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Ode an Oddi

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Ode an Oddi

Süße Bücher

Photo: Bernhild Vögel

Beim Aufräumen fand ich es wieder: das Buch Printed by Oddi – seidiges Hardcover, Hochglanzpapier, 96 Seiten. Ich hatte dieses nicht käufliche Buch auf der Frankfurter Buchmesse 2012 in die Hand gedrückt bekommen, durchgeblättert und dann etwas irritiert weggelegt: Viele schöne Bilder in Schwarz-Weiß und Farbe, aber auf den ersten, flüchtigen Blick kaum etwas über Oddi, die größte isländische Druckerei.

Und doch ist das Buch, wie ich jetzt bemerkte, eine Ode an Oddi. Jedoch hatte man eine andere Form der Selbstdarstellung gewählt, was deutlich aus dem Untertitel hervorgeht: A North-Atlantic island‘s recent history, seen through the lens of its local prining company. Die jüngste Geschichte Islands, durch Oddis Brille betrachtet.

Bücherkartons von OddiBücherkartons von Oddi. Foto Bernhild Vögel.

Es beginnt mit der Königin von Island. Allerdings nicht mit der dänischen Königin Alexandrine zu Mecklenburg, die bis 1944 auch Königin von Island war, sondern mit Herðubreið, der Königin unter den isländischen Bergen. Jón Stefánsson frá Möðrudal (genannt Stórval) hat sie immer wieder gemalt und die amerikanische Fotografin und Objektkünstlerin Roni Horn hat die Präsenz seiner Gemälde in isländischen Wohnstuben unter dem Titel Herðubreið at Home dokumentiert. Erschienen ist das Buch bei Steidl in Göttingen. Gedruckt hat es Oddi nicht, dafür aber alle Einladungskarten und anderes Material für Ausstellungen von Roni Horn in Island, so sicherlich auch für die Wasserbibliothek Vatnasafn in Stykkishólmur.

Getreu dem Motto Bezüge lassen sich immer finden hat der Journalist Pétur Blöndal Texte zu Fotos und Stichworten wie Björk, Schwäne, Wolle, Eyjafjallajökull, Harpa verfasst, die immer mit Oddis Beitrag zum Thema enden. Oftmals von hinten durch die Brust ins Auge, wie zur Überschrift Die Muschel und dem Foto von Halldór Laxness:

„Das isländische Wort kuðungur oder Muschel findet sich in fünf Romanen des Nobelpreisträgers Halldór Laxness, Salka Valka, Weltlicht, Atomstation, Das wiedergefundene Paradies und Die Litanei von den Gottesgaben. Genieße die Lektüre!“

Dann folgt die Information, dass die Druckerei Oddi, die sich schon lange für Umweltschutz einsetze, 2010 den Umweltpreis Kuðungurinn (Die Muschel) erhalten habe. Der Schlusssatz auf der Seite lautet in aller Bescheidenheit: „Abgesehen davon hat Oddi alle Romane von Halldór Laxness gedruckt.“

Ein Blick in „Printed by Oddi“Ein Blick in „Printed by Oddi“: First Lady, Wolle und Sponsoring.

In den Texten verstecken sich etliche Informationen zur Geschichte von Oddi. Dass sich die Druckerei nach dem südisländischen Pfarrhof Oddi benannt hat, an dem Sæmundur der Weise gelebt hatte, das war mir bekannt. Dass das Druckunternehmen 1943 im Ásmundarsalur in der Freyjugata 41 gegründet wurde, aber noch nicht. Dieses Haus war Anfang der 1930er Jahre im Bauhausstil für den Bildhauer Ásmundur Sveinsson erbaut worden und beherbergt heute das ASÍ-Kunstmuseum. 1943 beschäftigten sich dort drei Männer mit dem Drucken, darunter der Großvater des heutigen Geschäftsführers der Oddi-Holding Kvos, Baldur Þorgeirsson. Heute zählt Oddi in Reykjavík 240 Beschäftigte und besitzt je eine Niederlassung in den USA, Polen und auf den Färöer Inseln.

