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Ragnheiður

Kulturblick

Ragnheiður

By Maria Wolf
Ragnheiður opera poster

Es wurde wunderbar gesungen. Eine anrührende Symbiose aus Sprache und Musik erklang. Das Publikum feierte alle Beteiligten.

Damit wäre eigentlich alles Wesentliche gesagt. Aber natürlich gibt es viel mehr zu berichten.

Am 01. März wurde ​Ragnheiður als erste isländische Oper in der Harpa - dem neuen Zuhause der Isländischen Oper - auf die Bühne gebracht, und ich hatte das Gefühl einen historischen Moment zu erleben. Alles was Rang und Namen hat war gekommen: der Staatspräsident, Premier- und Außenminister, Regierung und Opposition, Persönlichkeiten des Kulturlebens, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen, aber auch einfaches Volk wie ich. Am Ende herrschte einhellige Begeisterung für eine rundum überzeugende Aufführung.

Der Komponist Gunnar Þorðarson ist seit Generationen eine musikalische Institution in i seinem Land. Schon als Teenager hat er komponiert; er und seine Band waren in den sechziger Jahren so etwas wie die hiesigen Beatles. Die isländische Schlagerwelt verdankt ihm ihre Perlen. Nun hat er seine erste Oper geschrieben: Ragnheiður wurde vergangenes Jahr im August bereits in Skálholt uraufgeführt. In der dortigen Kirche – am Ort des Geschehens sozusagen – gab es drei konzertante Aufführungen. Soweit ich herausfinden konnte, war es ein großer Erfolg.

Das Libretto stammt von Friðrik Erlingsson, ebenfalls ein Begriff auf Island. Er schrieb bisher Theaterstücke und Drehbücher für Film und Fernsehen. Mit diesem Librettro betritt er die Opernszene. In seiner dramatischen Anlage ist Ragnheiður ein Kammerspiel. Meine isländischen Sprachkenntnisse sind eher bescheiden. Aber die Muttersprachler sind der Ansicht, dass ihm hier eine beachtliche Dichtung gelungen ist.

Ich kann nur nach meinem akustischen Eindruck urteilen. Jedenfalls ist sein Text sehr sangbar, wie das Isländische überhaupt mit seinen vielen Vokalen und Umlauten in feiner klanglicher Differenzierung und dem rollenden „R“. Der Komponist tut sein übriges, Sprache und Musik zu einer Einheit zu verschmelzen. Zu hören sind in der durch- komponierten Oper große melodische Bögen, die an Puccini erinnern, aber ohne dessen Überzuckerung. An einigen mehr rezitativischen Stellen, erinnert die musikalische Ausführung an Janacek. Außerdem sind traditionelle isländische Klänge eingebunden (ohne volkstümelnd zu sein), wie Vikivaki (ein Reigentanz) und Rímur sowie Andeutungen geistlicher Musik. Das Orchester ist eher klein besetzt und die Streicher sind bestimmend, dazu gibt es viel Harfenklang. Die Musik trägt die Sänger auf Händen, niemand muss lauter singen als er oder sie kann. Eher sind sie im Mezza Voce und ganz leisen Tönen gefordert. So ist ein Werk von großer Poesie gelungen, zwar in klassischer Form, doch mit aller individuellen Schöpfungkraft des Komponisten. Mit den Vergleichen möchte ich dem Leser nur einen Eindruck vermitteln.

