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Einfach nur: Böse

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Einfach nur: Böse

Eiríkur Örn Norðdahl: Böse

Photo: Bernhild Vögel

Wo soll ich bei der Besprechung des Romans Böse (Illska) von Eiríkur Örn Norðdahl beginnen?

Der Zusammenhang ergibt sich aus der Geschichte, die erzählt wird, und hier wird eine Geschichte erzählt über die Geschichte, die erzählt wird“, heißt es auf einer der ersten Seiten. Die Geschichte dreier junger Menschen, eingebettet in die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Litauen, Island, Holocaust und eine Dreiecks-Beziehung. Ein Roman, der 2012 mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ein Buch, über 650 Seiten schwer, das wie ein Montageroman beginnt, dann wie eine Saga weitererzählt wird und im dritten Buch wiederum die Form wechselt.

Eines Tages warf sich Agnes in Ómars Arme. Damit hatte Ómar nicht nur Agnes im Arm, sondern außerdem Adolf Hitler samt seinem ganzen Gefolge, ganz zu schweigen von gut 2000 Einwohnern von Jurbarkas, 200000 litauischen Juden, sechs Millionen europäischen Juden, 17 Millionen Holocaust-Opfern und 80 Millionen Kriegstoten in sechs Jahren – von 1939 bis 1945.“

Eiríkur Örn zieht den Leser in die Geschichte und die Historie hinein. Nein, der Vergleich hinkt irgendwie, denn er nimmt uns nicht an die Leine, er verführt uns nicht, sondern weist uns auf den einen oder anderen Umstand hin, stellt Fragen, provoziert zum Nachdenken. Immer spannungsvoll, immer so, dass es uns weitertreibt. Stellenweise ironisch, oftmals drastisch, doch ohne jenen Zynismus, den ich bei Hallgrímur Helgasons Eine Frau bei 1000° nicht ertrage.

Die Geschichte verweist nicht auf sich selbst zurück, sondern auf weitere Geschichten, auf unsere eigene sowie auf die der anderen.“

Beginne ich also mit einer eigenen Geschichte zum Thema:

Vor einem knappen Jahrzehnt fand ich, es sei an der Zeit, mir eine große Arbeitspause zu gönnen. Zwanzig Jahre Beschäftigung mit Babys, die die Nazis als „rassisch unwert“ ihren russischen und polnischen Müttern wegnahmen und verhungern ließen, mit Zwangsarbeit, Folter und KZ sind genug, sagte ich mir. Kriegsberichterstattung verroht bekanntlich. Eine frische Brise für Geist und Seele, die hatte ich nötig, und so richtete ich meinen Blick auf meine fast vergessene Jugendliebe Island.

Und weil man so etwas heutzutage erst einmal virtuell angeht, stieß ich im Internet auf einen Isländer, der mir eine Menge über sein Land berichtete, mich ermutigte, mich mit den Liedern der Edda und den Sagas zu beschäftigen, was ich bisher vermieden hatte. Doch was kann die mittelalterliche Literatur Islands dafür, dass die Nazis und ihre Nachäffer sie für sich reklamierten?

Pech nur, dass ausgerechnet mein überaus sympathischer und intelligenter isländischer Gesprächspartner unter anderem Namen seine Sympathien für Ausländerfeinde, rechte Gewalttäter und Neonazis in der virtuellen Welt kundtat. Und er war nicht der einzige.

Als ich dies entdeckte, kam ich wieder ernüchtert in der Realität an – das von mir erträumte Paradies existierte nicht. Nirgendwo auf der Welt, ob in Island oder am Südpol, würde ich der Konfrontation mit Hass, Ausgrenzung und Gewalt entkommen. Nicht zuletzt dem eigenen Hass, der, so er nichts Schlimmeres anrichtet, doch recht hässliche Flecken auf der Seele hinterlässt.

Graffiti in ÍsafjörðurGraffiti in Ísafjörður. Foto: Bernhild Vögel.

Offen rassistische Parolen und Nazipropaganda verstummten in Island erst einmal, als die Krise hereinbrach. Nun waren es plötzlich die Isländer selbst, auf die die Welt verächtlich herabblickte, sie gar als Terroristen abstempelte. Auch darauf kommt Eiríkur Örn in Böse zu sprechen:

Im ganzen Land, oben auf den Gletschern und unten auf dem Meer, hielten die Leute Transparente in die Kamera und ließen sich mit der Botschaft Mr. Brown, We Are Not Terrorists! fotografieren. Denn bekanntlich sind Terroristen ja dunkelhäutige Kerle mit langem Bart und Turban, weswegen man auf einem Foto auch sofort erkennt, wer Terrorist ist und wer nicht. Und Vergewaltiger haben einen litauischen Pass in der Hosentasche.“

Eiríkur Örn kratzt gehörig am Lack, an der moralischen Überheblichkeit, erinnert, wie schnell Opfer zu Tätern werden können und umgekehrt. Er kommt ohne den moralischen Zeigefinger aus, aber er stellt Fragen, die verdammt unbequem sind. Ob für mich, für dich, für manch ausländerphobischen Isländer oder den Autor selbst.

Island funktioniert über Isolation und selbstgewählte Beschränktheit. Es sei denn, es ist bloß mein persönlicher Frust, der hier zu Wort kommt.Unser Frust.Dein Frust.“

Die Geschichte der Beziehung zwischen Agnes, Ómar und Arnór ist kein Beiwerk zu einer Abhandlung über die „große“ Geschichte. Wir erfahren von Vernachlässigung, Schuldgefühlen, aufgestauter Wut, von Opfern, die zu Tätern werden – der Blick durch die Lupe ins Private bedeutet nicht, den Horizont aus den Augen zu verlieren, hat nichts mit „Relativierung des Holocaust“ zu tun. Der Link zwischen kleiner und großer Geschichte ist die Geschichtsstudentin Agnes, deren Eltern 1978 aus Litauen – mit einem Umweg über Israel – nach Island kamen, und ihr Versuch, die Familiengeschichte wissenschaftlich zu „verarbeiten“.

