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Das vierte Buch über Andri

Kulturblick

Das vierte Buch über Andri

Pétur Gunnarssons Tetralogie

Photo: Bernhild Vögel

Sagan öll (Die ganze Geschichte) heißt der letzte Band der Tetralogie von Pétur Gunnarsson, der nun unter dem Titel Das vierte Buch über Andri im Weidle-Verlag herausgekommen ist.

Der Romanzyklus, beginnend mit punkt punkt komma strich, schildert Kindheit und Jugend von Andri Haraldsson, der ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und der dabei gewonnenen isländischen Unabhängigkeit zur Welt kommt. Andri wächst zwischen Tradition und Moderne auf, die Schulmonate verbringt er in Reykjavík, aber für drei Sommermonate wird er, wie damals üblich, aufs Land verschickt.

Als er eines Spätsommertages zurückkommt, erwartet ihn zu Beginn von ich meiner mir mich nicht nur die Pubertätszeit, sondern auch ein neues vaterfreies Zuhause – die Eltern Haraldur und Ásta haben sich getrennt.

Im dritten Band Die Rollen und ihre Darsteller hatte sich Andri, der werdende Schriftsteller „André Hemingway“, nach Bestehen des Abiturs auf den Weg nach Paris gemacht, war in eine Demonstration geraten und hatte einen Knüppelschlag auf den Kopf bekommen.

Wie in allen vorherigen Bänden wird im Vierten Buch über Andri nicht direkt an diese Episode angeknüpft. Denn Andri hat Paris längst verlassen und ist mit seiner Freundin Bylgia in der Freien Stadt Christiania gelandet. Politdiskussionen, Drogen, Feminismus. Ob noch in den Endsechzigern oder den Frühsiebzigern, ob in Kopenhagen oder einer anderen europäischen Metropole – die Aufbruchstimmung (ob im Kleinen oder Großen), das optimistische Gefühl, die Gesellschaft ließe sich mal eben rasch revolutionieren, oder das Individuum könne sich aus allen Zwängen befreien, erfasst auch die isländischen Studenten.

Freund Doddi wählt den Weg nach Indien, andere agitieren unter roten Fahnen, und Andri und Bylgia machen sich Richtung Süden auf, „um zu zelten und zu lesen“. Sie kommen bis Istanbul. Dort erweist sich, dass die Verhütungsmethode, die Bylgia anstelle der lusttötenden Pille eingesetzt hat, nicht die wirkungsvollste war:

Andri nahm das Thermometer und betrachtete es nachdenklich.Was machst du!?“ rief Bylgia, als er es in den heißen Kaffee tunkte.Das Quecksilber stieg keinen Millimeter an.Wie kann das sein?“Es ist einfach kaputt. War im Rucksack wahrscheinlich nicht sicher genug verstaut.“

Was bleibt dem Pärchen anderes übrig, als das Zelt abzubrechen, nach Kopenhagen zurückzukehren und sich mittels Abtreibung den Fortbestand der Freiheit zu sichern?

Nach einigen überraschenden Wendungen ist auf Seite 75, noch nicht einmal zur Halbzeit des Buches, Ende der Geschichte angesagt.

Ein Guðmundur Andri Haraldsson übernimmt nun selbst die Erzählung, führt uns eine Zeitmaschine, 85 Jahre umfassend, vor Augen. 1947 bis 2032 – ein langes Menschenleben, von welchem ihm, der erst einen Teil der Strecke zurückgelegt hat, schon unglaublich viel aus dem Gedächtnis entschwunden ist. Ihm, dem Guðmundur Andri, der behauptet, die dreieinhalb Bände über Andri geschrieben zu haben, das eigene Leben, romanhaft verfremdetet. Auch dieser „reale“ Guðmundur Andri, dessen Eltern etwas griesgrämig miteinander umgehen, aber zusammenleben, bis dass der Tod sie scheidet, ist nur eine weitere Fiktion des 1947 geborenen Autors.

In der Erstausgabe von 1985, schreibt mir Pétur Gunnarsson, waren die Berichte von Guðmundur Andri zwischen die Andri-Episoden gestreut. Die Leser verwirrte dieses Spiel mit der Fiktion sehr; daher entschloss sich Pétur in der zweiten Auflage von 1991, die beiden Ebenen zu trennen. Für die deutsche Ausgabe seines nun fast 30 Jahre alten Werkes hat er zudem leichte Kürzungen an Stellen vorgenommen, wo der Kontext für Nichtisländer zu schwer verständlich ist.