ÁsmundarsalurAusstellung im Ásmundarsalur (ASÍ-Museum) 2012. Foto: Bernhild Vögel.

Die siebzigjährige Bücherschmiede sieht sich in der Nachfolge der Hólaprentsmiðja, der ersten isländischen Druckerei, die 1530 am nordisländischen Bischofssitz Hólar gegründet worden war und 1844 nach Reykjavík in die Aðalstræti 9 zog, wo heute der alte Antiquar Bragi Kristjónsson wohnt, der angeblich in seinem Antiquariat jedes Buch findet, dass Oddi seit Gründung gedruckt hat.

Bókabúð BragaBlick ins Bókabúð Braga, das Antiquariat am Klapparstígur. Foto: Bernhild Vögel.

1968 zog Oddi in den Bræðraborgarstígur 7, wo heute Forlagið, die größte Verlagsgruppe Islands (JPV, Mál og menning, Vaka-Helgafell und Iðunn) seinen Sitz hat.

Seit 30 Jahren aber ist Oddi im Stadtteil Árbær im Osten Reykjavíks angesiedelt. Ich hatte im Frühjahr Gelegenheit, die Druckerei zu besichtigen. Weil das Wetter schön war, machte ich mich zu Fuß auf den Weg, merkte aber beim Durchqueren des Elliðaárdalur, eines beliebten Naherholungsgebietes, das ich mich verrechnet hatte und mich verspäten würde. Obendrein knallte die Sonne erbarmungslos auf meinen ungeschützten Kopf.

Als ich schließlich die wichtigste Produktionsstätte isländischer Literatur erreichte, sah ich wahrscheinlich aus wie Ex-Bürgermeister Jón Gnarrs Assistent Sigurður Björn Blöndal am dagur rauða nefsins (Rote-Nasen-Tag zugunsten von Unicef). Letzterer findet in Printed by Oddi Erwähnung als ehemaliger Geschäftsführer der Druckerei Gutenberg, die 2000 von Oddi aufgekauft wurde, und als späterer Oddi-Berater. Sigurður Björn war in seinen Jugendjahren Bassist der 1988 gegründeten Rockband HAM, deren Sänger Sigurjón Kjartansson und Óttarr Proppé hießen. Ersterer trug einiges dazu bei, dass sein Freund Jón Gnarr Komödiant wurde (siehe: Hören Sie gut zu ) und letzterer machte sich in den vergangenen Jahren als Stadtverordneter der Besten Partei einen Namen und sitzt nun als Abgeordneter der Björt framtíð im Parlament Alþingi.

Ehemalige Druckerei GutenbergDie ehemalige Druckerei Gutenberg, Þingholtsstræti 6. Foto: Bernhild Vögel.

Druckerei heißt auf Isländisch prentsmiðja (wörtlich: Druckschmiede). Die Straßenfront von Prentsmiðjan Oddi ist schmal im Vergleich zu ihrer rückwärtigen Ausdehnung. Hinter Empfang, Besprechungsraum und einem Großraumbüro reiht sich eine Produktionshalle an die nächste.

 Druckerei OddiDie Druckerei Oddi, Höfðabakka 7. Foto: Bernhild Vögel.

Ein Bereich ist für den Digitaldruck reserviert, aber das Herz der Buchschmiede schlägt bei den großen modernen Druckmaschinen. Alle Marke Heidelberg. Ob Bücher, Zeitschriften oder Landkarten – bei Oddi werden sogar die eigenen Verpackungskartons bedruckt.

Heidelberg DruckmaschineHeidelberg ist überall. Foto: Bernhild Vögel.

Die Druckerei, das erfahre ich wiederum aus Printed by Oddi, hat 2008 die Verpackungsfirma Kassagerðin aufgekauft, die einen legendären Ruf besitzt, weil Beschäftigte in ihren Hallen 1979 die Punkband Utangarðsmenn (Außenseiter) gegründet hatten, deren Mitglied Bubbi Morthens allerdings gefeuert wurde, weil er mit einem Gabelstapler ins Büro des Schichtleiters gefahren war. Auch die ehemalige Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir war ehemals bei Kassagerðin beschäftigt.

