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Vom Rand der Welt

Kulturblick

Vom Rand der Welt

Melitta Urbancic: Vom Rand der Welt

Die Fähre Norröna gleitet durchs Nordmeer. Ich hatte mir Sturm gewünscht, doch das Meer ist spiegelglatt. Sie, die vor 76 Jahren in entgegengesetzter Richtung unterwegs war, hat eine ähnlich ruhige Überfahrt als bedrückend empfunden:

unbewegt, beinahe als trage

uns die Arche fernster Tage

durch das Totenmeer der Zeit.“

Sie musste aus ihrer Heimat fliehen und alles zurücklassen, während ich nur etwas betrübt bin, weil ich aus meiner Wahlheimat Island zurückkehren muss ins gewohnte Umfeld, in dem Sprache, Familie, Freunde auf mich warten. Ich nutze die Zeit an Bord, um über den zweisprachigen Band mit Gedichten von Melitta Urbancic (1902-1984) Frá Hjara Veraldar / Vom Rand der Welt nachzudenken und zu schreiben.

Es war ein Kulturschock für die Wienerin, 1938 ins Provinznest Reykavík verschlagen zu werden. Nichts hatte Melitta auf diesen Exilort am Rande der Welt vorbereitet. Als sich das allzu willige Österreich Nazideutschland hatte anschließen lassen, tauschte Melittas Mann Victor kurzerhand mit dem Komponisten Franz Mixa, der die musikalischen Darbeitungen bei der Eintausend-Jahrfeier des isländischen Parlamentes geleitet hatte, die Stelle. Melitta, die die Konversion vom Judentum zum Katholizismus nicht vor der Verfolgung durch die Nazis schützte, erhielt den dringenden Rat, umgehend mit den drei Kindern Österreich zu verlassen und ihrem Mann nachzureisen.

Die 1902 in Wien geborene Melitta Grünbaum war Mitte der 1920er Jahre nach Heidelberg gekommen, um bei dem Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf zu studieren, dem bis zum Zerwürfnis mit Stefan George prominentesten Mitglied des Kreises um den exzentrischen Lyriker. Ihr zweiter Lehrmeister wurde der Philosoph Karl Jaspers. Melitta stand in Heidelberg zwischen den Stühlen der literarischen Lager um Rilke und George. Eine innige Freundschaft verband sie mit der vier Jahre jüngeren Lyrikerin Erika Mitterer, die wiederum einen ausführlichen Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke pflegte. (Unter welchen Umständen Rilke die beiden jungen Frauen bedichtete, erläutert Gauti Kristmannsson in seinem Nachwort „Echo der Erinnerung“)

Nach ihrer Promotion erhielt Melitta, die zwischendurch auch Schauspielkunst in Wien studiert hatte, unter dem Künstlernamen Makarska Anstellung an den Theatern von Baden-Baden und Koblenz, während ihr Verlobter, der Komponist und Musikwissenschafter Victor Urbancic als Kapellmeister in Mainz arbeitete. Als die Nazis an die Macht kamen, kehrte das inzwischen verheiratete Paar mit den Kindern Peter und Ruth nach Österreich zurück. 1937 kam Tochter Sybille auf die Welt und 1945 Erika in Reykjavik.

Dass Melittas Gedichtzyklus Vom Rand der Welt nun erstmals auf deutsch und zugleich in isländischer Übersetzung erscheint, ist Frucht des Jahres 2011, in dem Island Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Aus diesem Anlass wurde in Wien eine Ausstellung über Leben und Werk von Melitta Urbancic organisiert, die den isländischen Schriftsteller Sjón (Schattenfuchs, Das Gleißen der Nacht) dazu anregte, in Island auf die Ausstellung aufmerksam zu machen und Herausgeber für Melittas Gedichte zu suchen.

 BoðuninMelitta Urbancic: Boðunin (Verkündigung), 1949. Foto: Bernhild Vögel.

Das nach der ehemaligen Staatspräsidentin Vigdís Finnbogadóttir benannte Fremdspracheninstitut und der Translationswissenschaftler Gauti Kristmannsson nahmen sich des Projektes an und der Schriftsteller und Übersetzer Sölvi Björn Sigurðsson übertrug die Gedichte ins Isländische. Herausgeber Gauti schrieb eine informative Einführung zu Leben und Werk.

Als Melitta in Island ankam, erwartete sie ein langer dunkler Winter. Reykjavík war damals, verglichen mit Wien, eine Ansammlung von Holz- und Torfhütten zwischen schlammigen Wegen, kurz gesagt ein Ort, der mit seinen wenigen Steinbauten kaum den Namen Stadt verdiente. Das Schreiben wurde Melitta zum Überlebensmittel und sicherlich half ihr die Arbeit an den Gedichten, ihrem Inhalt und ihrer Form, sich nicht von Verzweiflung über das Herausgerissensein aus kulturellen und sozialen Bezügen, den Verlust von Heimat und die als abweisend erlebte neue Umgebung überwältigen zu lassen.

