Reykjavík
9°C
SSE

Die Wikinger erobern Berlin

Kulturblick

Die Wikinger erobern Berlin

By Bernhild Vögel
Roskilde 6 im Martin-Gropius-Bau

Photo: Bernhild Vögel.

Lilja Árnadóttir strahlt: „Mein Eindruck ist sehr positiv. Viele Exponate aus unterschiedlichen Gegenden geben einen Einblick in die Periode und man kann viel über die Gesellschaft lernen.“ Ich habe Lilja zufällig in der Wikinger-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau getroffen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Isländischen Nationalmuseums und mit 19 anderen Kolleginnen und Kollegen aus isländischen Museen auf Berlin-Exkursion.

Berlin ist die dritte Station der Ausstellung, die zuvor im Britischen Museum und im Dänischen Nationalmuseum zu sehen war. „Ich habe versucht, mir die Ausstellung in London anzusehen“, erzählt Lilja, „aber sie war so überfüllt, dass man kaum etwas sehen konnte.“

Lilja Árnadóttir vom Þjóðminjasafn ÍslandsLilja Árnadóttir vom Þjóðminjasafn Íslands mit Kollegen. Foto: Bernhild Vögel.

Ihr Kollege, der Archäologe Guðmundur Ólafsson ergänzt: „Es ist wunderbar, die besten Exponate der Wikingerzeit an einem Ort versammelt zu sehen.“ Er hat die Ausstellung bereits in Kopenhagen besucht, „aber hier gibt es mehr Fundstücke aus Deutschland zu sehen“.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Kriegsschiff Roskilde 6, das längste jemals aufgefundene Wikingerschiff, das mit seinen 37 Metern Länge den Lichthof des Martin-Gropius-Baus ausfüllt. Der erste Ausstellungsraum Kontakte und Austausch jedoch verweist darauf, dass die Wikinger nicht nur geschickte Schiffsbauer und gewalttätige Seeräuber waren, sondern auch Händler, Entdecker und Siedler.

Bootsbauer vom Wikingerschiffsmuseum in RoskildeFreut sich über sein Pech: Bootsbauer vom Wikingerschiffsmuseum in Roskilde bei der Arbeit. Foto: Bernhild Vögel.

Etwa 275 Jahre (793-1066) währte die „Wikingerzeit“ – die Wissenschaft weiß, diese Bezeichnung ist misslich (man ist sich ja nicht einmal über den Ursprung des Wortes viking im Klaren), aber alle Versuche, Ersatz zu finden, scheiterten. Näheres dazu im Katalog, wo sich auch nachlesen lässt, wie etwa Gesandte und Gelehrte aus dem arabischen Kalifat oder dem spanischen Al-Andalus die Nordleute wahrnahmen.

Während Abenteuerlustige aus dem westskandinavischen Raum an den Nordsee- und Atlantikküsten und im Mittelmeerraum handelten und raubten, zog es Ostseeanrainer ins Baltikum, zu den neuen Handelsplätzen Novgorod und Kiew und weiter nach Konstantinopel ins Byzantinische Reich, wo sich die so genannten Waräger als Söldner verdingten.

Weltkarte des Muhammad al-IdrisiNorden ist unten. Weltkarte des Muhammad al-Idrisi, 1154. (Katalog Die Wikinger).

Mit der arabischen Welt kamen die Wikinger über beide Routen in Verbindung. Da sie anfangs nur Tauschhandel kannten, verarbeiteten sie, wie an Exponaten des Themenbereichs An fremdem Ort erkennbar, arabische Silbermünzen (Dirham) zu Schmuckelementen. An Schmuck und Waffen lassen sich auch karolinische, baltische und slawische Elemente entdecken.

Ich habe selbst an Ausstellungen mitgearbeitet und weiß um das Dilemma allzu textlastiger Präsentationen. Das ist bei der Wikinger-Ausstellung glücklicherweise nicht der Fall. Allerdings verliert ein Besucher ohne Vorkenntnisse gerade im ersten Teil leicht den Faden und ist sicherlich gut beraten, sich dem Audioguide oder menschlicher Führung anzuvertrauen.

Fass aus HaithabuBlick in den Ausstellungsbereich Fernhandel mit dem Fass aus Haithabu. Foto: Bernhild Vögel.

Das große Holzfass aus Haithabu hat als Brunneneinfassung die Jahrhunderte überlebt. Die Wikinger handelten auch mit Sklaven, wie in Irland aufgefundene Bein- und Halsfesseln bezeugen.

Waagen, Gewichte, Gussformen für Barren und Münzen stimmen auf die Hordfunde ein; erraubte oder erworbene Schätze zu vergraben, galt den Wikingern als sichere Aufbewahrungsart. Hier hätte ich mir gewünscht, ein spektakulärer Fund wie der Vale of York Hort wäre besser präsentiert. Viele Exponate sind einfach nur auf den Böden großräumiger Vitrinen ausgelegt. Man habe vielfach strikte Vorgaben der Leihgeber beachten müssen, gibt Kuratorin Marion Bertram zu bedenken. Sie begleitet mich, da Fotografieren nur mit Sondergenehmigung erlaubt ist.

Inszenierung des Massengrabes bei WeymouthInszenierung des Massengrabes bei Weymouth in der Ausstellung Die Wikinger. Foto: B. Vögel.

Im Ausstellungsbereich Krieg und Eroberung erwarten den Besucher völlig andere Eindrücke. Hier wird das 2009 entdeckte Massengrab bei Weymouth mit visueller und akustischer Untermalung inszeniert. Eine etwa 50köpfige Besatzung eines Wikingerschiffes, die um das Jahr 1000 an der südwestenglischen Küste anlandete, traf offenkundig auf so massiven Widerstand, dass ihr der Versuch der feindlichen Übernahme buchstäblich den Kopf kostete.

