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Trolle auf Reisen

Kulturblick

Trolle auf Reisen

Trolle auf Reisen Cover

Photo: zenundsenf

Achtung: Hier geht es nicht um Folklore. Trolle auf Reisen sind 25 philosophische und sozialkritische Essays in Form von Dialogen, begleitet von illustren Steinzeichnungen in Form von Trollen.

Nicht die versteinerten Trolle aus den Volkssagen, die zu dumm waren, sich vor dem Sonnenlicht in Sicherheit zu bringen. Im Gegenteil, es sind Trolle, die sich ungeniert ans Licht der Öffentlichkeit wagen.

Nachfahren des vorzeitlichen Ymir vielleicht, aus dessen Gliedern nach der Völuspá die Welt geformt wurde, uralte Gestalten, ausgestattet mit dem Wissen des Feuers, das in Stein eingeschlossen ist. Solche Gedanken kommen mir angesichts des Covers von Trolle auf Reisen, das auf einer Arbeit von Zenundsenf (Andreas Walter) beruht.

Schon vor zwei Jahren hatte eine Anfrage den Augsburger Illustrator angeregt, sich damit zu beschäftigen, wie diese Trolle aus der isländischen Landschaft erwachsen, sich von ihr lösen, auf Reisen gehen und sich darüber auszutauschen. Ein Jahr später meldete sich der anfragende Autor wieder, denn er hatte den Coverentwurf in der zenundsenf Online-Galerie entdeckt, und nun nahm das Buchprojekt Gestalt an.

Andreas Walter alias Zenundsenf ist als Grafiker, Cartoonist und Volkshochschuldozent vielseitig tätig, mit Veröffentlichungen u.a. in Spiegel Online und Frankfurter Rundschau und Ausstellungen in Deutschland, Österreich und Belgien.

Über den Autor Björn Eriksson ist wenig ín Erfahrung zu bringen. Er bezeichnet sich laut Klappentext als Reisender, der seit dem Jahre 66.000.007 des Känozoikums mit dem Projekt „großer Lauschangriff auf die Trolle“ befasst sei. Rechnet man diese unübliche Erdneuzeitdatierung um, kommen etwa sechs Jahre zusammen.

Die Trolle sind aufgebrochen, um die Welt der Wesen (ab und zu auch Menschen genannt) zu erkunden – ob sie das taten, weil sie an ihren steinernen Ruheplätzen gestört wurden, wie Björn in einer Art Presseerklärung behauptet, aus reiner Neugier oder aus Sorge angesichts des menschlichen Zerstörungspotentials, sei dahingestellt.

Der Introduktion entnehme ich, dass den Trollen diese Reisen schwergefallen sind, hilflos steht einer auf dem Bahnsteig und wartet auf den Zug nach Hornstrandir, der nie und nimmer kommen wird. Wie viele Trolle sind wie jener auf Reisen verlorengegangen?

Doch die Trolle, die auf ihre Steine im isländischen Hochland zurückgefunden haben (eine Karte zeigt die ungefähren Standorte), berichten ihren Freunden von den seltsamen Wesen, die es fertiggebracht haben, die Erkenntnis aufzuspalten in Religion, Philosophie und Wissenschaft.

Und dann erfreuen sich die Trolle daran, das Spiel der Wesen zu spielen, das heißt die Menschen zu ihren Spielfiguren zu machen. Sie schlüpfen in die Rolle des Bengels (Bófi) wie des Generalsekretärs (Aðalskrifstofustjóri), spielen mit der Sprache, klopfen der Logik auf den Busch, hinterfragen gesellschaftliche Normen und diskutieren den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit.

Eine einfache Lektüre sind die Texte nicht. Bei einem der 25 Dialoge ist räumliches Vorstellungsvermögen gefragt, bei einem anderen physikalische Kenntnisse. Ich bevorzuge die Gespräche, in denen gesellschaftliche Fragen im Vordergrund stehen, denn angesichts Schwarzer Löcher muss ich passen.

Trolle auf Reisen zenundsenfSpielende Zahlentrolle – verspielte Trollfamilie. Illustration von zenundsenf.

Im 14. Dialog, der Minni og hugarburður – Erinnerung und Fantasie heißt, schlüpfen die Trolle Einn, Ein, Eitt, Tveir und Fimm (die Namen bezeichnen die männliche, weibliche und sächliche Form der Eins, sowie 2 und 5) in die Rollen von Ræningi, Morðingi und Hórkarl (Zeitgenossen, denen man nicht so gerne begegnen würde), Prestur (Priester) und Barn (Kind).

