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Die grüne Bluse meiner Mutter

Kulturblick

Die grüne Bluse meiner Mutter

Gerður Kristný, Leipziger Buchmesse 2014

Photo: Bernhild Vögel

Gerður Kristný zählt zur jüngeren Generation der isländischen Autoren. Angefangen hatte sie vor etwa 20 Jahren mit dem Lyrikband Ísfrétt (Eisnachricht) und als Lyrikerin wird sie in Island nach wie vor hochgeschätzt.

Sicher haben sie manche Leser noch von der Frankfurter Buchmesse 2011 in Erinnerung, wo sie im isländischen Pavillon aus ihrem Band Blóðhófnir vortrug. In diesem Gedichtzyklus unterzieht sie die Geschichte ihrer mythologische Namensvetterin einer neuen Betrachtung. Gerður, von der das eddische Skírnirlied erzählt, ist die Tochter des Riesen Gymir, in die sich der Gott Freyr verliebt hat. Zum Erwerben der Braut schickt er seinen Gehilfen Skírnir los, der Gerður erst durch Androhung schrecklicher Verwünschungen zwingen kann, Freyr zu erhören.

Die Lyrikerin Gerður aber fragt sich, was die Riesentochter in den neun Nächten machte, bevor sie sich Freyr hingab, und wie es ihr in der fremden Welt der göttlichen Asen erging. In dem Eingangsgedicht Erinnerungen nimmt die Riesin Abschied von ihrer Heimat, die sich Gerður isländisch vorstellt, während die Welt der Asen eher einer „schwedischen Sommerlandschaft“ gleicht.

Schnee, den ich in Griff kriege, zum Ball forme und werfe. Mir aber schießt durch den Kopf: Hier bleibt Schnee nicht liegen.

Hören können wir den Anfang von Blóðhófnir in einer Aufzeichnung aus dem Halldór-Laxness-Haus Gljúfrasteinn.

Doch Gerður, so hieß es 2011 bei Sagenhaftes Island, „lässt sich nicht festlegen“. Neben Lyrik hat sie Romane, Kinder- und Sachbücher veröffentlicht und ein Musical für Kinder geschrieben. Ihr Jugendbuch Garðurinn erschien 2011 unter dem Titel Die letzte Nacht des Jahres.

Auf der Leipziger Buchmesse stellte Gerður kürzlich ihren Roman „Die grüne Bluse meiner Schwester“ vor. Die 26-jährige Icherzählerin Frida hat Isländisch studiert, aber anstatt ihr Examen zu machen, arbeitet sie seit zwei Jahren in einer Parfümerie. Die junge Frau fühlt sich um eine schöne Kindheit betrogen. Nur Zank und Streit verbindet sie mit der drei Jahre älteren Schwester, die von der tablettenabhängigen Mutter bevorzugt wird. Nun ist ihr geliebter, wenn auch cholerischer Vater, ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt, verstorben.

Kurze Zeit danach kündigt Frida ihren Job und lässt sich von Arna, Schwester ihrer Exchefin und Herausgeberin der Nachrichten, verleiten, sich vom Konkurrenzblatt Wochenblatt anstellen zu lassen und darüber einen Enthüllungsbericht zu schreiben.

Frida beurteilt Menschen nach den künstlichen Gerüchen, die sie sich zugelegt haben, vernachlässigt Freundschaften und ärgert sich maßlos über die schreckliche grüne Bluse ihrer Mutter, die ihre Schwester zur Beerdigungsfeier angezogen hat. Geschmack besitzen, nach Fridas Ansicht, weder Mutter noch Schwester Gubba.

Auch Traditionen, die nicht mehr in die Zeit passten, würden in Island weitergetragen – so wie die grüne Bluse, sagte Gerður bei einer Lesung auf der Leipziger Buchmesse. Und Soffía Gunnarsdóttir, Kulturreferentin der isländischen Botschaft, ergänzte, in Island sei die Erwartung, dass selbst die zerstrittenste Familie zusammenhält, besonders hoch.

Leipziger Buchmesse, Lesung Gerður KristnýLesung im Nordischen Forum: Schauspielerin Nicole Haase, Gerður Kristný und Soffía Gunnarsdóttir (Isländische Botschaft).

Der Roman ist in Island bereits im Jahr 2005 erschienen, also noch zu von Krisen ungetrübten Zeiten. Nach ihrem Studium hatte Gerður bis 2004 im Bereich Radio und Print gearbeitet, dann machte sie sich als freie Schriftstellerin selbstständig. Es liegt nahe, dass auch persönliche Erfahrungen mit dem harten Mediengeschäft in den Roman eingeflossen sind.

Auf Isländisch heißt er Bátur með segli og allt (Ein Schiff mit Segel und allem), ein Titel, mit dem wir „volles Programm“ oder „aufgetakelt“ assoziieren. Tatsächlich aber bezieht er sich auf die Stelle im Roman, wo Frida einen kleinen Jungen fragt, was er tun würde, wenn er ein schönes Boot für seine Oma gebastelt hätte und sie es einfach kaputt machen würde.

Gerdur hat für den Roman 2004 den Halldór Laxness Literaturpreis erhalten. Es ist kein poetischer Roman, spielt aber hin und wieder spöttisch mit der Poesie:

Ich holte mein Notizbuch aus der Tasche und listete alle Dinge auf, die ich erledigen musste, sobald ich mein Gehalt bekam.

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Ach, schreibst du Gedichte?‘, sagte eine vertraute Stimme. Jóhann stand neben mir. Und er war betrunken. ‚Ich wusste gar nicht, dass du eine lyrische Ader hast.‘“

Der betrunkene Chefredakteur Jóhann schläft kurz danach ein:

Sein Kopf fiel nach hinten, und der Mund klappte auf. Ein lebender Aschenbecher.“

Doch zwischen solch einfallsreichen Szenen und Bildern ist – für meinen Geschmack – ein bisschen zu viel Parfüm, so dass man leicht überlesen könnte, dass es auch noch den Duft frischgebackener Waffeln gibt.

Frida weiß am Ende, was sie nicht will. Vieles, insbesondere das Verhältnis zu ihrer Familie bleibt ungeklärt, aber die junge Frau hat sich aufgerafft, ihren eigenen Weg zu suchen.

[email protected]www.birdstage.net

Gerður Kristný Die grüne Bluse meiner SchwesterAus dem Isländischen übersetzt von Tina FleckenList Taschenbuch 2013304 Seiten, 9,99 Euro