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Sternenstaub auf den Fingerkuppen

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Sternenstaub auf den Fingerkuppen

Cover Steinunn Sigurðardóttir: Sternenstaub auf den Fingerkuppen

Photo: Bernhild Vögel

„Als ich 1995 Herzort veröffentlichte“, sagt Steinunn Sigurðardóttir, „waren die Gletscher noch das Symbol der Unvergänglichkeit. Nur zehn Jahre später, im Sonnenscheinpferd schmelzen die Gletscher, sind sterblich.“

Steinunn lebt seit vielen Jahren im Ausland, in Frankreich, in Berlin, aber ihre Liebe gilt ihrem Heimatland Island und ihre Seele wohnt am Rand der Gletscher, dort wo das Moos das Eis berührt.

Wir haben uns in Berlin getroffen, um über ihren Gedichtband Stjörnuryk á fingurgómum – Sternenstaub auf den Fingerkuppen zu sprechen, der 2011 im Buchkunst Verlag Kleinheinrich erschienen ist.

Ein wunderschöner Band mit drei Zyklen von Liebesgedichten im Original und in der gelungenen Übersetzung von Gert Kreutzer. Dazu neun Aquarelle von Georg Guðni, der die karge Schönheit der isländischen Landschaft meisterhaft aufs Papier gezaubert hat. 2011 hat er sich von Steinunns Gedichten (Ástarljóð af landi, Liebesgedichte vom Land, heißen sie im Original) inspirieren lassen – vielleicht seine letzten Arbeiten, denn er verstarb in jenem Jahr.

Im ersten Zyklus steht die Liebe zwischen Frau und Mann im Mittelpunkt, im zweiten verbindet sie sich mit der vergänglichen Schönheit des Spätsommers. Bevor ich Steinunn erklären kann, dass ich den dritten in den Mittelpunkt meiner Besprechung stellen will – beginnt sie über ihn zu sprechen.

Dieser Zyklus heißt Das Land Es-War-Einmal. Es war einmal ein Land, gänzlich unberührt von Menschen, bis die Papar, irische Mönche, in ihren kiellosen Nussschalen-Booten, Curragh genannt, die „letzte Insel“ im Nordmeer erreichten. Wann das war, darüber streiten sich die Gelehrten. Im Íslendingabók, dem etwa 1125 verfassten Buch über die Isländer, heißt es, die christlichen Iren seien fortgesegelt, weil sie nicht mit den heidnischen Nordmännern zusammenleben wollten, die um 870 begannen, sich auf Island niederzulassen.

Für den namenlosen Einsiedlermönch in Steinunns Gedicht ist die entdeckte Insel das Land der Verheißung und sein ganz persönliches Paradies.

Als er sich bewusst wurde, wohin er gekommen war

(und das geschah nicht nach und nach, sondern in einer Offenbarung)

war er so durcheinander

dass er in Ekstase fiel, einen ganzen Tag lang.

Könntest du dir vorstellen, auch einen Roman über den Einsiedler zu schreiben, frage ich Steinunn. „Einen historischen Roman? Nein!“ Geschichtliche Fakten würden ihre Fantasie allzu einengen, können aber ebenso wie sagenhafte Überlieferungen Anregungen bieten.

War da doch im sechsten Jahrhundert der irische Priester Brendan der Reisende, der das Nordmeer auf der Suche nach der Terra Repromissionis, dem verheißenen Land, durchkreuzt haben soll. Die wohl erst im 9. Jahrhundert entstandene fantastische Reisegeschichte Navigatio Sancti Brendani war ein Bestseller im mittelalterlichen Europa.

Dann gab es noch den iro-schottischen Mönch Dicuil, der in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts als Geograph wirkte und dessen Werk De mensura Orbis terrae den ersten Bericht über die irische Ansiedlung auf Island enthält.

Steinunns Einsiedler betätigt sich ebenfalls als Geograph und damit auch als Wortschöpfer:

Er war natürlich ein Dichter, auch wenn er sich nicht so nannte.

Ständig an Namen denkend, sogar auf Kosten des Betens.

Als er die Insel verließ, die er das Hellgrüne Land

nannte, weil sie so hell und grün war,

hatte er 1950 Berge, Wasserfälle, Seen, Flüsse, Bäche, Gipfel, Bergspitzen getauft.