Der erste Teil des Gedichtzyklus „Zwischen gestern und morgen“ ist Ausdruck der Heimatlosigkeit. Melitta zieht den Vergleich mit Robinson, den, obschon gerettet, ein isoliertes Leben auf einem gottverlassenen Eiland erwartet. Doch allmählich beginnt sich Melitta dem Land und seiner Eigenart zu öffnen. Bewusst setzt sie das Hier und Heute gegen den wehmütigen Rückblick und die Sorge um die Zukunft.

Das sich ständig verändernde Island, in dem die Menschen nicht lange Pläne machen, sondern ihre Tätigkeiten den aktuellen Witterungsbedingungen anpassen, also den Augenblick nutzen, erleichterte es Melitta wohl, das philosophische Prinzip, im Augenblick die Dauer zu erkennen, ins tägliche Leben zu übertragen und die neue Heimat anzunehmen.

Diesen Prozess der allmählichen Aneignung der Fremde anhand der Gedichte des ersten Zyklus zu verfolgen, ist faszinierend. Er gipfelt in der Aufforderung an die Emigranten, nicht zurückzuschauen und die Gegenwart aktiv zu gestalten. Sie alle sind in den Wirbel der Zeitläufte geraten – um nicht fortgetrieben zu werden oder im Mahlstrom unterzugehen, hilft nur der selbstbewusste Ruf:

W i r sind der Strom! Wir die Gewalten!

Nach uns das künftige Ufer heißt.

Leben, das hatte Melitta von Jaspers gelernt, ist fortwährend Bewegung und Umschmelzung, und Lebenskraft wird immer nur neu in Erschütterungen erworben (Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen, 1919).

Oder werd ich einst geführt im Kreise,

alle Not als eignen Wahn erkennen

und im Eis den Boden für mein Brennen,

Hunger als des Herzens herbe Speise?

Hitze und Feuer, Eis und Frost – das sind ja in Island nicht nur poetische Metaphern, sondern reale Naturgewalten. Und diese dürfen sich sicherlich – neben Gundolf und Jaspers – zu Melittas Lehrmeistern zählen.

 HiobMelitta Urbancic: Hiob/Job, 1943. Foto: Bernhild Vögel.

Es gelingt Melitta, sich nicht von Sehnsucht verzehren zu lassen, wie sie im Gedicht „Ich habe Zeit“ formuliert:

Darum hab ich Zeit – denn mir gilt keine,

seit der Augenblick hier Fülle bot,

immer neu in Schwebe haltend meine

Sehnsucht zwischen Seligkeit und Tod.

Melittas Sehnsucht galt insbesondere den Landschaftsbildern ihrer Kindheit; iIhre Verzweiflung dem Schicksal der schutzlos zurückgebliebenen Mutter Ilma Grünbaum, die 1943 in Theresienstadt ums Leben kam, und der das Eingangsgedicht gewidmet ist. Und Zweifel, ob man angesichts von Verfolgung und Völkermord noch dichten dürfe, plagten sie:

Wer heute schreibt, während die Brüder bluten,

wer jetzt noch dichten kann, indess die Knuten

der Teufelsknechte in den Tod sie treiben,

färbe die Feder sich mit anderm Saft:

Kräfte zu zeugen aus zerstörter Kraft,

darf sie mit Blut nur oder Samen schreiben.

Wer jetzt noch dichten kann ... Die Zeilen erinnern mich stark an Rilkes Herbstverse: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Aber sie sind nicht resignativ und bieten auch eine andere Antwort als sie Adorno später auf die Frage gibt, ob man nach Auschwitz noch dichten könne.

Doch Melittas Hier und Heut ist Island, darauf ist ihr zweiter, ebenso benannter Zyklus konzentriert. Sie entdeckt die klare Schönheit von Nordisland und besingt die Städtchen Akureyri und Dalvík. Im Augenblick findet sie hier die Dauer und Strophen wie:

Die Strasse führt mich gut und hart

den Fluss entlang.

O dauersichre Gegenwart!

Wem sag ich Dank?

 GrabsteinGrabstein für Victor Urbancic auf dem Hólavallagarður. Foto: Bernhild Vögel.

Melitta Urbancic, die als Fremdsprachenlehrer tätig war, widmete sich auch der Bildhauerei und fungierte als Pionierin für die Bienenzucht in Island. Ihr Mann Victor starb 1958. Melitta hat seinen Grabstein gestaltet, ist selbst aber in ihrer Heimat Österreich begraben, in die sie zu Lebzeiten nicht zurückgekehrt war.

[email protected]www.birdstage.net

Melitta Urbanic: Frá Hjara Veraldar / Vom Rand der Welt. Herausgegeben von Gauti Kristmannsson. Übersetzungen: Sölvi Björn Sigurdsson, Sabine Leskopf. Reykjavík 2014, 218 Seiten, 4.500 ISK. Beziehbar auch über den Onlineshop Islandbuecher.de

Broschüre zur Ausstellung über Melitta Urbancic in der isländischen Nationalbibliothek Landsbókasafn Íslands, die am 8. März 2014 eröffnet wurde (PDF 834 KB).