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Der stete Lauf der Stunden

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Der stete Lauf der Stunden

Justin Go Der stete Lauf der Stunden

Photo: Bernhild Vögel

Der Autor kommt ohne Umschweife zur Sache. Sein junger Protagonist Tristan Campbell, ein kalifornischer Geschichtsstudent, ist nach London geflogen, um eine Anwaltskanzlei aufzusuchen, die seit 1924 ein riesiges Erbe verwaltet. Erbberechtigt war die spurlos verschwundene Imogen Soames-Andersson sowie deren direkte Nachkommen. Nun liegen den Anwälten vage Hinweise vor, Tristan, der Nachfahre von Imogens Schwester Eleanor, sei tatsächlich der Urenkel von Imogen – doch eindeutige Belege sind gefragt, sonst verfällt sein Erbe und wird an gemeinnützige Organisationen verteilt, darunter das Ashmolean Museum in Oxford (was ja auch nicht die schlechteste Idee wäre).

Tristan hat zwei Monate Zeit, um die Spuren des Erblassers Ashley Walsingham und seiner geheimnisvollen Geliebten Imogen quer durch Europa zu verfolgen. Dass diese Schnitzeljagd laut Verlagsankündigung offensichtlich in Island endet, hat mich neugierig gemacht.

Der stete Lauf der Stunden ist der Debütroman von Justin Gakuto Go, der 1980 als Sohn eines japanischen Vaters und einer amerikanischen Mutter in Los Angeles zur Welt kam, in Berkeley Geschichte studierte und in Tokio, Paris, London, New York und Berlin gelebt hat, bevor er wieder nach Kalifornien zurückgekehrt ist.

Im Jahre 2008 zog er zur Ausarbeitung seines Romanprojektes nach Berlin. „Ich hatte das Gefühl, es würde ein guter Ort zum Schreiben werden“, teilt er auf seiner Internetseite mit. Ein guter Ort zum Vermarkten war schließlich die Londoner Buchmesse 2012, wo sich The Steady Running of the Hour in über 20 Länder verkaufte.

Der Aufbau des Romans ist einfach. Die Kapitel über die zweimonatige Suche Tristans im Jahre 2004 wechseln mit Rückblicken auf das Schicksal von Ashley und Imogen, konzentriert auf die Jahre 1916 und 1924.

Erst einmal aber lernen wir den neunzehnjährigen Ashley und seinen Lehrer und Freund Hugh Price beim Bergsteigen in Wales kennen. Es ist Frühjahr 1914, in dreieinhalb Monaten wird der Erste Weltkrieg beginnen. Im Hotel fällt Ashley eine sehr junge Frau auf, die Klavier spielt.

Der mit einem reichen Erbe ausgestattete Brite hat nur noch eine kurze unbeschwerte Zeit vor sich, die er mit Studium und Klettern verbringt. Im August 1916 trägt er die Leutnantsuniform der Artists Rifles, einer Freiwilligenformation der Army. Bei einem Vortrag über die Erforschung des Himalaja vor der Royal Geographical Society in London trifft er Imogen, die junge Frau aus dem Hotel in Wales, wieder.

Wenige Tage bleiben den Frischverliebten, dann muss Ashley nach Frankreich an die Front. Im November erreicht Imogen die Nachricht, ihr Gelieber sei gefallen – eine Woche später erhält sie ein Telegramm von ihm: Er lebt und liegt im Lazarett von Albert im Département Somme. Imogen reist sofort nach Frankreich, trifft Ashley, doch aus unbekannten Gründen kommt es zum Bruch zwischen den beiden.

Imogen gilt seitdem als verschollen, doch kurz bevor Ashley 1924 zur Besteigung des Mount Everest aufbricht, vermacht er ihr den Großteil seines Vermögens. An dem bis dato unbezwungenen Berg verliert er sein Leben.

Das ist nun der zweite, erschreckend aktuelle Bezug zu Island: Am Karfreitag riss eine riesige Lawine am Mount Everest 16 nepalesische Träger (Sherpa) in den Tod, weitere wurden schwer verletzt ins Krankenhaus von Kathmandu eingeliefert. Unter den unversehrten Bergsteigern im Basislager 1 sind auch zwei Isländer: Ingólfur Ragnar Axelsson und Vilborg Arna Gissurardóttir, die erste Isländerin, die den höchsten Gipfel der Erde bezwingen wollte, aber ihren Plan nun aufgegeben hat (wir berichteten).

Träger spielten am Mount Everest schon immer eine entscheidende Rolle, doch vor der Kommerzialisierung des Berges wurden die Aufstiegsrouten noch nicht durch Einheimische gesichert. Am Mount Everest verloren 1924 zwei Briten ihr Leben und noch heute wird darüber debattiert, ob George Mallory (oder sein junger Partner Andrew Irvine, dessen Leiche nie gefunden wurde) den Gipfel erreicht hat, denn dann gebührte ihm als Erstbesteiger zumindest postume Ehre.

Justin Go hat die Dokumente der Britischen Mount-Everest-Expedition 1924 sicherlich genau so intensiv studiert wie Berichte von der Schlacht an der Somme, bei der innerhalb von 20 Wochen über eine Million britische, französische und deutsche Soldaten getötet und verwundet wurden. Im Roman verschmelzen die beiden ums Leben gekommenen Bergsteiger zu einer Person – das stellt einen größeren Eingriff in die Historie dar, als der Materialschlacht an der Somme einen fiktiven britischen Leutnant hinzuzufügen.

Unterdes verfolgen wir die Suche von Tristan quer durch Europa. Eleanor und Imogen, die Töchter eines schwedischen Diplomaten, scheinen sich Ende 1916 für ein halbes Jahr in ein abgelegenes Anwesen der Familie am See Ejen, 250 km nordwestlich von Stockholm, zurückgezogen zu haben. Hat Imogen dort ein Mädchen geboren, das dann als Tochter von Eleanor ausgegeben wurde?

Erst gegen Ende des Romans kommt Tristan nach Island. Hatte Imogen dort ein neues Leben begonnen? Es gibt nur einen vagen Hinweis darauf: Zwei Schlangen, die mit einem Drachen kämpfen, ein Motiv im so genannten Urnes-Stil aus der Wikingerzeit.

Der Roman ist sorgsam recherchiert, flüssig und spannend geschrieben und trotz seiner über 500 Seiten schnell gelesen – ein beachtliches Debüt des jungen Schriftstellers, der sich altbekannter Fragestellungen nach dem Wert von Reichtum und „reiner“ (platonischer) Liebe annimmt. Jedoch, hinter dem Protagonisten Tristan scheint zu sehr der Autor durch. Die Wegsuche des jungen Tristan, der – salopp gesagt – noch ein unbeschriebenes Blatt ist, verliert sich allzu oft in schlichter Beschreibung der Reisen des Justin Go.

Der offene Schluss mag manchen Leser nicht befriedigen. Ich finde ihn angemessen, denn er bewirkt, dass man noch eine Weile an der Geschichte herumrätseln kann.

[email protected]www.birdstage.net

Justin GoDer stete Lauf der StundenAus dem Amerikanischen von Georg DeggerichHoffmann und Campe, 2014512 Seiten, 22,99 Euro