In der legendären Navigatio wird berichtet, Brendan und seine Gefährten seien auf die Insel der Schmiede zugesegelt, ein Eiland sehr rauh, felsig und voll Schlacke. Auf Rat Brendans landeten sie nicht an, hörten aber bellende Geräusche, laut wie rollender Donner, und den Klang der Hämmer auf Eisen und Amboss. Mit glühenden Schlackeklumpen vertrieben trollähnliche Schmiede die Seefahrer, die weiter gen Westen segeln auf der Suche nach der Insel der Seligen. So nachzulesen in Tausend Jahre vor Kolumbus von Timothy Severin, dem Abenteurer, der Mitte der 1970er Jahre Brendans vermuteten Reiseweg in einem Curragh nachvollzogen hat.

Auch Steinunns Einsiedler erlebt auf seiner Rückfahrt, wie sich tausend Schmiede in dem weißen Berg regten, den er kurz zuvor auf den Namen des irischen Heiligen Patrick getauft hatte. Für ihn bleibt das Hellgrüne Land das Land der Verheißung, auch wenn der gekränkte Heilige mit einem heftigem Ausbruch reagiert.

Und die Asche taumelt hinter dem Schiff her

wie Schmetterlinge, die das Licht suchen.

Das Gedicht endet nicht mit der Rückkehr des Einsiedlers, der sich verpflichtet fühlt, sein Wissen vom Paradies weiterzugeben. Wie es schließlich dazu kommt, dass der Mönch im Jahre 2006 am Ufer des Þingvellir-Sees erwacht, das möchte ich hier nicht verraten.

Doch es ist ein schreckliches Erwachen:

Nicht nur sich selbst entrissen, die grüne Haut. Die Berge entstellt, enthäutet.

Wasserfälle in Fesseln. Gruben und Gräben. Ein verödetes Land.

Die Ballade vom Einsiedler und seinem Paradies wird zur Elegie. Hat er, der Wiedererweckte, eine Chance, das geschändete Paradies aus den Klauen namenloser Trolle zu befreien?

Steinunns Gedicht Das Land Es-War-Einmal ist die schönste und berührendste Liebeserklärung an Island, die ich kenne. Wie es ihr gelingt, den Ton des Gedichtes so leicht und schwebend zu halten und die Poesie mit einem Gramm Ironie zu würzen, wie sie, statt in pathetischen Zorn zu verfallen, in die Tränen der Trauer und Wut ein verschmitztes Lächeln zaubert – das ist Steinunns unvergleichliche Zauberkunst, der wir auch in ihrer Prosa begegnen.

Bei den offiziellen Feierlichkeiten zum isländischen Nationalfeiertag trägt eine Fjallkona (die Island symbolisierende Bergfrau) traditionell ein Gedicht vor – im Jahre 2006 war dies Steinunns neues Poem Das Land Es-War-Einmal, an dem sie über Jahre hinweg in Südfrankreich gearbeitet hatte.

„Es war nicht von Anfang an ein Umweltkrimi“, sagt Steinunn. „Aber du weißt, was damals los war, mit den Zerstörungen im Hochland und dem Bau des riesen Staudamms. Und dann, am Nationalfeiertag, da sollte ich, die Dichterin des Jahres, auf dem Austurvöllur, dem Platz vor dem Alþingi, zusammen mit dieser ganzen Kárahnjúkar-Regierung sitzen! Kannst du dir das vorstellen? Ich habe das nicht gemacht. Und heute? Heute habe ich wieder Angst um das Land, denn die Politiker knüpfen an den Zerstörungswahn der Vorkrisenzeit an.“

Der Einsiedler musste angesichts seines geschändeten Paradieses erkennen:

Kein Troll am Werk, sondern die Wikinger selbst.

Mit den großartigen Waffen der Gegenwart gerüstet. Gegen ihr Vaterland.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Steinunn Sigurðardóttir: Stjörnuryk á fingurgómum – Sternenstaub auf den Fingerkuppen. Ljóð – Gedichte. Aus dem Isländischen von Gert Kreutzer. Georg Guðni Vatnslitir – Wasserfarben. Kleinheinrich, 2011