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aPart – unzertrennlich getrennt

Kulturblick

aPart – unzertrennlich getrennt

Plakat für aPart

Photo: Bernhild Vögel

Am 8. März fand im Braunschweiger Staatstheater die Uraufführung von aPart statt, einer Produktion der renommierten isländischen Choreographin Katrín Hall und ihrer Crew. Ich hatte die Premiere verpasst, aber auch bei der zweiten Vorstellung belohnte das Publikum die eindrucksvolle Inszenierung und die großartige tänzerische Leistung der international zusammengesetzten Compagnie des Braunschweiger Staatstheaters mit langanhaltendem Applaus.

Tanztheater – das ist Annäherung und Trennung menschlicher Körper und kann daher die Palette menschlicher Beziehungen auf eine besondere Weise sichtbar machen: Anziehung und Abstoßung, Zuneigung und Zurückweisung. Tanz kann Egoismus und Brutalität ausdrücken, ebenso wie Hingabe und Verletzlichkeit – und das alles ohne ein Wort.

Und doch ist es ein Wort (genauer gesagt: ein Wortspiel), von dem sich Katrín Hall inspirieren ließ. aPart – auseinander geschrieben heißt a part „ein Teil“, zusammen bezeichnet es im Englischen die Trennung. (Im Deutschen kommt noch die Bedeutung des Auffälligen und Außergewöhnlichen hinzu.)

 Andreas Etter.Staatstheater Braunschweig, Szene aus aPart, Foto: Andreas Etter.
Die zweite Anregung brachte die Geschichte von Marina Abramović und Ulay, dem Performancekünstler-Ehepaar, das sich 1988 in der Mitte der Chinesischen Mauer trennte, nachdem beide monatelang aufeinander zugegangen waren. Ulay hatte die Mauer-Wanderung in der Wüste Gobi begonnen, Marina war vom Gelben Meer aus gestartet.

Weiterhin finde ich im Programmheft die Parabel von Schopenhauer über die Stachelschweine und das Gedicht Auf Reisen von Mascha Kaléko. Als ich aufschaue, entdecke ich auf der Bühne ein Tänzerpaar, noch während zahlreiche Besucher ihre Plätze im großen Saal des Staatstheaters nicht eingenommen haben.

Unter wechselnden Spruchbändern umgarnt und löst sich das Paar: Wir standen uns so nah, dass es zwischen uns keinen Platz mehr gab ... An end is a new beginning ...

Genug der Worte, das Licht geht aus, die Vorstellung beginnt. Dramatische Musik setzt ein, „elektronischer Ganzklangkörper“ oder ähnlich unsinnige Worte fallen mir dazu ein. Ein Gerüst, auf dem Menschen stehen oder langsam umhergehen, Schatten, auf der Suche nach ich weiß nicht was. Dahinter auf der Leinwand Wolkenfetzen zu Klangfetzen, Taktschlägen, Beat, der das wagnerähnliche Gewabere zu meiner Erleichterung abgelöst hat.

Nein, von dieser Musik, die Stephan Stephensen (GusGus) zum Tanzstück von Katrín Hall komponiert hat, möchte ich keine CD haben. Aber in Verbindung mit dem Tanzstück wirkt sie überzeugend. Licht und Bühnenbild hat Aðalsteinn Stefánsson entworfen und Filippía Elísdóttir die individuell zugeschnittenen Kostüme.

Staatstheater Braunschweig, aPart, Tänzer Tillmann Becker. Staatstheater Braunschweig, aPart, Tänzer Tillmann Becker. Foto: Andreas Etter.
Weiß gekleidet sind die Tänzerinnen und Tänzer anfangs. Dann erscheint kurz eine Frau in Rot im Spalt der rückwärtigen Leinwand, entflammt Gruppen- und Paarkämpfe und lässt Männer wie Roboter agieren.

Wände sind aufgefahren, eigentlich sind es große umgestülpte Tische, acht Stück an der Zahl, acht Eigene-vier-Wände, acht Einzelzellen. Eine Frau schlägt verzweifelt gegen „ihre“ Wand. Bässe, Schläge, Schreien, irres Lachen.

Die Farben der Kostüme mischen sich, wechseln von Weiß über Rot zu Schwarz. Die Wände rücken zusammen, werden zur Mauer, die ein schwarz gekleideter Tänzer nur antippen muss, um sie wie Dominosteine zu Fall zu bringen. Nun reihen sie sich zur Tafel, an dessen langen Enden ein versteinertes Paar sich gegenüber sitzt. Dazu Klaviermusik, romantisch.

Ein paar Tische tanzen mit, bevor sie Teil von Laufstegen werden, auf denen eine schwarzgekleidete Tänzerin (Nao Tokuhashi) und ihr Partner versuchen sich entgegenzugehen. Doch als die Stege, von anderen Tänzern stetig verstellt, sich endlich nähern, bleibt eine Kluft.

 Andreas EtterStaatstheater Braunschweig, aPart, Nao Tokuhashi, Gemma Miró Roca. Foto: Andreas Etter.
Am Schluss erst wird die Annäherung zur Möglichkeit – eine Szene, die an die Wiederbegegnung von Ulay mit Marina Abramović anlässlich ihrer Performance The Artist is Present im New Yorker MoMA 2010 denken lässt.

Aber das eindrucksvolle Tanzstück erzählt nicht einfach eine Geschichte und kann daher bei den Zuschauern ganz eigene Assoziationen zum Thema aPart wecken.

Vielleicht lassen sich die individuellen Eindrücke in allgemein gehaltenen Worten so zusammenfassen: Ausgrenzung und Zurückweisung führen zu Sprachlosigkeit und Erstarrung – dagegen setzt das Tanzstück von Katrín Hall Ausdruck und Bewegung – und damit die Hoffnung, sich ausDruck befreien zu können.

Die Choreografin hat von 1996 bis 2012 die Iceland Dance Company geleitet, die sich während dieser Zeit zu einer international anerkannten Compagnie entwickelte. Daneben hat Katrín auch im Ausland choreografiert, darunter an mehreren österreichischen Theatern und am Staatstheater Darmstadt.

Ihre letzte Arbeit „Journey“ wurde im Oktober 2013 in Russland aufgeführt, und nach aPart in Braunschweig ist ein Projekt in Härnösand mit Norrdans, der nördlichsten schwedischen Compagnie an der Reihe. Bis Juni werden sieben Choreographen aus sieben Ländern sieben siebenminütige Stücke zu Charakteren aus dem Roman Die sieben Brüder des finnischen Nationaldichters Aleksis Kivi erarbeiten.

[email protected]www.birdstage.net

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