Erzählt wird die Geschichte von Ragnheiður Brynjolfsdóttir, Tochter von Brynjólfur Sveinsson, Bischof auf Skálholt. Nach dem Willen des Vaters soll sie den Priester Þorður Þorláksson heiraten. Aber sie liebt ihren Lehrer und Freund seit Kindertagen, Daði Halldórsson. Die beiden werden heimlich ein Paar – in allen Ehren. Der eifersüchtige und missgünstige Priester Sigurður Torfason, selbst werdender Vater in einer unehelichen Beziehung mit der Magd Ingibjörg, streut üble Gerüchte. Bischof Brynjólfur läßt seine Tochter einen heiligen Eid auf ihre Unschuld schwören. Sie gehorcht, fühlt sich jedoch gedemütigt und in ihrem Stolz verletzt. Noch in derselben Nacht gibt sie sich Daði hin. Sie wird schwanger. Helga Magnusdóttir, einer Freundin der Familie, gelingt es, die schwangere Ragnheiður bis zur Niederkunft auf ihrem Hof Bræðratunga zu verbergen. Ragnheiður und Daði müssen sich trennen. Für eine Versöhnung mit der Tochter stellt der Bischof harte Bedingungen: das Kind darf sie nicht selbst aufziehen und sie muss öffentliche Abbitte leisten. Sie gehorcht in der vergeblichen Hoffnung, den Vater mit der Zeit Milde zu stimmen. Schließlich erkrankt sie und stirbt. Der berühmte Psalm „Allt eins of blómstrið eina“ von Hallgrímur Péturson erklingt bei der Beerdigung. Auch das Kind stirbt. Erst zehn Jahre später kommt Daði zurück und betrauert den Verlust.

Die Ereignisse sind historisch. Es gibt Dokumente, die Leben und Tod der Beteiligten belegen. Abgespielt hat sich diese Tragödie shakespearischen Ausmaßes an Orten in Südisland, die man heute noch besuchen kann, insbesondere die Grabstätten.

Die Eckdaten:

11. Mai 1661 – die 19jährige Ragnheiður schwört den Eid auf ihre Jungfräulichkeit

15. Februar 1662 – Helga Magnusdóttir informiert den Bischof über die Geburt seines Enkels

20. April 1662 – Ragnheiður leistet Abbitte in der Domkirche von Skálholt

23. März 1663 – die Bischofstochter stirbt

Der Rest ist dichterische Freiheit, angelehnt an einen Roman von Guðmundur Kamban, der in den 1930er Jahren verfasst wurde und den es auch in Deutsch gibt. Ob dessen gestelzte und teilweise verschwurbelte Sprache durch die Übersetzung verursacht wurde, kann ich nicht beurteilen.

Nun zum wichtigsten in einer Oper. Alle Gesangspartien waren ausgezeichnet besetzt mit Sängern und Sängerinnen, die in Island (und teilweise auch im Ausland) sehr bekannt und geschätzt sind.

Björn Ingiberg Jónsson singt mit schönem, leichtem Tenor einen eitlen und selbstgefälligen Þorður Þorláksson.

Ágúst Ólafsson verleiht dem Dompriester Séra Torfi Jónsson ein würdevolles Profil mit seinem weichen, melodischen Bariton und seiner imponierenden Statur.

Bergþor Pálsson verkörpert den berühmten Séra Hallgrímur Pétersson und überzeugt mit schönstimmiger und differenzierter Gestaltung der Partie.

Guðrún Jóhanna Ólafsdóttir beeindruckt als Ingibjörg Magnúsdóttir mit ihrem außer-gewöhnlich tembrierten Mezzo und bleibt auch darstellerisch in nachhaltiger Erinnerung.

Jóhann Smári Sævarsson ist mit seinem eher kantigen, rauhen Bassbariton und seiner attraktiven Erscheinung die ideale Besetzung für die Partie des Séra Sigurður Torfason. Als eifersüchtiger, missgünstiger Heuchler und Dieb hat er nur seine eigenen Interessen im Sinn. Ein Bösewicht vom Kaliber eines Scarpia oder Jago wie er im Buche steht.

Elsa Waage überzeugt auf ganzer Linie als Helga Magnusdóttir. Ihre volle Altstimme klingt auch in der Höhe unforciert und ebenmäßig. Sowohl stimmlich als auch im Auftritt ist sie der perfekte Counterpart für den Bischof.

Viðar Gunnarsson singt und gestaltet die große Partie des Bischof Brynjólfur Sveinsson. Ein durchaus gebrochener Character, der seine Tochter liebt, aber mit der ganzen härte seines Amtes und Verständnisses von Gottesfurcht gegen sie vorgeht. Erst in seiner Trauer wird er menschlich. Sein weicher, melodischer Bass steht in interessantem Kontrast zur verkörperten Persönlichkeit.