Ræningi: „Stell dir vor, mein Vater hat aus sicherer Quelle erfahren, dass alles nur einen einzigen Ursprung hat.“ Morðingi: „Und meinem Bruder wurde aus sicherer Quelle mitgeteilt, dass man sich diesen Ursprung nicht vorstellen darf.“Hórkarl: „Und meinem Onkel wurde aus sicherer Quelle versichert, dass man den Namen der sicheren Quelle nicht für seine Zwecke missbrauchen darf.“Prestur: „Und ich habe sogar selbst, da ich Vollwaise bin, aus sicherer Quelle die Information erhalten, dass es die sichere Quelle gar nicht gibt.“

„Ich hatte lange überlegt, wie ich die Trolle gestalte“, sagt Andreas. „Ich habe mit Bleistift und Pinsel experimentiert. Aber sie forderten einen breiten Füller. Für mich haben sie ein Eigenleben entwickelt, ja sie machen etwas ganz anderes, als sie sollen.“

Und so sind die Zahlentrolle, die sich nördlich des Hofsjökull beim Schein des Nordlicht spielerisch streiten, unter seiner Feder zugleich zur fünfköpfigen Familie geworden. Der Vater klagt, es sei eigentlich kein gutes Wetter für einen Ausflug, während die Mutter spitz anmerkt: Ich besinne mich nicht, dass das Wetter in den letzten 800 Jahren je besser war. Und die Kinder sagen das, was Kinder auf der ganzen Welt auf Ausflügen sagen, nämlich: Ich will zu meiner Freundin! – Sind wir bald da? – Ich will ein Eis!

In Björns Text beenden die Zahlentrolle ihr Spiel, weil es einfach zu dämlich ist, wie die Wesen Erinnerung mit Erschaffung verwechseln und die Einsicht in das Selbst durch Führung und Gefolgschaft ersetzen.

Schaut, die Schneeflocken tanzen so allein gelassen in der Stille. Singen wir ihnen ein Lied dazu?“, sagt Fimm, und wie nach jedem Spiel singen die Trolle ein Hávamál.

Hávamál (Sprüche des Hohen) heißt eine Sammlung von insgesamt 164 Strophen, die zur Lieder-Edda gerechnet werden, und im Codex regius aus dem 13. Jahrhundert überliefert sind. Björn hält die Behauptung, die Hávamál gäben die Worte Odins wieder, für blühenden Blödsinn. Sie seien eine Perlenkette, mühsam von den Menschen erworben und zusammengetragen und als Wissen an die nächsten Generationen weitergegeben. Ein gemeinsames Erbe, darin von Fremden und Freunden die Rede, und was es darüber an Wissenswertem gibt.

Trolle auf Reisen beinhaltet 24 ausgewählte Hávamál. Nehmen wir das 53. Hávamál im Original und in Björns Neuinterpretation:

Lítilla sanda lítilla sævalítil eru geð guma.Því að allir mennurðut jafnspakir:Hálf er öld hvar.

Unbedeutende Buchtenkleine Meerebedeutungslos der Dichter Sinn.Da alle Menschen nicht gleich weise waren,ist Dasein unvollständig überall.

Karl Simrock ersetzte anno dazumal Alliteration durch Reim: Wie Körner im Sand / klein an Verstand …, doch heutzutage geht es vorrangig um die Deutung des Inhalts. Arnulf Krause übersetzt: An kleinen Ufern kleiner Seen / sind die Gedanken der Menschen klein / denn alle Menschen sind nicht gleich klug / verschieden ist die ganze Welt.(Reclam-Ausgabe der Älteren Edda).

Dies nur als Beispiel, wie solch ein rätselhaftes Hávamál wie das 53ste zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich interpretiert wird.

Björn Erikssons Übersetzungen der Hávamál und seine Trolldialoge regen zum Nachdenken und Diskutieren an und die t(r)ollen Zeichnungen von Zenundsenf erfreuen das Auge und beflügeln die Fantasie. Eine gelungene Mischung.

Trolle auf Reisen ist soeben in Reykjavík erschienen und bereits in der Buchhandlung Mál og Menning, Laugarvegur 18, erhältlich, oder über die Internetseite trolleaufreisen.de bestellbar. Die isländische Ausgabe Tröll á flakki, übersetzt von Guðrún Baldvina Sævarsdóttir, ist in Vorbereitung.

[email protected]www.birdstage.net

Björn Eriksson & zenundsenf Trolle auf Reisen Reykjavík, 2014 ISBN 978-3-00-044793-8 96 Seiten – 24,80 Euro, 2.990 ISK