Waffen der WikingerBlick in die „Waffenkammer“, Ausstellung Die Wikinger. Foto: Bernhild Vögel.

In der nächsten Ausstellungseinheit gibt es jede Menge Schwerter, Äxte und Lanzenspitzen. Zwischen den grauen Waffenschränken wird es ungemütlich eng, so dass ich froh bin, wieder in den Lichthof zu kommen, um entlang von Rudern und anderen Bootsteilen den Weg zum Ausstellungsteil Glaube und Ritual zu finden.

Hier werden erlesene Einzelfunde präsentiert. Die Grabbeigaben einer Zauberfrau (Völva) aus Fyrkat (Ostjütland) zum Beispiel. Von einer zwischen zwei Raben sitzenden Silberfigur rätselt man, ob sie eine Völva oder Odin in Frauengewand (der Gott verwandelte sich gerne, wissen wir aus den Liedern der Edda) symbolisiert, was Bent Blüdnikow vom dänischen Berlingske gar zu der Frage veranlasste: „War Odin Transvestit?“ Rätselraten ist auch angesichts der Amulette angesagt, die bewaffnete Frauen zeigen. Weibliche Kriegerinnen, Walküren oder wehrhafte Göttinnen? Wir wissen es nicht.

Odin oder VölvaOdin zwischen seinen Raben Huginn und Muninn oder eine Völva? Foto: Roskilde Museum.

Wir wissen es einfach nicht“, schreibt auch Neil Price im Ausstellungskatalog in Bezug auf die sehr unterschiedlichen Begräbnisformen. Was fälschlich als „nordische Religion“ bezeichnet werde, sei „ein locker verbundener, überwiegend nicht einmal ausformulierter Fundus von Glaubensinhalten, Bräuchen und uraltem Wissen“.

Ausstellungsbereich Glaube und RitualBlick in den Ausstellungsbereich Glaube und Ritual. Foto: Bernhild Vögel.

Vermutlich hätten die Wikinger in ihrem Pantheon auch noch Platz für den Christengott gehabt, hätten dessen Anhänger nicht auf Exklusivität bestanden. (Man denke nur an die berühmte Figur im isländischen Nationalmuseum, von der man nicht weiß, ob sie Jesus oder Odin darstellt.) Leider ist die Gussform, mit der ein pfiffiger Handwerker zwei Kreuze und einen Thorshammer fertigen konnte, so schlecht platziert (am Anfang des Raumes Im Zeichen des Kreuzes), dass man dieses eindrucksvolle Symbol der Zweigleisigkeit der Glaubensvorstellungen im 10. Jahrhundert kaum erkennen kann.

Die Ausstellungsmacher haben auf die Einbeziehung der späteren schriftlichen Überlieferungen (eddische Lieder und Sagas) weitgehend verzichtet. Im britischen Guardian schreibt Jonathan Jones, dies beruhe wohl auf dem archäologischen Dogma, „nur sorgfältig ausgegrabene Objekte gälten als Beweis, der Rest sei romantisches Geschwätz“. Wenn (im Katalog) doch einmal eine Saga zitiert wird, ist als Quelle anstelle der Neuausgabe der Isländer Sagas die ideologisch und philologisch verstaubte Thule-Ausgabe angegeben, auf deren Stand der beratende Nordist offensichtlich sitzen geblieben ist.

Schiffsbauer aus RoskildeWährend der gesamten Ausstellungszeit bauen die Schiffsbauer aus Roskilde ein Wikingerschiff nach. Foto: Bernhild Vögel.

Trotz einiger kritischer Anmerkungen möchte ich mich dem generellen Lob der isländischen Museumsleute anschließen und allen Lesern empfehlen, diese einmalige Ausstellung, die rund 800 Exponate aus über 30 Museen zeigt, darunter Helsinki, Dublin, Schleswig, Nowgorod, Wolin und Tromsø, zu besuchen. (Wer allerdings Näheres über die isländischen Wikinger wissen will, muss nach Reykjavík reisen.) Der bildreiche Katalog hilft, sich die Ausstellungstücke ins Gedächtnis zurückzurufen, Einzelheiten zu studieren und Informationen zu vertiefen.

Für Schulklassen und Familien gibt es umfangreiche Begleitprogramme. Auf einem letzten Rundgang klemme ich mir die Kopfhörer des Audioguides auf die Ohren und teste die halbstündige Kinderführung. Hier erklärt mir König Harald Blauzahn persönlich, was ein Kielschwein ist, und berichtet, wie der Wikinger Erik der Rote von Island nach Grönland segelte und sein Sohn Leif Amerika entdeckte. Es ist ein ziemlich großspuriger, aber auch erfrischend humorvoller König, der mich auch zu seiner Residenz in Jelling, zu seinem Runenstein und dem Goldschmuck von Haithabu geleitet.

Angefeilte WikingerzähneDekorativ angefeilte Zähne aus dem Gotlands Museum, Visby. (Katalog: Die Wikinger).

Schließlich fordert Harald noch eine Richtigstellung meines letzten Artikels: Er heiße tatsächlich Blauzahn seiner Zähne wegen. Als er noch ein wilder Wikinger war, habe er seine Schneidezähne anfeilen und dunkelblau färben lassen, so wie wir es am gruseligen Gebiss eines seiner Zeitgenossen bestaunen können.

[email protected]www.birdstage.net

Die Ausstellung Die Wikinger ist bis zum 4.1.2015 im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin zu sehen. Öffnungszeiten: 10 bis 19 Uhr außer Dienstags.

Ausstellungskatalog Die WikingerHg.: Gareth Williams, Peter Penz, Matthias Wernhoff Hirmer Verlag 2014 288 S., 395 Abb., 39,90 Euro.