Þora Einarsdóttir ist Ragnheiður Brynjólfsdóttir. Klein und zierlich von Gestalt, stellt sie sich unnachgiebig gegen ihren Vater und trägt ihr Schicksal mit Größe. Sie gestaltet die Partie mit großem Einfühlungsvermögen und schönem lyrischen Sopran. Die Stimme klingt so jugendlich, wie man es sich nur wünschen kann und bietet die Klangsicherheit einer erfahrenen Sängerin. Ihre Stärke liegt in den leisen, zarten Tönen ihrer Arien und Duette. Am Ende rührt sie zu Tränen.

Elmar Gilbertsson als Daði Halldórsson ist die Überraschung des Abends. Weniger bekannt in seinem Heimatland, bekommt er schon nach seiner Auftrittsarie begeisterten Applaus. Sein klarer, gut fokussierter Tenor mit Italianita meistert sowohl die lyrischen als auch dramatischeren Passagen mühelos. Eine Stimme, die im Ohr bleibt und ein Sänger, der seine Attraktivität selbstbewusst einsetzt. Die Duette mit Ragnheiður gehören sicher zu den Höhepunkten den Abends. Wie in der hiesigen Presse zu lesen war, begann er seine musikalische Laufbahn in einer Heavy Metal Band. Noch einer dieser vielseitigen Isländer.

Der Chor der Isländischen Oper überzeugt mit Klangfülle und Präzision. Kleine Partien wurden von den Chorsolisten übernommen. Die vom Chor ausgeführten Tanzszenen wurden von Ingibjörg Björnsdóttir choreografiert und wirkten leicht und ungekünstelt. Hier darf auch mal gelacht werden.

Der Dirigent Petri Sakari – vermutlich der einzige Nichtisländer des Abends – hält Solisten, Chor und Orchester perfekt zusammen. Eine untadelige Leistung.

Das Bühnenbild von Gretar Reynisson übt sich in weiser Beschränkung: eine dreieckige Fläche mit der Spitze nach hinten, zwei bewegliche Panele als Wände für Gebäude und Projektionsfläche für Berge und Wolkenhimmel, ein Stuhl, eine Bank reichen völlig aus. Mit wohldosierten Beleuchtungseffekten sorgt Páll Ragnarsson immer für die richtige Stimmung. Für schöne Effekte mit historischen Anklängen sorgen die schmeichelhaften und farbintensiven Kostüme von Þorunn Sigríður Þorgrímsdóttir.

Unter der Regie von Stefán Baldursson dürfen die Sänger alle Gefühle ausleben und ihre Stimmen voll zur Geltung bringen. Eine Seltenheit in den Zeiten des Regietheaters. Hier zeigt sich, das eine Personenführung ohne Schickimicki sehr überzeugend sein kann. Drei Requisiten spielen eine große Rolle: ein kostbares Buch; eine Löwenzahnblüte, die Blume des Frühlings und der jungen Liebe. Ragnheiður schenkt sie Daði am Anfang, am Ende legt er sie zum Abschied auf ihren Grabstein. Dieser Stein steht im Verlaufe des Abends als Symbol für die Natur, als Stein des Anstoßes, vielleicht für die Härte des Herzens. Etwas irritiert bin ich von einer Darstellung Ragnheiðurs als „Gottesmutter Maria“, was doch eher im katholischen Glauben angesiedelt ist. Aus Sigurður Líndals Buch „Eine kleine Geschichte Islands“ ist zu erfahren, dass die Marienverehrung in Island wohl noch lange nach der Zwangsreformation durch die Dänen bestanden hat.

Das isländische Publikum ist ein sehr aufmerksames und dankbares und spendet großzügigen Szenenapplaus, auch wenn der Spannungsbogen der Aufführung darunter leidet. Am Ende läßt es seiner Begeisterung in standing ovations freien Lauf. Ein Abend, der immer eine besondere Erinnerung für mich sein wird.

Ragnheiður steht noch bis zum 6. April auf dem Spielplan. Auf der Internetseite der Harpa finden Sie Termine und Kartenvorverkauf.