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Jojo

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Jojo

Jojo cover

Photo: Bernhild Vögel

Jojo, der neue Roman der bekanntesten isländischen Autorin Steinunn Sigurðardóttir spielt nicht in Island. Der Icherzähler ist ein Deutscher, genauer gesagt, ein Berliner. Noch genauer: ein Kreuzberger. Aufgewachsen in Kreuzberg 61 und dort hängengeblieben.

Martin Montag ist Radiologe. Fachlich versiert, diszipliniert, den Menschen zugewandt. Er scheint alles zu haben, was ein Mann braucht, um ein zufriedenes Leben zu führen: eine gesicherte Existenz, einen Beruf, der ihn ausfüllt, eine liebende Partnerin. Und seit kurzer Zeit auch einen Freund, den Franzosen Martin Martinetti, der als Patient zu Siegfried, dem Tumortöter kam, wie der Ex-Clochard seinen Heiler spöttisch bezeichnet.

Steinunn lebte mehrere Jahre in Frankreich und seit einiger Zeit in Berlin-Kreuzberg, und es macht ihr sichtlich Spaß, den Deutschen Martin mit dem Franzosen Martin zu konfrontieren. Müsli und Baguette treffen hier vergnüglich aufeinander – jedoch, das Thema des Buches ist ernst. Es geht „unter die Haut“, um im Sprachbild des Körperdurchstrahlers zu bleiben.

„Warum ich?“ Mit diesen Worten eines älteren Patienten beginnt das Buch. „Warum muss ausgerechnet mir so etwas Schreckliches passieren?“ Martin mag den Patienten nicht, er ist ihm unsympathisch in seiner Larmoyanz ob eines gut zu behandelnden Speiseröhrenkarzinoms: „Ein kleines, rundes und schnell wachsendes Karzinom, das aussieht wie ein feuerrotes Jojo.“

Martin, der sonst beim Erstgespräch die Lymphdrüsen seiner Patienten untersucht, unterlässt dies – er kann diesen weinerlichen Pensionär nicht berühren.

Ein Arzt muss von Berufs wegen Menschen anfassen, und Martin hat „die Gabe, kranke Menschen mit sanften Händen zu berühren“, was ihn verwundert, denn eigentlich empfindet er sich als gefühlloser Roboter, der nur irgendwie funktioniert. Auch im Umgang mit seiner geliebten Petra:

„Ich betrachtete sie zwei Stunden lang und betete zu Gott (das einzige Mal in meinem Leben), dass ich sie wie ein Mensch lieben könnte, nicht wie dieser Roboter, der ich bin, wissend, dass ich nicht erhört werden würde.“

Warum ich? Auch Martin stellt sich diese Frage: Denn er, der Heiler, ist ebenfalls sehr krank. Nein, er hat keinen Tumor, es ist seine Seele, die unheilbar verletzt ist. Seit der Zeit, als er von der Schule nach Hause ging. Ein Schulweg – lebenslänglich.

Wenn ich beim Schreiben eines Textes nicht vorankomme, weil ich mich in Grübeleien oder im Recherchieren von Details verloren habe, gehe ich spazieren. Mein gestriger Gang führte mich über ein Trottoir nahe der Braunschweiger Hochschule für bildende Künste, dessen Pflaster die Verben leben und sterben konjugieren. Auf einem Stein ist ich sterbe eingraviert, auf einem anderen du lebst usw. Dann bog ich in eine Straße, die hieß Sommerlust, und einige Zeit später kreuzte ich die Luftstraße. Manchmal kommen die Gedanken beim Gehen in Gang, ein anderes Mal findet sich das Nötige am Wegesrand.

Sommer und Luft steht auf zwei benachbarten Gräbern, die uns Steinunn im vergangenen Jahr bei einem Literaturrundgang auf dem Kreuzberger Friedhof an der Lilienthalstraße zeigte und von dem sie auch im Kulturradio-Portrait erzählt. Denn sie hat die vor langem verstorbene Frau Sommer und den Herrn Luft zu Martins Wunscheltern erkoren.

