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Im Schwanenhals

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Im Schwanenhals

Helga M. Novak: Im Schwanenhals

Photo: Bernhild Vögel

Sie fiel durch alle Raster. In Ost wie West wie Nord. Die Schriftstellerin Helga M. Novak, die laut ihrem isländischen Pass María Karlsdóttir hieß.

Die neunzehnjährige Helga hatte sich 1954 in Leipzig immatrikuliert. Doch die Freude am Studium der Publizistik verflog schnell und im Studentenheim „war das Vertrauen nicht gut und die Kontrolle immer einschneidender“, schreibt Helga M. Novak in Im Schwanenhals.

Sie begegnet dem Schriftsteller Boris Djacenko, „ein Mensch, der den Russen spielte, ein Lette war und sich entschlossen hatte, bei den eben noch faschistischen Deutschen festzumachen“. Der 18 Jahre ältere Schriftsteller (Herz und Asche) ist Helgas erste Liebe.

1957 lernt sie Steinar kennen. Der Fünfundzwanzigjährige gehört zu einer Gruppe isländischer Studenten, die den Studienort Leipzig gewählt hatten. „Ich hatte nie einen Menschen so gelassen und dabei so aufrecht gehen sehen. Der Mann zog mich förmlich in die Höhe.“ Die Ereignisse überschlagen sich, Helga wird exmatrikuliert, verlässt ihren Freund Wolfgang und flieht mit Steinar in den Westen. 1991 sorgte ihr offener Brief an Wolf Biermann, in dem sie eingesteht, dass sie sich 1957 von der Stasi zur Bespitzelung ausländischer Studenten anwerben ließ, auch in Island für einige Schlagzeilen.

Leipzig, Berlin und Prag waren in den 50er und 60er Jahren die bevorzugten Studienorte linker Isländer, und ich treffe immer wieder Leipziger, die sich an diese undogmatischen Studienkollegen erinnern. Die Jungkommunisten aus Island debattierten zwar gerne, doch ihre Devise war, wie Helga Novak schreibt: „Mag jeder denken, was er will.“

Im Schwanenhals ist der dritte Teil ihres autobiografischen Werkes und erschien letztes Jahr. Nur wenigen ist der Name der Schriftstellerin bekannt. Aus der DDR ist sie zu früh weggegangen, in Island hat sie nur einige Jahre gelebt und in der Bundesrepublik zählte sie nicht zu den hofierten DDR-Dissidenten.

Kurz nach Erscheinen von Im Schwanenhals verstarb Helga M. Novak in Rüdersdorf bei Berlin. Am 24. Dezember 2013. Nur zufällig bin ich auf den Nachruf in der FAZ gestoßen.

Der Schöffling Verlag, bei dem Im Schwanenhals erschienen ist, hat auch die ersten beiden Bände Die Eisheiligen (1979) und Vogel federlos (1982) wieder aufgelegt. Im Zentrum des ersten Bandes steht die Auseinandersetzung mit Kaltesophie, der Adoptivmutter. Helga war nach der Geburt 1935 von ihrer Mutter zur Adoption freigegeben worden. Später wird sie erfahren, dass ihr leiblicher Vater, ein Architekt, 1937 seine Frau, eine Nachbarin und sich selbst erschossen hat.

Stiefvater Karl kann die Kälte der Adoptivmutter Sophie nicht kompensieren. Zuflucht und Halt findet das Mädchen nur gelegentlich bei Sophies Schwester Katharina und deren Tochter, sowie Karls Schwester Concordia in Köpenick. Schreiben gehört für Helga schon von klein auf zur Überlebensstrategie. Auch Prügel können sie nicht davon abzuhalten, ihren Namen in Tische, Stühle, Pulte zu ritzen – ein verzweifelter Weg, vielleicht gewählt, um sich nicht selbst zu schneiden und zu zerstören. Als Schülerin schreibt sie alles, was beschreibbar ist mit Gedichten voll, sogar die Unterseiten der Marmorplatten von Nachttisch und Kommode.

Mit Fünfzehn tritt sie gegen den Willen der Adoptiveltern in die FDJ ein und setzt durch, dass sie den Rest ihrer Schulzeit in einem Internat verbringen kann, eine Zeit, die sie im Folgeband Vogel federlos schildert.