Das erste Buch hat mehrere Ebenen: Der Autor zieht den Leser immer wieder ins Zwiegespräch über den Holocaust, über Populismus und die verschiedenen Spielarten des Rassismus. Ein thematisches Minenfeld, das manch anderem zum Verhängnis geworden wäre, das Eiríkur Örn aber mit bewundernswürdigem Geschick sicher durchschreitet.

Zwischen solchen Passagen erfahren wir, wie sich Ómar und Agnes kennenlernten, wie Ómar beobachtet, dass Agnes – erst einmal aus wissenschaftlichem Interesse – mit dem Neonazi Arnór in einem Einkaufszentrum abhängt, warum die gemeinsame Reise nach Litauen nicht klappt und wie Agnes schließlich mit Arnór ins Bett steigt. Auf der dritten Ebene sehen wir Ómar vor einer Touristenkneipe im estnischen Tallinn sitzen und einem finnischen Austauschstudenten vom Ende und seinen Folgen zu berichten: Wie sich seine Wut auf einen kleinen Gegenstand konzentrierte, als er entdeckte, dass ihn Agnes mit Arnór, dem Neonazi, betrügt. Wie das gemeinsame Zuhause in Flammen aufging und wie er zusah.

Im zweiten Buch. das ganz im Zeichen der Vergangenheit steht, gibt es zwei Erzählstränge: Der eine führt nach Jurbarkas, einer litauischen Kleinstadt mit ehemals hohem jüdischen Bevölkerungsanteil. Erst kamen 1940 die Sowjets, dann ein Jahr später die deutschen Besatzer. Die Urgroßväter von Agnes, Vilhelmas Lukauskas und Izsak Banai, besaßen gemeinsam eine Druckerei in Jurbarkas. Bis der Katholik Vilhelmas den Juden Izsak erschoss.

Der zweite Strang führt nach Ísafjörður. Berichtet wird, wie Arnór quasi in der Bibliothek aufwuchs, welche Rolle die vier Landwächter (Stier, Geier (!), Bergriese und Drache) für das Kind spielten, das auf der Suche nach dem legendären Stier beinahe sein Leben verloren hätte. Arnór ist kein dumpfer Schlägertyp. Er ist kein Mitläufer, sondern Einzelgänger, der Macht durch Worte ausübt und Agnes durch seine Skrupellosigkeit fasziniert.

Sundhöll, ÍsafjörðurDas Sundhöll-Gebäude beherbergte früher die Bibliothek von Ísafjörður. Foto: Bernhild Vögel.

Ómar, der Zögerer, der Schuldbeladene erscheint wieder im dritten Buch, mit Retrospektiven auf seine Jugendzeit, während die Handlung auf den Brand zueilt. Sehr beeindruckt hat mich die Ansprache, die immer wieder die Handlung und den Blick in die Vergangenheit unterbricht.

Noch vor wenigen Wochen oder Monaten besaßt du ein ganzes Universum von Gedanken, grenzenlos und allumfassend, doch mit jedem Begriff, den du lernst, verengt sich die Welt, wird in kleine, geschlossene Käfige gesperrt. Das gilt als Bedeutung, als Baustein – ohne Begriffe gibt es anscheinend keine Gegenwart. Aber du wusstest nicht, dass du für ein Haus Bausteine brauchst, wusstest nicht, dass dir Fenster zum Hinausschauen fehlten, du, der du unter freiem Himmel lebtest mit den Zehen im Gras, dem Kopf in den Wolken und der Natur in der Nase. Nun türmen sich Wände auf, wohin das Auge blickt, bald kommt man kaum noch aus dem Haus in diesem Gewirr von Gässchen.“

Der Klang dieser Ansprache unterscheidet sich von der des ersten Buches, die den Leser herausforderte. Diese Ansprache ist zärtlich, eindringlich, poetisch, zukunftsorientiert. Ansprache ist vielleicht das falsche Wort, denn Eiríkur Örn verleiht der vierten Hauptperson, die sich noch nicht mit Worten artikulieren kann, Ausdruck. Dem Kind Snorri, von Agnes zur Welt gebracht. Vielleicht ist Ómar der Vater, vielleicht Arnór.

Im vierten, recht kurzen letzten Buch nimmt Eiríkur Örn alle Handlungsstränge noch einmal auf, da sind Vilhelmas Frau Saule und Izsaks Witwe Masza, da sind Arnór und die beiden Obdachlosen Agnes und Snorri. Und Ómar, dessen Odyssee, die ihn nach dem Brand durch ganz Europa geführt hat, zu Ende geht.

Selten hat mich ein Buch so aufgewühlt, wie Böse.

Wir fühlen uns immer gut, wenn wir auf andere zeigen und lautstark verkünden, wie böse sie sind. Wir sind nie so sauber, wie wenn wir neben denen stehen, die dem Schmutz zum Opfer gefallen sind. Dabei könnten wir jeder x-Beliebige gewesen sein. Und wir könnten anders sein, als wir glauben. Könnten schmutziger sein.“

[email protected]www.birdstage.net

Eiríkur Örn Norðdahl: BöseAus dem Isländischen von Betty Wahl und Tina FleckenTropen (Klett-Cotta) 2014658 Seiten, 24,95 Euro