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Duell – ein Krimi um Schach, Politik und Verrat

Kulturblick

Duell – ein Krimi um Schach, Politik und Verrat

Arnaldur Indriðason, Duell

Photo: Bernhild Vögel.

Krimifreunde haben sicherlich schon das Anfang des Jahres erschienene Duell (Einvígið, 2011) von Arnaldur Indriðason verschlungen und meine Besprechung kann für sie höchstens noch ein Löffel Nachtisch sein. Aber all jenen, die Duell noch nicht gelesen haben oder gar um Krimis einen Bogen machen, möchte ich diesen Roman des Altmeisters der isländischen Kriminalliteratur schmackhaft machen.

Eiseskälte (Furðustrandir, 2010) hieß der letzte von Coletta Bürling übersetzte Band aus der Reihe um den Reykjavíker Kommissar Erlendur. Der hatte sein Team schon zwei Bände zuvor allein gelassen und ermittelte nun in eigener Sache in den Ostfjorden, seiner alte Heimat, wo er einst seinen Bruder im Schneesturm verloren hatte. Ein eindrucksvolles Ende um den gealterten einsamen Kommissar, dessen Spezialität Vermisstenfälle wie in Kälteschlaf (Harðskafi, 2007) waren.

Nun heißt es allenthalben, Arnaldur habe die Reihe um Erlendur abgeschlossen und beginne mit Duell eine neue Serie mit Marian Briem, einer bereits bekannten Figur. Davon bin ich nicht überzeugt, denn in Island sind bereits zwei neue Krimis des produktiven Autors erschienen, die diese Vermutung nicht gerade stützen.

Kommissar Erlendur erinnert sich gelegentlich daran, in welch harte Schule er bei Marian gegangen ist. Doch bereits im Roman Nordermoor (Mýrin, 2000) ist Marian längst pensioniert. In Kältezone (Kleifarvatn, 2004), in dem es um ein an ein russisches Sendegerät gekettetes und im Kleifarvatn versenktes Skelett geht, muss Marian mit einer Sauerstoffmaske leben, und im Folgeband Frostnacht (Vetrarborgin, 2005) stattet Erlendur Marian einen letzten Besuch im Krankenhaus ab.

Duell führt uns zurück ins Reykjavík der frühen 1970er Jahre. In einer der Nissenhütten (tonnenförmige Wellblechbehausungen, die die Alliierten in Reykjavík hinterlassen hatten) an der Kreuzung Barónstigur / Skúlagata befand sich ab 1948 das kleine Kino Hafnarbíó. Nach einer Vorstellung wird der siebzehnjährige Schüler Ragnar dort erstochen aufgefunden, seine Schultasche, die er trotz Sommerferien dabei hatte, ist verschwunden. Nur etwa 15 Besucher, darunter eine Frau, haben die Nachmittagsvorstellung besucht, doch nicht alle melden sich bei Marian und dem jungen Assistenten Albert.

1972 war ein unruhiges und besonders unfriedliches Jahr: Blutige Tage in Nordirland, Eskalation im Vietnamkrieg, Watergate-Affaire, Verhaftung von Baader und Meinhof, Geißelnahme während der Olympiade in München.

Unberührt von alledem ging im abgelegenen Island alles seinen gewohnten Gang – könnte man meinen. Doch Island befand sich nicht nur geographisch in spannungsreicher Lage:

Die Russen kaufen unseren Hering. Die Engländer fangen unseren Kabeljau. Und die Amerikaner unterhalten hier eine Militärbasis“, resümiert Marian.

Island, das intensive Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion pflegte, plante den zweiten Kabeljaukrieg gegen Großbritannien, d.h. die Ausweitung der Fischerei-Schutzzone auf 50 Seemeilen. Da es über keine Armee verfügte, setzte es auf die Unterstützung durch die USA, deren Luftwaffenstützpunkt in Keflavík damals noch eine wichtige strategische Rolle im Kalten Krieg spielte – ein gewagtes Spiel.

Doch erst einmal fand in Reykjavík ein Spiel ganz anderer Art statt: Das Duell zwischen dem russischen Schachweltmeister Boris Spasski und Bobby Fischer, das am 11. Juli 1972 nach einigen Verzögerungen durch den exzentrischen US-Amerikaner endlich in der Sporthalle Laugardalshöllin beginnen konnte. Diese Schachweltmeisterschaft bildet den Rahmen von Duell.

Alþýðublaðið, 02.09.1972

Schlagzeilen des sozialdemokratischen Alþýðublaðið vom 2. September 1972: Bobby wurde Weltmeister“ und Der erste 50. Meilen-Tag“. Montage: Bernhild Vögel.

