schneider – gabriele(at)icelandreview.com www.Schreibwerkstatt-in-Island.de

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