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Impressionen vom Literatursommer

Kulturblick

Impressionen vom Literatursommer

By Bernhild Vögel
Literatursommer Schleswig-Holstein

Photo: Bernhild Vögel

Schleswig, 31. August

Sie steht auf der Bühne … wie eine Königin, wollte ich schreiben, doch der Vergleich wäre unpassend. Eher ist sie eine Zauberfrau, die selbst, wenn sie längere Passagen auf Isländisch vorträgt, ihr deutsches Publikum fesselt. Wie komme ich auf Königin?

Als der dänische König Friedrich VIII im Jahre 1907 auf dem eigens für seinen Besuch der Kolonie Island erbauten „Königsweg“ (kóngsvegur) nach Þingvellir ritt, war der Königsweg zum Schloss Gottorf längst seiner alten Funktion beraubt, denn bereits des Königs Vater hatte im deutsch-dänischen Krieg die Herzogtümer Schleswig und Holstein an Deutschland verloren.

Lichterlesung SchleswigVor Beginn der Lichterlesung mit Steinunn Sigurðardóttir. Foto: Bernhild Vögel.

Hof Königsweg heißt in Schleswig ein psychosoziales Wohnheim an der heutigen Flensburger Straße. Zu dem ehemals bewirtschafteten Hof gehört ein großes Gewächshaus, das die Betreuer und die Bewohner für die 16. Lichterlesung liebevoll dekoriert haben. Der Zustrom an diesem schönen Spätsommerabend, an dem drei kulturelle Veranstaltungen in Schleswig miteinander konkurrieren, ist größer als Heimleiter Ulf Brakelmann erwartet hat: „Dass 200 Menschen gekommen sind, muss an der Autorin liegen.“ Und das ist Steinunn Sigurðardóttir, die wohl bekannteste isländische Schriftstellerin.

Und die Asche taumelt hinter dem Schiff her ... Steinunn liest zu Beginn aus ihrem Gedichtband die Episode vom ersten Siedler, einem irischen Mönch, der von seinem Boot aus einen Ausbruch im Vatnajökull beobachtet. Es ist ihr persönlicher Gletscher, sagt sie, ihr Vater wuchs unter ihm auf und mit ihm mehr als ein Dutzend Geschwister.

Steinunn SigurðardóttirSteinunn Sigurðardóttir im Gewächshaus Hof Königsweg. Foto: Bernhild Vögel.

Bei aller Verbundenheit mit der Heimat, Steinunn lebt mit ihrem Mann, dem Komponisten Þorstein Hauksson, seit vielen Jahren überwiegend im Ausland. „Jojo ist ein Sonderfall“, sagt sie über ihren neuesten Roman, der nicht in Island spielt, sondern in Berlin-Kreuzberg, wo sie seit 2008 wohnt.

Und doch ist das Thema eines, das in Island heftige Emotionen geweckt hat, denn auch dort wurden in den letzten Jahren immer wieder neue Fälle von Kindesmissbrauch aufgedeckt. „Ich habe nicht geglaubt, darüber schreiben zu können“, sagt Steinunn, „doch dann habe ich in die verletzte Seele eines Kindes geblickt.“ Sie habe nicht helfen können, aber die Begegnung habe ihre Sicht verändert.

Ich verweise zum Inhalt von Jojo auf meine Kulturblick-Besprechung. Das Geheimnis, das in dem Roman noch ein geschlossenes ist, erläutert Steinunn, wird im Folgeband Fyrir Lísu (Für Lisa) zu einem offenen. Es ist zu hoffen, dass der zweite Teil bald auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Die Lesung im Gewächshaus vom Hof Königsweg war der glanzvolle Abschluss des schleswig-holsteinischen Literatursommers, der dieses Jahr Island gewidmet war. Für zwei weitere Veranstaltungen war ich in den Norden gereist.

Friedrichstadt, 30. Juli

Ich war schon lange nicht mehr in dem malerischen Holländerstädtchen am Zusammenfluss von Eider und Treene gewesen. Die 1621 durch den Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf gegründete „Stadt der Toleranz“ garantierte ihren Bürgern, ob Remonstranten, Juden oder Katholiken, Religionsfreiheit.

FriedrichstadtFriedrichstadt. Foto: Bernhild Vögel.

Die Nazis hatten den Ruf der Stadt restlos ruiniert, im November 1938 die Synagoge geschändet und nur wegen Brandgefahr für die umliegenden Häuser nicht abgefackelt. Ein SS-Mann ließ sie sich 1941 zum Wohnhaus umbauen. Erst 2003 ist, nach umfangreicher Renovierung, die Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge entstanden.

Hier treffe ich Eiríkur Örn Norðdahl, dessen vor kurzem erschienener Roman Böse (Illska) Pogrom und Holocaust thematisiert – auf eine Art und Weise, die den Leser so in den Bann zieht, dass er nicht aufhören kann (zum Inhalt verweise ich auch hier auf meine Besprechung).

