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Ganze Tage im Café

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Ganze Tage im Café

By Bernhild Vögel
Ganze Tage im Café

Photo: Bernhild Vögel

Vielleicht macht sich ja jemand mal die Mühe und rechnet aus, wie viel Alkohol in diesem Roman vertrunken wird. Der Insel Verlag hat ihm den Titel Ganze Tage im Cafe verpasst. Dabei heißt er im isländischen Original schlicht Korter. Das bedeutet Viertel – nicht Stadtviertel, sondern Viertelstunde – hier der fiktive Name eines Cafés in Bankastræti in Reykjavík.

„Viertel nach“ ist bei den vier jungen Frauen Ende Zwanzig angezeigt, deren Beziehungen entweder gerade den Bach hinunter geflossen sind oder die sich solo durchs Leben trinken und schlafen.

„Ich glaube, dass sich sowohl Männer als auch Frauen zwischen 20 und 30 mit den Hauptpersonen des Buches identifizieren können,“ meinte Sólveig Jónsdóttir im Gespräch mit Sagenhaftes Island, als ihr Debütroman 2012 in Island erschienen war. Umgerechnet aufs deutsche Publikum liegt das Identifikationsalter eher bei 30 bis 40.

Sólveig, Jahrgang 1982, die im Erscheinungsjahr von Korter gerade selbst die magische Dreißig erreicht hatte, sprach auch von den Minderwertigkeitsgefühlen junger Isländerinnen, die die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen.

Diese Erwartungshaltung der isländischen Gesellschaft beschreibt Alda Sigurðardóttir in ihrem Kleinen Buch über die Isländer. „Der verdeckte und offene Druck, Kinder zu haben, ist heftig.“

Im Roman von Sólveig bedarf es nur der kurzen Bemerkung des Bäckers Vésteinn: „Vielleicht solltet ihr ja auch allmählich einmal daran denken, den Haushalt zu vergrößern“, damit Tochter Silja glaubt, sich rechtfertigen zu müssen. Dass sie Ärztin ist, zählt nicht, denn auch eine beruflich stark geforderte Isländerin sollte nicht auf Kinder verzichten.

Im Idealfall gehört dazu ein fester Partner, doch Siljas Ehemann Baldur zerstört mit einem dreisten Seitensprung die Familienperspektive.

Viertel nach, Torschlusspanik. Ich kriege mein Leben nie mehr auf die Reihe, denkt Karen, wenn sie nach ausgiebigem Barbesuch verkatert erwacht.

Und dabei geht es nicht vorrangig um das berufliche Leben. Es ist durchaus nicht unüblich, nach dem Studium erst einmal zu jobben, anstatt sofort die Karriereleiter zu erklimmen. Hervör, die im Café Korter arbeitet, sucht nur noch zwecks gelegentlicher Liebesspiele ihren ehemaligen Prof auf.

Sólveig: Wenn wir nun in diesem Cocktail eine Prise Herzschmerz und einen Schuss niedriges Selbstbewusstsein hinzugeben, plus einige alkoholische Getränke in einer Bar und einen stockfinsteren Polarwinter, käme das Ergebnis der Erzählung in diesem Buch sehr nahe. Ein heiteres Geflecht von Problemen, aus denen man sich befreien muss.“

Solche Cocktail-Romane, die ein bisschen Lebenshilfe mit Lesespaß verbinden, und in denen die Protagonistinnen oft vor dem Spiegel oder dem Kleiderschrank stehen, gibt es unter der als „Frauenbuch“ etikettierten Literatur haufenweise. Da es eine Weile her ist, dass ich einen solchen gelesen habe, fehlt mir der Vergleich.

Flott geschrieben und übersetzt und amüsant zu lesen ist Ganze Tage im Café allemal. Und was den Roman sicherlich von anderen seines Genres unterscheidet, sind drei speziell isländische Zutaten –cum grano salis – steckt doch hinter jeder Übertreibung ein Körnchen Wahrheit.

Erstens Familie: Sie wacht darüber, dass die Frauen nicht im Alkohol- und Depressionssumpf versacken. Familie ist vielleicht ein bisschen irreführend, denn auch in Island ist sie vielfach nicht mehr intakt. Bei Karen übernehmen die Großeltern die Elternrolle, bei Silja ersetzt der Vater mehr oder weniger die abwesende Mutter, für Mía ist der Bruder eine wichtige Stütze.

Zweitens Männer: Isländer bevorzugen laut Roman schnellen Sex im alkoholisierten Zustand und kommen als unsensibel und unkommunikativ ziemlich schlecht weg. Nichtisländer, ob Immigrant oder Tourist, scheinen dagegen wahre Lichtblicke für die Frauenwelt zu eröffnen – zumindest in der Werbungsphase, die einige jüngere Isländer als komplett überflüssig erachten.

Drittens Chefs: Dem Besitzer des Café Viertel ist eigentlich alles wurscht, solange der Laden läuft. Die zwei hauptverantwortlichen Mitarbeiter dürfen sich schon so einiges erlauben (das Café zum Beispiel für ein paar Stunden einfach zumachen). Einmal im Jahr gibt es ein Betriebsfest, bei dem alles aus dem Ruder läuft. Das tut es sicher auch anderenorts. Doch wo in aller Welt lässt sich ein Chef von seiner Angestellten dermaßen schmerzhaft in seine Weichteile treten, ohne sie auf der Stelle zu feuern?

Bernhild Vögel

[email protected]
www.birdstage.net

Sólveig Jónsdóttir
Ganze Tage im Café
Aus dem Isländischen von Sabine Leskopf
insel taschenbuch 4281
415 Seiten, 9,99 Euro.