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Sommerfreude mit Prins Póló

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Bernhild Vögel's picture

Egal, was das Thermometer sagt, in Island heißt es heute endlich gleðilegt sumar! Denn am ersten Donnerstag nach dem 18. April beginnt nach dem langen Winter der lange Sommer und das ist ein Grund zum Feiern und zum sich gegenseitig Beglückwünschen. Froher Sommer!

Wir wollen heute den Sommerbeginn mit Prins Póló feiern.

Vor einigen Tagen ging ich in Braunschweig über den Flomarkt, um am Stand mit den polnischen Spezialitäten endlich mal wieder Prince Polo-Riegel kaufen zu können. Die sehen aber so anders aus, nörgelte ich. Aber das ist doch die Jubiläumsverpackung!, klärte mich der Verkäufer auf. Und dann las ich es Edycja Limitovana. Das ist polnisch und heißt Limitierte Edition.

Foto/Montage: Bernhild Vögel.

Denn der Prinz ist nun auch schon betagt und 60 Jahre alt geworden. Und es ist heute sicherlich der geeigneste Tag, seinen Geburtstag zu feiern. Denn Sumargleðin (Sommerfreude) und Prins Póló gehören zusammen.

Hört selbst, liebe Leser, was uns Dr. Gunni auf seiner Internetseite bereitgestellt hat: Sumargleðin – Prins Póló

Der Refrain ist ganz einfach und geht so:

Eins und zwei und Prins Póló. Das ist vielleicht ein Kerl, dieser Prins Póló,mampft den ganzen Tag nur Prins Póló.Wie verträgt der Magen all den Prins Póló?Mir ist schon ganz oh.

Es ist das Lied eines Seemanns, der sich von Prins Póló ernährt und sich beschwert:

Niemals können sie sich meinen Namen merken, sie nennen mich immer nur Prinz, Prinz, Prinz. Ich hab ihnen schon so oft gesagt, dass ich Steingrímur Ragnar Gestsson heiße. Dann fragen sie mich immer, ob ich mich für Politik interessiere. Was geht da eigentlich vor?

Der Name Steingrímur Ragnar Gestsson spielte auf drei mächtige Politiker an, z.B. auf Steingrímur Hermannsson, den damaligen Vorsitzenden der Fortschrittspartei. Das Lied ist von 1981, den Text hat Þorstein Eggertssos geschrieben, gesungen wird es von Magnús Ólafsson. Manchem mag die Melodie bekannt vorkommen …

Magnús Ólafsson (links) beim Prins Póló-Importeur (Q: Dr. Gunni).

Die Geburtsstunde von Prince Póló schlug 1955. Im kleinen Städtchen Cieszyn (Teschen) an der polnisch-tschechischen Grenze begann die Konditorei Olza (benannt nach dem gleichnamigen Oderzufluss) mit der Produktion der schokoüberzogenen Waffel.

Im kalten Krieg machte Island, obwohl US-amerikanischer Stützpunkt, ausgedehnte Geschäfte mit den Staaten des Ostblocks. Island lieferte Hering und Polen im Gegenzug Holz, Wodka und Prince Polo. Eigentlich war die Einfuhr von Süßkram in Island verboten, aber die Importfirma Ásbjörn Ólafsson ehf. verbuchte die Prins Póló Riegel als seriöse Kekse.

Importeur Guðmundur Björnsson 1997 (Q: Morgunblaðið) und eine der ersten Annoncen für Polo-Kekse 1955 (Q: Framsókn).

Sofort bemächtigte sich die Jugend der leckeren Waffeln, während die älteren Generationen noch tapfer am morgendlichen Haferbrei festhielt. Doch bald trat der süße Prinz zusammen mit noch süßeren Limonaden, insbesondere Coca Cola (kók), seinen Siegeszug durch Island an. Kók og prins pólo wurden, so vermerkte Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness þjóðarréttinn, Volksnahrung. Und in seinem Roman Am Gletscher schrieb er:

An und für sich ist es kein geringes Lob für die Moral einer Nation, wenn darauf hingewiesen werden kann, dass sie, als sie reich geworden war und Geld hatte wie Heu, nicht nach dem Beispiel anderer reicher Nationen verfuhr und werktags Braten und Pasteten und sonntags gepfefferte Pfauen aß, dazu Würz- und Rotwein trank, sondern sich nach der gesäuerten Blutwurst und dem Walfleisch vieler Jahrhunderte als einzigen Leckerbissen Prinz-Polo-Kekse leistete.“

Und das nicht zu knapp: Pro Kopf und Jahr verspeisten die Isländer ein Kilo davon. Inzwischen hat sich der Verbrauch etwas reduziert, doch beliebt ist der Riegel, dessen Produktion 1993 ein multinationaler Konzern übernommen hat, weiterhin.

Verpackungswechsel 1995.

Im Namen des Prinzen wurden Einbrüche begangen, bleibende Fettpolster angesetzt und der Wechsel der goldenen Papierverpackung zu Folie leidenschaftlich diskutiert.

1976 besuchten Journalisten der sozialistischen Zeitung Þjóðviljinn (Volkswille) die Produktionsstätte in Cieszyn und klärten anschließend ihre Landsleute auf. Olza sei nicht, wie viele Isländer glaubten ein Betrieb mit 20 Arbeitern, die ausschließlich für den isländischen Markt produzierten, sondern ein Großbetrieb mit 500 Beschäftigten. Wenn die Deutschen, so erklärten die Olza-Manager, solche Mengen an Prinzen verspeisen würden wie die Isländer, dann müssten sie die Produktion um das 500-fache erhöhen.

Besuch in der Prins-Póló-Schmiede Olza in Cieszyn (Þjóðviljinn, 21.9.1976)

Immer wieder kam es zu gefährlichen Engpässen. Nach den Weihnachtstagen, Anfang 1982, war Prins Póló restlos ausverkauft, die Ladung von 30 Tonnen (ungefähr zwei Monatsrationen für das ausgehungerte Island) hatte den Hafen von Gdynia noch nicht verlassen. Auch dem Bankenzusammenbruch vom Oktober 2008 folgten Monate schmerzhaftesten Prins Póló-Entzugs.

Zum Schluss bleibt eine Frage zu klären: Wo kommt die Melodie des Prins-Póló-Liedes her? Das Orginal heißt Huschi Buschi, handelt lustigerweise von immer störenden Touristen und wird vom schrägen Schlagersänger Frank Zander gesungen. Allerdings hört sich Huschi Buschi gegen die kantige Póló-Version von Magnús etwas weichgespült an.

Und natürlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass es inzwischen einen Sänger gibt, der sich Prins Póló nennt und vor kurzem einen Musikpreis für sein Album Sorrí gehalten hat. Mit bürgerlichem Namen heißt er Svavar Pétur Eysteinsson, er hat auch den Titelsong für den Film París Norðursins (Paris des Nordens) geschrieben.

Gleðilegt sumar!

PS: Und hier gibt es noch eine lustige Seite aus polnischer Sicht mit Halldór Laxness und Prinz-Island-Videos.

[email protected]www.birdstage.net

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