Sicherlich gilt für die gesamte Tetralogie, was Pétur nach Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 2011 gegenüber Sagenhaftes Island geäußert hat:

Die Beziehung eines Autors zu seinen früheren Büchern kann man am besten mit unserer Beziehung zu Träumen vergleichen. Sie verschwinden einfach in eine andere Dimension. Ähnlich wie Träume, die real wirken, sich jedoch sofort in Luft auflösen, wenn man aus dem Bett kriecht. So denke ich heute über das Buch und muss mich ihm eigentlich wie jeder andere Leser nähern.“

Péturs Stil ist prägnant, ironisch, voller Witz und Wortspiele – seine Texte benötigen eine sorgfältige und kreative Übersetzung und die haben sie fürwahr gefunden. punkt punkt komma strich war die erste Übersetzungsarbeit des jungen Benedikt Grabinski, der wie der Gestalter der Bücher, Friedrich Forssmann, aus Nürnberg stammt und während seines kulturwissenschaftlichen Studiums ein Jahr in Reykjavík verbrachte.

Der heute Dreiunddreißigjährige hat neben den Andri-Bänden auch zwei Bücher des schwedischen Autors Magnus Florin (Der Garten und Zirkulation) ins Deutsche übertragen, deren Lektüre ich ebenfalls sehr empfehlen kann. Sie sind in der Edition Rugerup erschienen. Dort wird auch der Roman November 1976 des 1979 geborenen isländischen Autors und Rundfunkredakteurs Haukur Ingvarsson herauskommen, den Benedikt gegenwärtig ins Deutsche überträgt.

Wir kennen Péturs Wortspiele nur in Übersetzung, und daher frage ich Benedikt nach besonders kniffligen Stellen.

Da ist beispielsweise die Szene im Eisladens aus ich meiner mir mich. Die Schüler treiben in der Pause ihren Schabernack mit der jungen Verkäuferin, bis diese die Polizei zu Hilfe ruft. Da bestellen die Jungs für die neu hinzugekommenen „Kunden“ statt Eis mit Waffel und Soße mit Schuss: Mit Waffe! Und Schuss! Im Original aber dreht sich das Wortspiel um bragð (Geschmack) und klofbragð („Schritt-Trick“), einen Griff beim Ringen.

Schön ist auch die Szene um den ins Café geschmuggelten Kuchen in Die Rollen und ihre Darsteller. Andri behauptet, es sei Schmuck in der Schachtel und Svanur, der draufhaut, dass die Sahne herausspritzt, kommentiert: Schade um das Hüftgold. Im Original ist angeblich ein Vogel in der Schachtel und anschließend im Kuchen, was soviel bedeutet wie „der Kuchen ist im Eimer“.

Auch zur Übersetzung eines Versprechers muss sich der Übersetzer etwas einfallen lassen: Im vierten Kapitel von punkt punkt komma strich zeichnet Ásta ihren Mann, während der in den Stellenanzeigen liest: það vantaði lögreglur (es fehlen Polizisten). Doch beim Blick auf die Zeichnung verspricht sich Haraldur: það vantar reglustrikur (Lineale). In der Übersetzung werden die Polizisten zu Kassierern: „Uns fehlen Radierer“, versprach er sich und fand, sie betone seine Geheimratsecken zu sehr.

Der vierte Band enthält nicht mehr so viele Wortspiele wie die vorangegangenen. Benedikt verweist auf das schöne Bild der angelnden Anhalter (Seite 17):

Bylgia schnitt und bestrich Brote, während Andri die Angel nach Autos auswarf. Als sich Andri zum Essen setzte, löste Bylgia ihn beim Ködern ab. Nahezu umgehend hatte ein riesiger LKW angebissen, gab aber wieder Gas, als sich herausstellte, dass die Sache einen Haken hatte.

Nun, da die zwischen 1976 und 1985 entstandene Tetralogie vollständig in deutscher Übersetzung vorliegt, ist es an der Zeit, die Hoffnung zu äußern, noch mehr von dem produktiven Autor Pétur Gunnarsson lesen zu dürfen (sein Stadtbuch Reykjavík ist übrigens 2011 im Insel-Verlag erschienen). Zu danken ist auch dem engagierten deutschen Team, dem Übersetzer Benedikt Grabinski, dem Verleger Stefan Weidle, dem Gestalter Friedrich Forssmann und allen anderen, die an dem vierjährigen Projekt beteiligt waren.

Und wenn nun Leser fragen sollten, ob man Das vierte Buch über Andri auch ohne Kenntnis der vorhergehenden lesen könne, möchte ich mit einem klaren Jein antworten. Man könnte, aber man sollte doch lieber in seiner Buchhandlung die ersten drei Bücher bestellen, so sie nicht ohnehin vorrätig sind. Denn sie bilden zusammen nicht nur einen Lese- sondern auch einen Augenschmaus.

[email protected]www.birdstage.net

Pétur Gunnarsson Das vierte Buch über AndriAus dem Isländischen von Benedikt GrabinskiWeidle Verlag, 2014160 Seiten, 21 Euro

Und hier noch einmal die Links zu den Besprechungen der vorhergehenden Bände:

punkt punkt komma strich

ich meiner mir mich

Die Rollen und ihre Darsteller