Seit seiner Kindheit halten Mamasomm und Papaluft ihre schützende Hand über Martin, aber stellen zugleich eine dauernde Bedrohung dar:

Mamasomm „backt die beste Schokoladentorte im ganzen Himmel“ und abends breitet sie „ein riesiges, unglaublich weißes Oberbett über mich, weißer als funkelnagelneuer Schnee, auf dem noch keine Seele herumgetrampelt hat, kein Mensch, kein Hund; keine lästige Krähe, kein Katzenviech.“

Steinunn Sigurðardóttir, Berlin 2013

Steinunn Sigurðardóttir vor dem Wasserfall im Viktoriapark, Berlin Kreuzberg. Foto:Bernhild Vögel.

Martin, der vom Balkon seiner Freundin direkt auf den Friedhof blicken kann, sehnt sich nach der Vereinigung mit seinen Ersatzeltern. Der routinierte Lebensretter hält das eigene Leben nicht mehr aus, seit der Jojo-Tumor die Erinnerung an das schreckliche Kindheitserlebnis aktiviert hat. Denn am Wasserfall im Viktoriapark, den Martin nie wieder betreten hat, lauert immer noch der Kerl mit dem verlockenden feuerroten Jojo.

„Und falls es so enden sollte, dass ich den Weg nicht bewältige, falls ich wieder allein und verlassen auf dem Bahnsteig zurückbleibe wie an dem Tag, als ich von der Schule nach Hause ging, und wenn vom Bahnhof keine Züge mehr fahren, weder in diese noch in die andere Richtung, weil es keine Zeit mehr gibt und weil ich außerhalb von allem stehe, was es gar nicht gibt, dann macht es mir auch nichts mehr aus, dass ich Petra verrate, die ihr ganzes Vertrauen in mich gesetzt hat, und meine Patienten verrate, die ihr ganzes Vertrauen in mich setzen, und ich verrate auch Martin Martinetti, den Seelenfreund und früheren Starpatienten.“

Wenn Sommer und Luft, das heißt Wärme, Licht und Atem, unter die Erde verbannt sind, wenn Hand an sich legen (Jean Amery) nur noch eine Frage des Wann und Wie ist, haben dann Liebe und Freundschaft wirklich ausgespielt?

Tiefgründig und leichtfüßig zugleich erzählt Steinunn in Jojo von Todessehnsucht und Lebensfreude und dem Beginn einer Heilung. Es ist ein Buch, das nach Fortsetzung verlangt, und die gibt es bereits, allerdings noch nicht in deutscher Übersetzung. Fyrir Lísu heißt sie, und ich hoffe, dass wir nicht zu lange warten müssen, bis uns „Für Lisa“ in der bewährten Übersetzung von Coletta Bürling erreicht.

Steinunn wird Jojo auf der Leipziger Buchmesse vorstellen, am 13. März auf dem Blauen Sofa in der Glashalle (10:30 h) und im Nordischen Forum (Halle 4, C403) am 14.3. (12:00 / 15:00 h) und am 15.3. um 15:30 h. Zusammen mit Gerður Kristný ist sie bei der Nordischen Literaturnacht am Freitag, 14.3. im naTo dabei. Und am Samstag, den 15. liest sie im Museum der bildenden Künste Leipzig (20 Uhr, Moderation Prof. Dr. Stefan Welz).

Premierenlesung von Jojo in Berlin-Kreuzberg ist am 26. März um 20 Uhr in der nor (not only riesling) weinhandelbar am Marheinekeplatz.

[email protected]www.birdstage.net

Steinunn Sigurðardóttir: Jojo Aus dem Isländischen von Coletta Bürling Rowohlt 2014 192 Seiten, 19,95 €

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