Reykjavík
8°C
NNE

Sundhöll am Sonntag

Ansichten

Bernhild Vögel's picture

Wer in Island am Sonntag ohne Not um sechs Uhr früh aufsteht, gilt als verrückt. Ich tat es heute, um mein morgendliches Arbeitspensum bis zehn Uhr zu schaffen. Denn sonntags macht die Sundhöll in Ísafjörður schon um 10 Uhr auf. Da werden nicht etwa Sünder in die Hölle geschickt – es handelt sich um das örtliche Schwimmbad, und ich hoffte, so früh wäre es noch nicht allzu voll. Denn das Schwimmbad ist klein, auch wenn der Bau, dessen anderer Flügel die örtliche Turnhalle beherbergt, Größe vortäuscht.

Um 10 Uhr morgens ist es zu Beginn des Monats þorri gerade dabei hell zu werden, doch sonntags schläft die Stadt noch tief. Sicherlich hatte es gestern eine Reihe von þorrablót-Abenden gegeben, die bekanntlich lang und alkoholisch ausfallen. In der Nacht hatte es ordentlich geschneit und ich konnte endlich wieder ausschreiten. Nach ein paar Tagen vorsichtigen Staksens über blankes Eis war das die reinste Wohltat.

Glatteis rund um Ísafjörður.Glatteis auf den Fußwegen rund um Ísafjörður. Foto: Bernhild Vögel.

„Sundhöll“ heißt Schwimmhalle, was besagt, dass sie, wie eine Reihe von Bäder in den Fjordorten, keinen Außenschwimmbereich hat. Angesichts der winterlichen Temperatur- und Windverhältnisse in den Westfjorden ist das verständlich, denn wer, wie viele hier, tagelang auf See weilt, hat sicherlich genug Frischluft abbekommen und mag es beim Schwimmen schön kuschelig warm.

Im Becken hatten sich erst fünf Badegäste eingefunden, es gab also genug Platz zum Schwimmen. Das Wasser erschien mir wärmer als letzte Woche, auch der Hotpot war heißer – offensichtlich lässt sich die Temperatur in dem alten Bad nicht so einfach regulieren. Es ist das älteste Schwimmbad in der Region und wurde 1945 in Betrieb genommen.

Sundhöll, ÍsafjörðurSundhöll, Ísafjörður. Foto: Bernhild Vögel.

Nachdem ich meine Runden gedreht hatte, inspizierte ich die Sauna. Denn sonntags und donnerstags ist in Ísafjördur Frauensauna angesagt. Da sich die Sauna aber im Bereich der Umkleide der Männer befindet, werden an diesen beiden Tagen die Schilder konur - karlar umgesteckt. Aus der Männer- wird nun die Frauenkabine – so einfach ist das. Allerdings ein bisschen ungerecht, da die Sauna an fünf Tagen in der Woche eine reine Männerdomäne darstellt.

Ist es eine Dampf- oder eine Trockensauna, hatte ich an der Kasse nachgefragt, und zur Antwort „with steam“ erhalten. Ich hatte also das übliche Dampfbad erwartet, freute mich aber darauf, mich hier dem Dampfvergnügen nackt hingeben zu können, denn in den gemischten Dampfbadebereichen in Island muss man dieser schweißtreibenden Beschäftigung im Badeanzug nachgehen.

Eingangsbereich der SundhölEingangsbereich der Sundhöll. Foto: Bernhild Vögel.

Umso überraschter war ich, als ich eine richtige kleine finnische Sauna vorfand. Die erste, die ich in Island antraf.

Und mit dem „steam“ hat es folgendes auf sich: Man erzeugt ihn, indem man mittels einer Kelle aus einem bereitstehenden Eimer Wasser auf die heißen Steine kippt. Ich war beim ersten Saunagang allein und blieb es auch beim zweiten. Für die Abkühlung wäre der Brauseschlauch aus der Frauendusche nützlich gewesen. Jedoch ein solcher fehlte im Männersalon, und ich musste mich mit einer kalten Dusche von oben herab begnügen.

Inzwischen waren mehr Frauen eingetroffen, die den wohl als Sauna-Ruheraum vorgesehenen Liegebereich flugs zum Mutter- und Kinderzimmer umfunktionierten. Da wurde nun gewickelt, gespielt und Kleidungstücke auf den Liegen verteilt. Das ist viel bequemer, als sie im Nebenraum an die Haken zu hängen (abschließbare Fächer und Schränke braucht man hier ohnehin nicht).

Ich hockte mich zur Rast also auf irgendeine Bank und begann zu ahnen, dass es vielleicht doch nicht nur Diskriminierung ist, wenn sich die Frauen mit zwei Saunatagen in der Woche begnügen müssen. Eine Ursache könnte in mangelndem weiblichen Interesse liegen. Zumal bei Frauen, die mit ihren Sprösslingen das Schwimmbad besuchen.

Vor der SundhöllVor der Sundhöll. Foto: Bernhild Vögel.

Auch wenn Abkühlung und Ruhe etwas zu kurz gekommen sind, bin ich doch hochzufrieden von meinem morgendlichen Badeausflug zurückgekehrt. Ich weiß nun, dass ich noch längst nicht alle Geheimnisse der isländischen Badekultur erforscht habe, und dass nur eines zur Meisterschaft verhilft: Jedes einzelne Bad mit allen seinen Komponenten ausprobieren. Allein in der Gemeinde Ísafjarðarbær gibt es noch drei weitere, denn auch Flateyri, Þingeyri und Suðureyri besitzen ein Schwimmbad, vom nahen Bolungarvík, das nicht zur Gemeinde gehört, mal ganz abgesehen.

Dies Programm wird sich in den nächsten Wochen wegen Inkompatibilität zwischen den Fahrzeiten der Busse und den Öffnungszeiten der Schwimmbäder kaum realisieren lassen – aber Sudureyri mit seinem modernen Außenbad und zwei Hotpots könnte ich vielleicht in den zwei Stunden, die zwischen Ankunft und Abfahrt des Busses liegen, schaffen.

Übrigens gibt es allein in den Westfjorden 17 Badeeinrichtungen, wie man einer Liste bei sundlaug.is entnehmen kann.

[email protected]ww.birdstage.net

Die in dieser Rubrik veröffentlichten Beiträge geben nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.