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Beute und Bräute der Wikinger

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Beute und Bräute der Wikinger

By Bernhild Vögel
Wikinger Intro

Photo: Vögel

In der Saga von den Leuten auf Eyr heißt es, Þórólf sei ein „großer Wikinger“ gewesen. Als er nach Island kam, gab ihm seine Mutter ein Land im Álftafjord, das ihm nicht groß genug dünkte. Daher forderte er seinen betagten Nachbarn Úlfar zum Holmgang (Zweikampf), tötete ihn und eignete sich sein Land an. Das Urteil des anonymen Sagaschreibers: Þórólf, genannt das Hinkebein, „war ein außergewöhnlich gewalttätiger und schlechter Mensch“.

Wikinger, so heißt es im Begleitband zu den Isländer Sagas, habe einzig die Bedeutung von „Seeräuber“ gehabt. Junge Männer aus Norwegen und Dänemark brachen auf, um an den westeuropäischen Küsten Beute zu machen und zu Ehre und Ruhm zu gelangen. Mit ihren schlanken Schiffen gelang es ihnen, Flüsse wie die Themse und die Seine zu befahren. Die so genannte Wikingerzeit begann im Jahre 793 mit der Plünderung des englischen Klosters Lindisfarne. 885 belagerte ein dänisches Wikingerheer ein Jahr lang die Stadt Paris.

Das Bild der kriegerischen Nordleute überdeckt die Differenzierungen. Ihre Anführer sind mal junge Könige oder Jarls, mal deren nicht erbberechtigte Söhne. Die Mannschaften bestehen aus ihren Gefolgsleuten, Bauern, die wieder auf ihre Höfe zurückkehrten, aber auch aus unterwegs Zwangsrekrutierten. Die isländischen Sagas berichten, dass je nach Lage und Laune geraubt und gebrandschatzt oder Handel getrieben wurde.

Unter den isländischen Landnehmern gab es äußerst gewalttätige Wikinger, die sich zur Ruhe setzen wollten, sich aber nicht mehr in ihre alten sozialen Strukturen integrieren konnten. Ihre Söhne und Enkel wiederum fuhren nach Norwegen oder Dänemark, um als Skalden oder/und Wikinger Ehre und Ruhm zu erwerben. Egill Skallagrímsson soll nach der Egils Saga Lund verheert haben. Das war zur Regierungszeit des dänischen Königs Harald Blauzahn, der selbst auf viking fuhr, bevor er sich 960 taufen ließ.

Sein Beiname bezieht sich kaum auf einen seiner Zähne, sondern qualifiziert ihn wohl eher als Nachfahre des legendären dänischen Königs Harald hilditönn (Kriegszahn), der durch Zauber unverwundbar war und durch seinen Beinamen als großer Krieger gekennzeichnet wurde. In der Skaldendichtung war Zahn auch eine Kenning für Stein.

Runenstein von JellingKopie des großen Runensteines von Jelling. © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker.

Und Steine, die stehen tatsächlich für Harald Blauzahn. An seinem Hof im jütländischen Jelling, der gegenwärtig von Archäologen erforscht wird, stehen zwei gewaltige Runensteine, die der König „der sich ganz Dänemark und Norwegen unterwarf und die Dänen zu Christen machte“ für seine Frau und seinen Vater Gorm setzen ließ.

Druck durch Kaiser Otto I und Machtkalkül beeinflussten den Glaubenswechsel des mächtigen Herrschers. Sein Sohn Sven Gabelbart aber, den Harald, wie die nur in Bruchstücken erhaltene isländische Jórmsvíkinga saga berichtet, nicht anerkannte, war Wikinger geblieben und besiegte seinen Vater um 986 in der legendären Seeschlacht von Helgenes. Harald soll an den Verwundungen, die er sich in der Schlacht zugezogen hatte, verstorben sein.

Eine Kopie des großen Runensteins von Jelling mit seiner bunten Bemalung wird in der Ausstellung Die Wikinger im Martin-Gropius-Bau in Berlin gezeigt. Die Ausstellung ist vom Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem Britischen Museum und dem Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen entwickelt worden. Hier erst nur ein kurzer Überblick, ein genauerer Bericht folgt in den nächsten Wochen.

Roskilde 6Rekonstruktion der Roskilde 6, Dänisches Nationalmuseum © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker.

Im Zentrum der Ausstellung steht Roskilde 6, ein 37 Meter langes Wikingerschiff, das 1025 erbaut worden ist, und 1997 im Hafen von Roskilde gefunden wurde. Es verbindet die vier Themenbereiche „Kontakt und Austausch“, „Krieg und Eroberung“, „Macht und Herrschaft“ sowie „Glaube und Ritual“, auf die sich die Ausstellung konzentriert.

Erstmals in Deutschland gezeigt wird auch der Vale of York Hort, der größte je aufgefundene Wikingerschatz, den Hobby-Schatzsucher 2007 in der englischen Grafschaft North Yorkshire entdeckt haben. Er enthält neben Silbermünzen und anderen Metallgegenständen auch einen goldenen Armreif, der sicherlich einer Frau zugedacht war, bevor er hastig vergraben wurde.

