Reykjavík
9°C
NNE

Alles beginnt mit einem Kuss

Kulturblick

Alles beginnt mit einem Kuss

Minervudóttir: Kuss

Photo: Bernhild Vögel

Manch deutschem Leser mag der Titel bekannt vorkommen. War da doch einst der englischer Film The Big Lift, der zur Zeit der Berliner Luftbrücke spielt, und 1950 unter dem Titel Es begann mit einem Kuss in die deutschen Kinos kam.

Damit freilich hat der Roman Alles beginnt mit einem Kuss von Guðrún Eva Mínervudóttir nichts zu tun – sein Titel bezieht sich auf die Zeile allt með kossi vekur in einem Gedicht von Hannes Hafstein, in dem der Politiker und Poet die segensreiche Sonne besingt, die alles mit einem Kuss erweckt.

Den Gedichtzeilen von Hannes, die Guðrún Eva dem Buch vorangestellt hat, folgt nicht etwa das erste Romankapitel, sondern erst einmal ein Comic von fast 50 Seiten.

Guðrún Eva, Jahrgang 1976, hat Philosophie studiert und mit 22 Jahren ihre ersten Geschichten veröffentlicht: Romane, Gedichte, philosophische Kindergeschichten. Für Allt með kossi vekur hat sie 2011 den isländischen Literaturpreis erhalten.

Ich muss gestehen, dass ich mich mit dieser Autorin anfangs nicht leicht getan habe. Angesichts der Fülle der übersetzten Literatur im Jahr 2011, als das sagenhafte Island Gastland der Frankfurter Buchmesse war, hatte ich ihren ersten in deutscher Übersetzung erschienenen Roman nicht gelesen. Der Schöpfer – so der Titel – ist ein Mann, der sich der Kunst verschrieben hat, lebensgroße Sexpuppen aus Silikon herzustellen. Auf dieses Thema hatte ich keine Lust, was sich im Nachhinein – inzwischen habe ich den Schöpfer gelesen – als Fehler herausgestellt hat, denn der Roman ist anregend und tiefgründig.

Gauti Kristmannsson schreibt in seiner Rezension von Skaparinn/Der Schöpfer in Ausbrüche und Eindrücke, der Aufbau erinnere an die sieben Tage der Schöpfungsgeschichte, allerdings ohne Ruhetag:

Auch Sveinn und Lóa, die beiden Hauptpersonen, erscheinen uns nicht wie Adam und Eva in den isländischen Paradiesen Akranes und Reykjavík, sondern sind bis zu einem gewissen Grad die Erzeugnisse dieser gestörten Wirklichkeit, in der wir heute leben ...“

Auch in Alles beginnt mit einem Kuss spielt die Schöpfungsgeschichte eine wichtige Rolle. Der Eingangs-Comic beginnt im Paradies, in dem zwei Bäume stehen, von denen nicht gegessen werden darf. Guðrún Eva erläuterte im Gespräch mit Pétur Blöndal:

Es gibt nicht viele Menschen, die wissen, dass in der Bibel zwei Bäume aufgeführt sind, der Baum der Erkenntnis, der die Menschen zwischen Gut und Böse unterscheiden lässt und von dessen Früchten Eva Adam zu essen gibt, und dann noch der Baum des Lebens, der noch verbotener war als der andere.“ (22 Autoren im Gespräch, Reykjavík 2011)

Die Autorin sprach auch über ihre Zusammenarbeit mit der Illustratorin Sunna Sigurðardóttir (deren Namen man in der deutschen Ausgabe leider nur im Kleingedruckten findet):

Ich hatte unheimliches Glück auf sie zu stoßen, weil sie genau das einfängt, was ich mir vorgestellt hatte, und selbst noch so viel beisteuert. Einer der Hauptfiguren ist Comic-Autor und die Bildergeschichten sind drei seiner Geschichten. Sie sind keine reine Ausschmückung, sondern ein wichtiger Bestandteil des Buches.“

Der Comic-Autor heißt Þorlákur, wird aber nur Láki genannt. Er ist seit einigen Jahren der Lebensgefährte von Elísabet, die früh Island verlassen hat und durch die Welt getingelt ist. Sie war 22, als sie in Argentinien geheiratet und einen Jungen aus einem Kinderheim adoptiert hatte. Die Ehe hielt nicht lange und der kleine Davíd wurde von seiner Hippie-Mutter quer durch Europa geschleppt. Während sie im Rotlichtviertel von Amsterdam als Bardame ihre Brötchen verdiente, blieb Davíd in der Obhut von Nachbarn. Der Junge war neun, als Elísabet mit ihm nach Island zurückkehrte.