Als Eríkur aus Illska zu lesen beginnt, erlebt das Publikum ein Sprachgewitter. Kein Wunder, der Schriftsteller kommt von der Lyrik her und hat viel mit dem Klang seiner Sprache experimentiert. Der Kieler Schauspieler Tom Keller trägt die ersten Kapitel des Buches auf Deutsch vor und der Musiker Uwe Eschner, der am Vortag den musikalischen Rahmen der Eröffnung des Literatursommers in Eckernförde gestaltet hat, übersetzt direkt aus dem Isländischen.

Eiríkur Örn NorðdahlEiríkur Örn Norðdahl vor der ehemaligen Synagoge in Friedrichstadt. Foto: Bernhild Vögel.

Aus den Reihen der 40 bis 50 interessierten Zuhörer kommen zahlreiche Nachfragen. Wie kommt ausgerechnet ein Isländer auf das Thema Holocaust? „Die Isländer glauben zumeist, sie hätten damit überhaupt nichts zu tun“, berichtet Eiríkur Örn. „Aber sie haben viele asylsuchende Juden einfach zurückgeschickt.“

Und da gab es einen Mann aus Iserlohn, der als Mitglied der Waffen-SS für Hitler gen Osten gezogen war. Seinen Urenkel Eiríkur bewegte nun die Frage, wie und warum sich ganz normale Menschen zu Gräueltaten verleiten lassen, ob in Uniform oder ohne, welcher Nationalität und unter welcher Ideologie auch immer. Als er sich anlässlich eines internationalen Literaturforums in der litauischen Kleinstadt Jurbarkas auf die Suche nach der ehemaligen Synagoge machte, konnte ihm niemand sagen, wo sie gestanden hatte – die Erinnerung an die große jüdische Gemeinde und ihren Untergang war aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht.

Eiríkur weicht auch sehr persönlichen Fragen nicht aus und berichtet, wie die vierjährige intensive Arbeit am Roman Kraft gekostet und Spuren im persönlichen Leben hinterlassen hat.

Hohenlockstedt, 19. August

Meine zweite Fahrt in den Norden bot Hindernisse. Bei Pinneberg musste eine Bombe entschärft werden, die Bahnstrecke war stundenlang gesperrt. Gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Veranstaltung mit Andri Snær Magnason erreichte ich Hohenlockstedt, das ehemalige Lockstedter Lager, ein Ort mit langer militärischer Vergangenheit. Noch immer klebt sie an Holo (wie Einheimische den Ort nennen) – davon konnten Andri und ich uns bei einem Rundgang am nächsten Morgen überzeugen.

Andri Snær MagnasonAndri Snær Magnason bei den Steinmalen für Bismarck und seine Generäle. Foto: B. Vögel.

Es passte dazu, dass Andri bei seinem Diavortrag in der preussischen Militärbaracke, die nach dem Zweiten Weltkrieg dem kunstsinnigen Pharmaunternehmer Arthur Boskamp als Produktionsstätte diente und nun seine Stiftung beherbergt, vom ehemaligen US-Stützpunkt Keflavík berichtete. Den damaligen Aufschrei, Arbeitsplätze gingen verloren und die Region veröde, bringt Andri auf die lakonische Formel: „Weltfrieden bedroht lokale Wirtschaft.“

Nils Aulike trägt einige der Bónus Supermarktgedichte (Bónus ljóð, 1996) vor. In Island machten sie den jungen Schriftsteller zum Bestsellerautor. Doch als Andri doppelte Zeit bei einer TV-Sendung auf Kosten einer Frau vom Roten Kreuz bekam, die über Flüchtlingsfragen sprechen wollte, wurde er nachdenklich.

Andri Snær MagnasonÜbersetzerin Karen Nölle, Nils Aulike und Andri Snær Magnason. Foto: Bernhild Vögel.

Nachdem er sein erstes Kinderbuch (Die Geschichte vom blauen Planeten) veröffentlicht hatte, stand die Auseinandersetzung um den Kárahnjúkar-Staudamm auf der politischen Tagesordnung – Anlass für Andri sich und seinen Lesern einige Fragen zu stellen. Beispielsweise: Warum ist es unmöglich nur eine einzige Pyramide zu bauen? Nils Aulike las das entsprechende Kapitel aus Traumland, einem engagierten und vieldiskutierten Werk, für das Andri 2010 in Hamburg noch vor Erscheinen der deutschen Ausgabe den Kairos-Preis entgegennehmen konnte (siehe IR-Bericht).

***

Leider konnte ich keine weiteren Lesungen besuchen. Dafür habe ich jetzt endlich Die Rückkehr der Jungfrau Maria gelesen, deren Autor Bjarni Bjarnason ebenfalls beim schleswig-holsteinischen Literatursommer zu Gast war. Der 2011 erschienene Roman ist eine Liebesgeschichte voll skurriler Einfälle und erotischer Passagen, und kreist um Kirchendoktrin, Doppelmoral und die ewig männliche Phantasie von der Traumfrau als Heilige und Hure zugleich. Falls Bjarni einmal zu einer Lesung ins katholische Bayern eingeladen werden würde, wäre mir das sicherlich eine Reise in den Süden wert.

[email protected]www.birdstage.net