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Männer durch die Lupe

Kulturblick

Männer durch die Lupe

By Dagmar Trodler
From the film 'Land Ho.'

Der Eröffnungsfilm des diesjährigen RIFF (Reykjavík International Film Festival) war eine US-amerikanische Produktion, dessen Protagonisten eher ungewöhnliche Stars waren, nämlich zwei alte Männer.

Land Ho! ist eine dichtgewebte, sehr kleine Geschichte über zwei Männer, die mit zwei Schwestern verheiratet waren und nun, im Abendlicht ihres Lebens, alleine da stehen. Mitch, der Doktor, scheint ganz gut damit klarzukommen, während Colin unter Vergangenheit wie Einsamkeit leidet. Mitch beschließt Geld auf den Kopf zu hauen und lädt seinen Schwager zu einem Trip nach Island ein, mit Hotel, teurem Jeep und gutem Essen.

Das ist der Plot – ja und viel mehr passiert tatsächlich auch nicht. Die beiden landen in Reykjavík, verbringen ein paar Stunden mit zwei jungen Mädchen aus Mitchs Verwandschaft, und machen sich dann auf die übliche Sightseeingtour durch den Süden des Landes.

Die Geschichte sitzt in der Kamera selbst. Und man muss alte Männer schon wirklich mögen, um den feinen Humor von Regisseurin Martha Stevens greifen zu können. Mitch ist Chirurg, besserwisserisch und ziemlich distanzlos, und wie mit einem Chirurgenmesser seziert die Kamera das durch Alter und Mangel an Gelegenheiten reduzierte Leben dieser alten Kerle: aus viel mehr als teurem Essen (ohne es wahrzunehmen), Alkohol trinken, Joints rauchen und im gemeinsamen Bett zwanglos furzen besteht es nämlich nicht.

Wie im richtigen Leben alter Menschen erhält das Dasein Konturen durch die Lesebrille, die man vergessen hat abzunehmen – in Gestalt von Nahaufnahmen und dem völligen Ignorieren von Personen, die mit einem nichts zu tun haben. Das ganze ist ausgesprochen liebevoll inszeniert, und niemals werden die Helden ins Lächerliche gezogen. Die beiden nähern sich Island wie verspielte Jungs, tanzen am Strand von Reynisfjara und backen Popcorn in Landmannalaugar. Der Kontakt zum Land jedoch bleibt in Kameraführung wie in Handlung sonderbar steril. Der depressive Colin versucht vergebens ein Echo zu provozieren als er alleine im Seljalandslaug badet. Islands Unnahbarkeit wirft einen stets auf sich selbst zurück, da ist niemand außer du selbst, lerne, dich mit dir selbst anzufreunden. Die Lektion gelingt, beide kehren mit verändertem Blick in die Zivilisation zurück.

Die meisterhaft geschnittene Produktion lag fast vollständig in Frauenhand und kostete dank cleverem Management nur um die 350.000 Dollar. Sie beweist, dass ein guter Film nicht teuer sein muss.

Land Ho! ist kein ausgesprochen großartiger Film, und die in langsamen Ami-Slang geführten Dialoge der beiden alten Kerle sind manchmal ermüdend, ganz wie im richtigen Leben. Doch die slow-motion Stimmung des Film begleitet einen nach Hause und bleibt wie eine liebenswerte Urlaubsbekanntschaft im Gedächtnis haften.

4/5