Dem dritten Teil, in großem zeitlichem Abstand und unter Einbeziehung von Stasiakten, Tagebüchern und Briefen entstanden, fehlt die poetische Dichte, die insbesondere die Eisheiligen auszeichnete. Er dokumentiert im Wesentlichen die Zeit ab Studienbeginn 1954 bis zu Helgas Ausbürgerung aus der DDR und der Annahme der isländischen Staatsbürgerschaft im Jahre 1966.

Mit der MS Gullfoss reisten Helga und Steinar 1957 von Hamburg nach Reykjavík.

Doch in Island wird sie, die verloren ist ohne Wald, krank und depressiv, Halt findet sie auch bei Steinar nicht. Schwanger kehrt sie ein Jahr später nach Ostberlin zurück und arbeitet in einem Kombinat.

Im Herbst 1960, anlässlich eines Militäraufmarsches beschließt sie, mit Sohn Alexander die DDR zu verlassen: „Im Lande seines Vaters gab es keine Armee, keinen Wehrdienst, keinen Stechschritt, überhaupt keine Marschblöcke.“ Sie heiratet den isländischen Studenten Örn und kehrt mit ihm nach Island zurück.

Eine Tochter kommt zur Welt, die Kinder wachsen auf dem Lande auf, die Ehe geht in die Brüche. (Mich stören hier ein paar allzu intime Details.)

Helga arbeitet in der Fischindustrie und gerät in den Umkreis der Atomdichter. Der Lyriker Dagur Sigurðarson ermuntert sie, ihre Gedichte drucken zu lassen und sie auf der Straße zu verkaufen – der Anteil der Isländer, die in der Schule Deutsch lernten, war damals wesentlich höher als heute. Das unscheinbare Bändchen Ostdeutsch öffnete ihr später die Tür zum Luchterhand Verlag. Mit Dagur verlässt sie 1964 Island und tingelt mit ihm bis Palermo – halbverhungert kehren die beiden zurück.

Helga lebt eine Weile wieder bei Örn, der inzwischen Lehrer in Laugarvatn ist. Noch einmal bricht sie in die DDR auf, um ihr Studium fortzusetzen, gerät in den Zirkel um Robert Havemann, wird seine Geliebte. Die Jahreswende 1965/66 verbringt sie, zusammen mit Irmgard Morgner und anderen bei Sarah und Rainer Kirsch in Halle. Im März 1966 wird sie abgeschoben und ausgebürgert und fährt mit der Gruppe 47 nach New York. Örn kümmerte sich um die Kinder und fungierte als Rettungsanker für ihre Mutter, die weiterhin ruhelos durch die Welt zog.

„wo ich bin bin ich immer nur zu Besuch
ich bin zu Besuch auf der Welt“

Helga Novak verbrachte die letzten Lebensjahre krank in Erkner bei Berlin, dort wo sie aufgewachsen ist. Als „Ausländerin“ wurde sie von den bundesdeutschen Behörden gerade mal geduldet. Ihr Ausblick im Februar 2013 ist bitter, aber noch einmal voll poetischer Kraft:

„Ich mache mir Bilder, Träume, Metaphern, höre die Kniefälle der Buchen im Sturm, das Ächzen im Gebälk, die schreienden Risse bei Frost, Menschen und Bäume weinend, so herzzerreißend.“

Ihr beeindruckendes lyrisches Werk ist von Wald- und Jagdmetaphern durchzogen – aber auch das waldlose Island ist darin präsent. Im Gedicht Erinnerung an einen aus dem Band Liebesgedichte (Schöffling, 2010) heißt es:

„Noch ist Zeit aber eines Tages
steche ich wieder in See
und gehe mit losen Leinen an Land
und hänge mich am Polarstern auf
oder gehe in die Wüste aus Steinen
zweihundert Vulkane
einer hat immer gebrannt
irgendwo daneben liegt mein
Schuh

[email protected]www.birdstage.net

Helga M. Novak: Im Schwanenhals
Verlag Schöffling & Co. 2013
346 Seiten, 21,95 Euro