KassagerðinDie alte Kassagerðin-Halle. Foto: Bernhild Vögel.

Es ist übrigens bemerkenswert, wie viele der Beschäftigten rund um Druck und Papier nicht etwa heimlich Romane schreiben, sondern laut Musik machen oder machten, doch darüber zu schreiben, würde hier zu weit führen.

Oddi druckt Bibeln, Sagas, Listen isländischer Widder und Formulare für künstliche Besamung, Einladungskarten für Gala-Diners (z.B. Schachweltmeisterschaft 1972, Reagan-Gorbatschow-Treffen 1987), Landkarten und magische Dokumente (z.B. Marauders Karte) und einen großen Teil der jährlichen Weihnachtsbücherflut. Auch das englischsprachige Magazin Iceland Review und Rund um Island, der kostenlose Islandführer, der vom IR-Herausgeber Heimur jährlich aktualisiert wird, kommt aus Oddis Druckschmiede.

Druckerei OddiIsländersagas – bereit zur Bindung. Foto: Bernhild Vögel.

Wohin man auch blickt – überall ist Papier, bedrucktes, unbedrucktes, dickes, dünnes. Futter für Oddis unersättliche Druckmaschinen. Zum beträchtlichen Teil entstammt es finnischen Wäldern, und daher begab sich letztes Jahres eine Abordnung von Oddi auf Studienreise nach Augsburg. Die dortige Papierfabrik gehört nämlich seit 2001 zum finnischen UPM-Konzern.

In einem Raum der Druckerei entstehen die Pappkörper für die Hardcover-Bücher, in einem anderen werden Paperbackseiten verklebt. Bei Oddi kann ein Manuskript eine komplette Metamorphose durchlaufen, denn das Buchmachen vollzieht sich hier „aus einer Hand“ oder wie die Isländer gerne sagen „með öllu“, das heißt vom Satz und Layout oder aber vom fertigen PDF bis zum eingeschweißten und in selbst produzierten Kartons verpackten Buch.

Druckerei OddiVerpacken, Stapeln und ab in die Buchhandlungen. Foto: Bernhild Vögel.

Oddi ist die größte, aber selbstverständlich nicht die einzige Buchdruckerei. Obwohl Island nicht mehr Einwohner als Bielefeld hat, gibt es sogar eine Gewerkschaft der Buchhersteller. Das Branchenbuch verzeichnet etwa 60 kleinere und größere Druckanstalten. Die Ísafoldarprentsmiðja ist mit 60 Beschäftigten zwar bedeutend kleiner als Oddi, blickt aber auf eine fast doppelt so lange Geschichte zurück. Prentmet hat etwa hundert Angestellte an drei Standorten, Svanprent zählt 30 und Litlaprent 20 Beschäftigte. Auch Leturprent, GuðjónÓ, Prentmiðlun und Prenttækni und andere bieten Buchdruck an.

Über 90 Prozent der in Island herausgegebenen Belletristik wird in Island gedruckt, aber nur ein Drittel der Kinderbücher. 2013 wurden 37,4 Prozent aller in Island herausgegebenen Bücher – es waren rund 700 Titel – im Ausland gedruckt.

Zum Schluss noch ein lustiges Detail: In Printed by Oddi ist zu lesen, dass ausgerechnet am Gründungstag, dem 9. Oktober 1943, eine Fledermaus erstmals Island erreicht habe. Das ist nicht ganz zutreffend, da schon zuvor Landnahmen durch diese Spezies vermeldet wurden. Aber laut vísindavefurinn.is war es die erste leðurblaka, die als Lasiurus cinereus, also als eisgraue Fledermaus identifiziert werden konnte. Die kleinen „Lederklappen“ können sich auf- und zuschlagen wie Bücher, und wie diese kommen sie manchmal abhanden und werden dann schmerzlich vermisst, wie man hier nachlesen kann.

[email protected]www.birdstage.net