Goldener ArmringGoldener Armring. Råbylille, Mønbo Herred, Dänemark. Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen

Die Frauen der Wikinger stehen im Mittelpunkt einer zweiteiligen szenischen Dokumentation, die von NDR und ARTE ab Samstag ausgestrahlt wird. Konnten sich Frauen in einer von männlichen Kriegern dominierten Welt überhaupt behaupten oder waren sie nur unmächtige Beute und einflusslose Bräute?

Aus den isländischen Sagas sind starke, unabhängige Wikingerfrauen bekannt, zum Beispiel Auður djúpúðga, die Tiefsinnige, die mit dem Wikinger Olaf dem Weißen verheiratet war, dem Herrscher über Dublin, der im Kampf fiel ebenso wie Sohn Þorsteinn der Rote. Heimlich ließ die schon betagte Auður, die in der Laxdala Saga Unn genannt wird, ein Schiff bauen, bereiste die Orkneys und die Färöer Inseln, verheiratete dort zwei Enkeltöchter und siedelte sich schließlich in Hvammur í Dölum, Westisland an.

Einer der Sklaven, denen sie dort Land und Freiheit gab, war Vífill, der Großvater der berühmten Guðríður, die um das Jahr 1000 mit ihrem Ehemann Þorfinnur Karlsefni von Grönland aus eine Expedition nach Amerika unternahm.

Die starken Frauen der Sagas stammten aus der Oberschicht. Die normale Wikingerfrau aber hatte sich um Haus und Hof zu kümmern, wenn es ihrem Mann gefiel, auf viking zu fahren.

 Sigrun und UlfDie Frauen der Wikinger: Sigrun (Esther Schweins) zwischen Sohn Thorulf (Valter Skarsgård) und Ehemann Ulf (Luca Maric). © NDR/GBR

Im TV-Doku-Drama Teil I erklärt die fiktive Sigrun (Esther Schweins) zu Beginn, sie sei in ihrem eigenen Schiff bestattet worden, was eine hohe Ehre bedeute. Als junges Mädchen geraubt und in Norwegen zwangsverheiratet, habe sie es schließlich geschafft, Herrin über ihr eigenes Land im „Eisland“ zu werden.

Spielfilmszenen wechseln über 45 Minuten lang mit Erklärungen und kurzen Statements von Wissenschaftlern, darunter sind Judith Jesch, Historikerin an der Universität Nottingham, sowie die Sagaexperten Ármann Jakobsson von der Háskóla Íslands und Gísli Sigurðsson vom Árni Magnússon Institute.

Sie zeigen die Handlungsmöglichkeiten der Frauen in der Wikingerzeit, zum Beispiel das Recht auf Scheidung. Doch dessen Durchsetzung hängt davon ab, ob die Frau über Besitz verfügt oder von Familienangehörigen unterstützt wird. Im TV-Dokudrama flieht Sigrun daher mit dem Schiff ihres Mannes nach Island und nimmt dort Land.

 Sigrun auf IslandDie Frauen der Wikinger: Sigrun wird die Landnahme auf Eisland verweigert. © NDR/GBR

Das Landnámabók zählt unter den etwa 400 Nordleuten, die sich zwischen 870 und 930 in Island ansiedelten, nur 13 alleinstehende Frauen auf. Auf Island hat man eine Handvoll Wikingergräber gefunden, in denen sich Reste von Booten befanden, die in keinem Fall mit seetüchtigen Schiffen oder gar dem Oseberg-Schiff, in dem eine fünfzig- und eine achtzigjährige Frau bestattet wurden, vergleichbar sind.

Es ist zwar nicht unmöglich, aber auch nicht sehr wahrscheinlich, dass eine der Landnahmefrauen ein heidnisches Bootsgrab erhalten hat, zumal die prominenteste, Auður, bereits Christin war. Es wäre meiner Ansicht nach sinnvoller gewesen, sich auf eine der in den Sagas überlieferten Frauengestalten zu konzentrieren, anstatt aus ihnen eine fiktive Person zu basteln und auf die Aussagen der Wissenschaftler zuzuschneiden. Eine Dokumentation mit Spielfilmelementen anzureichern, ist zur Veranschaulichung ja ganz nett, aber bei diesem Dokudrama stehlen Spielszenen mit überwiegend nichtssagenden Dialogen gar zu viel Zeit, die mit mehr Informationen besser genutzt worden wäre.

[email protected]www.birdstage.net

Die Ausstellung Die Wikinger ist vom 10.9.2014 bis zum 4.1.2015 im Martin-Gropius-Bau , Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin zu sehen.Öffnungszeiten: 10 bis 19 Uhr außer Dienstags.

Das Dokudrama Die Frauen der Wikinger wird am Samstag, 14. September, um 20.15 Uhr auf Arte gezeigt, im NDR erfolgt die Ausstrahlung in zwei Teilen am 17.9. und 24.9. jeweils um 21.00 Uhr.