Elísabet, die eigentlich Bildhauerin werden wollte, strickte einen Mythos um ihre Person, und auch Sohn Davíd glaubte lange, sie habe als junges Mädchen das Geschenk des Kusses empfangen, das sie zu einer Künstlerin mache, die keinen Schlaf braucht. Mit viel Alkohol, Begeisterung, Charisma und Kokain inszeniert sie sich selbst.

Kein Wunder, dass Davíd ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter entwickelte. Die Geschichte wird von ihm erzählt, er ist inzwischen verheiratet und hat zwei Töchter. Das Schicksal der Freunde seiner Mutter, Indi und Jón lässt ihm keine Ruhe.

Die verhängnisvolle Entwicklung beginnt damit, dass Elísabet Kontakt zu ihrer alten Jugendfreundin Indi aufnimmt, die eigentlich Ingibjörg heißt. Indi ist nahe am Wasser gebaut und und leidet unter Kaufsucht, wohingegen ihr Mann Jón, Davíds ehemaliger Lehrer, eine Allergie gegen tote Gegenstände hat und sie aus seinem Blickfeld räumt.

Er wollte einen leeren Raum schaffen, in dem Indi allein und nackt wie Venus in der Muschel dastand und er selbst ihr ungeborener Sohn war. Seine Beziehung zu Indi war beispielhaft für die eines Mannes, der sich nicht von seiner Mutter lösen kann, weil er unter keinen Umständen so werden will, wie sein Vater.“

Beim Lesen schreibe ich mir hin und wieder Stichworte auf und zu dieser Passage notierte ich salopp „Freud lässt grüßen“. Guðrún Eva lässt Davíd ein bisschen herumpsychologisieren, doch ein paar Zeilen weiter sieht er Jón in die Fänge einer Trollfrau geraten.

Alte Mythen und moderne Erklärungsmuster, Magie und Wissenschaft, Märchen und Realität – wir bekommen eine Mixtur serviert, die uns gelegentlich fragen lässt: Ist das wirklich so geschehen, oder hat die Person das nur geträumt? Welche Version, die Davíd berichtet wurde, ist nun die richtige? Natürlich sind diese Fragen angesichts erdachter Figuren und Ereignisse Quatsch. Guðrún Eva spielt mit ihnen ebenso wie mit unseren Erwartungen. Im Gespräch mit Pétur Blöndal erläuterte sie:

Wenn man, so wie ich in diesem neuen Buch, die unglaublichsten Ereignisse beschreibt, ist es sehr, sehr wichtig, dass die Menschen sich in die Geschichte hineinversetzen können. Dafür muss die Geschichte zu einem gewissen Grad alltäglich und detailliert sein.“

Die Ereignisse über die Davíd berichtet, spielenim Winter 2003, als der Ausbruch der Katla seinen Höhepunkt erreichte“, heißt es zu Beginn des Romans. Ich dachte mir dabei zuerst nichts weiter, 2010, 2011 gab es Ausbrüche, die ich selbst miterlebt habe, und alle paar Jahre spuckt irgendeiner der Vulkane herum. Doch dann machte es bei mir „Hoppla“!

Der Vulkan ist eine Metapher. Wenn der Mensch versucht, aus seiner Haut herauszukommen und die Fesseln seiner Biographie zu sprengen, wenn er gar der Versuchung erliegt, die mitmenschlichen Spielregeln zu ignorieren, um in den Genuss grenzenloser Freiheit zu gelangen, kann das nur in der Katastrophe enden. Dem Feuerrausch folgt die Asche.

Im Eingangscomic trifft Ada, eine ungehorsame Tochter Evas, den Jungen Mút aus einem anderen Volk, das nicht von Adam und Eva abstammt. Zusammen machen sie sich auf, das Paradies zu suchen, doch die Sintflut hat vom Baum des Lebens nur noch einen Stumpf übrig gelassen, an dem eine einzige Frucht hängt, eine riesige, wahrscheinlich genetisch veränderte Birne.

Guðrún Eva: „Ja, aber es bleibt natürlich dem Leser überlassen, wie wörtlich er den Mythos über den Baum des Lebens nehmen will, genauso, wie er entscheiden muss, wie sehr er an andere Mythen glauben will oder sie als rein psychologische Erklärungen interpretiert, die den Menschen dabei helfen sollen, ihr Leben zu bewältigen.“

[email protected]www.birdstage.net

Guðrún Eva Minervudóttir Alles beginnt mit einem Kuss Aus dem Isländischen von Anika Wolff btb Verlag 2014 384 Seiten, 19,99 Euro