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Wegen Lawinengefahr gesperrt

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Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, eine gehörige Iceland Review-Pause einzulegen, und mich – eingeigelt in Ísafjörður – ganz einem eigenen Schreibprojekt zu widmen. Doch man kann nicht den ganzen Tag schreiben, und das geplante Freizeitprogramm entfällt vorerst, nicht nur, weil ich mir eine Erkältung zugezogen habe, sondern auch, weil es dieser Tage keine so gute Idee ist, Schneeschuhe anzuschnallen und in Richtung der Berghänge zu stapfen.

Downtown Isafjörður. Foto: Bernhild Vögel.

Schnee gibt es derzeit in den Westfjorden reichlich. Schon als ich Anfang der Woche ankam, lag hier eine Menge der weißen Pracht, die der scharfe Wind immer mal wieder umverteilte.Doch in den letzten beiden Tagen schneite es weiter. Am Donnerstag bekam ich eine SMS auf mein Handy: Sudavikurhlid er lokud vegna snjoflodhaettu stand da. Die Straße zum Nachbarort Súðavík ist wegen Lawinengefahr gesperrt.

Mein erster Gedanke: „Woher haben die meine Handy-Nummer, wissen, wo ich bin?“ Ich schäme mich ein wenig dieser sehr „deutschen“ Reaktion, denn inzwischen wurde mir nachdrücklich klar, dass die „Überwachung“ allein meinem Schutz dient. Warnungen an alle, die sich in einem gefährdeten Bereich des Mobilfunknetztes befinden, werden seit letztem Jahr ausgesendet – Anlass zur Einführung des landesweiten Systems waren die wandernden Schwefeldioxidwolken infolge der Spalteneruption im Holuhraun.

Screenshot der Lawinenkarte von vedur.is.

Gestern konnte ich mittags kaum etwas sehen, als ich versuchte, mich durch Schneewehen und über blankgefegtes Eis zum Fischladen im Hafen durchzuschlagen. Gestern Abend dann kam eine neue Meldung von 112, die Straße nach Hnífsdalur sei wegen eines Lawinenabgangs gesperrt, eine Wegstrecke, die ich von einer Wanderung im vorletzten Sommer gut in Erinnerung habe. Und in bb.is, der Internetzeitung der Region, las ich, die Gedächtnisveranstaltung in Súðavík sei wegen des schlechten Wetters verschoben.worden.

Straße nach Hnífsdalur.Blick von Ísafjörður auf die Straße nach Hnífsdalur. Foto: Bernhild Vögel.

Vor 20 Jahren, am 16. Januar 1995, war eine Lawine auf Súðavík niedergegangen und hatte 14 Menschen das Leben gekostet. Unsere Redakteurin Eygló hat an das Ereignis, das sie selbst mitverfolgt hatte, in ihrer Kolumne in der englischen Iceland Review erinnert. Ich fasse einiges davon zusammen.

Die Rettungsteams konnten damals Súðavík nicht über den Landweg erreichen, denn es gibt nur diese eine Straße, die von Ísafjörður in das 200-Seelen-Dorf führt und die wegen des Schneesturms unpassierbar war. So kamen die Rettungsteams mit dem Küstenwachschiff und begannen in fieberhafter Eile nach Überlebenden zu graben.

Ein Mädchen, das damals 14 Jahre alt war, berichtete dieser Tage im TV-Magazin Kastljós über ihre Rettung – der gleichaltrigen Eygló ist ihr Bericht besonders nahegegangen:

Elma wachte in der Nacht von einem Knall auf und erschrak – vermutlich ein zuschlagendes Fenster. Sie versuchte aufzustehen, aber sie konnte nicht. Ein Schrank war auf sie gefallen, was ihr das Leben rettete, denn er verschaffte ihr Atemluft. Als sie nach einer Zeit der Bewusstlosigkeit wieder erwachte, hatte sie ihr Federbett im Mund. Sie konnte gerade noch ihren Kopf und ihre Finger bewegen, alle anderen Gliedmaßen waren eingeklemmt. Sie erinnerte sich, dass sie versuchte, Holzsplitter aus ihrem Mund zu entfernen.

Elma hat damals nicht realisiert, dass sie unter einer Lawine begraben lag. Sie vermutete, der Schrank sei wegen des schlechten Wetter umgefallen und wartete darauf, dass jemand kam, um sie zu befreien.

Doch ihr Bruder, der sonst immer von der Nachtschicht zurückkam, blieb aus. Schließlich begann sie laut zu schreien. Die Helfer hörten sie und schaufelten sie frei. Auf einer Matratze in der Fischverarbeitungsfabrik, die zum proviorischen Rettungszentrum umfunktioniert worden war, gelang es den Helfern, das Leben des völlig erschöpften Mädchens zu retten. Die physischen Wunden sind verheilt, aber die seelischen werden niemals heilen, sagt Elma heute, zwanzig Jahre später.

Acht der 14 Verschütteten, für die jede Hilfe zu spät kam, waren Kinder. Ein Ehepaar, berichtet Eygló, verlor alle ihre drei Kinder. Was für ein unvorstellbar grausames Schicksal! Schlimm auch, dass es für die Überlebenden keinerlei Hilfe gab, angesichts der traumatischen Ereignisse und der Schuldgefühle gegenüber den Toten einen Weg ins „normale“ Leben zurückzufinden. Sie mussten ihren Weg alleine gehen. Viele, so schreibt Eygló, haben sich entschieden, zurückzukehren und ihr Dorf wieder aufzubauen. Auch Elma.

Der Respekt vor den Opfern und Überlebenden mahnt, die Erinnerung an diese tragischen Ereignisse wachzuhalten. Und er mahnt zur Vorsorge, damit sich solche Katastrophen nicht wiederholen.

Lawinenverbauung bei Bolungarvík. Foto: Bernhild Vögel.

In Súðavík hat man einen sichereren Ort für den Wiederaufbau gewählt, in Flateyri, wo eine Lawine im selben Jahr 20 Menschenleben ausgelöscht hatte, wurden umfangreiche Lawinenverbauungen vorgenommen. Doch alles lässt sich nicht sichern, vor allem nicht auf den Straßen zwischen den Orten. Daher sind die Warnungen über das Mobilfunknetz und die Lawinenkarte von vedur.is wichtige Bestandteile des Sicherheitskonzepts, die jeder beachten sollte, der sich zur Winterzeit in den Westfjorden aufhält.

[email protected]www.birdstage.net

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