Arnaldur führt uns quer durch das Reykjavík der frühen Siebziger – ein noch verschlafenes Städtchen im Aufbruch. Wir lernen den im Bau befindlichen Stadtteil Breiðholt mit seinen „Golanhöhen“ kennen, in dem der ermordete Ragnar mit seinen Eltern lebte. Der Vater hatte sich nach dem Abendessen mit einem Buch aufs Sofa gelegt, als die Kommissare an der Tür klopften.

Fernsehen existierte in Island zwar schon seit 1966, jedoch mit sehr eingeschränktem Programm, und bis in die 1980er Jahre hinein war der Monat Juli komplett fernsehfrei. Kein Wunder, dass die ältere Generation auf Lesen und Radiohören abonniert blieb, Jugendliche aber in die Kinos strömten. Wie Ragnar, der sich den Western Stalking Moon (Der große Schweiger) mit Gregory Peck angesehen hatte. Unter den Kinogästen war auch ein bekanntes Fernsehgesicht, der nie lächelnde Meteorologe, der die Wetternachrichten vortrug. Hatte er etwas mit dem Verbrechen zu tun?

Auch dieser Frage müssen die Kommissare nachgehen, doch Marians Gedanken sind nicht immer beim Fall und driften ab in die eigene Kindheit.

Marians Mutter war dänischer Abstammung und arbeitete als Dienstmädchen bei einer reichen Reykjavíker Familie. Sie wurde verjagt, nachdem der Sohn des Hauses sie geschwängert hatte, und fand Arbeit auf einem Hof auf der Snæfellsnes-Halbinsel. Marian war kaum drei Jahre alt war, als die Mutter ums Leben kam. Der Chauffeur der reichen Familie, Athanasius, der das Kind im Sommer oft auf dem Hof besuchte, wurde zum väterlichen Freund. Doch mit zehn Jahren erkrankte Marian an Tuberkulose.

Im ländlichen Island hatte TBC keine Rolle gespielt, erst um 1900, als die Städte wuchsen und die Mobilität sich erhöhte, kam die Plage über die Insel. Während sich die Tuberkulose auf dem Kontinent bereits auf dem Rückzug befand, wurde sie in Island zum Killer Nr. 1. Ein Fünftel aller Todesfälle in den Jahren 1911 bis 1925 ging auf ihr Konto und noch Anfang der 1930er Jahre starben jährlich etwa 200 der rund 100.000 Isländer an der Lungenkrankheit.

Marian kam damals zuerst ins Lungensanatorium in Vífilsstaðir bei Garðabær. Die Familie von Marians leiblichem Vaters, der sein Kind nie anerkannte, finanzierte anschließend einen Sanatoriumsaufenthalt im dänischen Koldingfjord. Mit der Pneumothorax-Methode wurde Luft zwischen Lunge und Brustfell gespritzt, um den betroffenen Lungenflügel stillzulegen und die Ausbreitung der Tuberkelbazillen zu verhindern. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kamen wirksame Antibiotika auf dem Markt.

In Duell ist Marian etwa fünfzig Jahre alt. Die jüngeren Kollegen bei der Reykjavíker Kriminalpolizei haben es nicht leicht. In Nordermoor schildert Erlendur Marian als „ungeheuer pedantisch, anspruchsvoll, ungeduldig und unerbittlich“. Jahrelang hatte es tiefe Verstimmungen zwischen den beiden gegeben und ihr Verhältnis war erst nach Marians Pensionierung besser geworden. Marians hervorragendes Gedächtnis half Erlendur in manch festgefahrenem Fall auf die Sprünge.

Doch der junge Kollege Albert hält in Duell die Alleingänge von Marian nicht aus und lässt sich versetzen. Platz für ein neues Gesicht – es ist nicht schwer zu erraten, welches.

Andere Rätsel um den Mord im Kino sind komplizierter und geschickt mit Weltpolitik und Lokalkolorit verwoben. Um die spannenden Romane von Arnaldur Indriðason genießen zu können, muss man kein Krimifan sein. Zudem macht Duell den Einstieg für diejenigen leicht, die die Erlendur-Reihe noch nicht kennen.

Ein Rätsel aber bleibt – ein Schmankerl für alle, die Duell schon gelesen haben. Wenn es Ihnen so wie mir erging und für Sie das Geschlecht von Marian Briem nicht in Frage stand, dann suchen Sie doch mal die über vierhundert Seiten nach einem Personalpronomen für Marian (im Original: Marion) ab. Und lesen Sie die Kapitel 7, 19 und 26 von Nordermoor nach. In Island wird seit Jahren gerätselt: Er Marion Briem karl eða kona? Und Arnaldur Indriðason hat seinen Spaß daran.

[email protected]www.birdstage.net

Arnaldur Indriðason: Duell Aus dem Isländischen von Coletta BürlingLübbe, 2014428 Seiten, 19,99 Euro