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Schlangenbier und Zauberwind

Kulturblick

Schlangenbier und Zauberwind

Schlangenbier

Photo: Bernhild Vögel

Was haben Island und Finnland gemeinsam? Norden, Wind, staatliche Alkoholläden und Rentiere.

Und die Unterschiede? Finnland gehört zu Skandinavien, Island nicht. Isländisch ist eine skandinavische Sprache, finnisch nicht. Der erste Roman in Island wurde um 1200 aufgeschrieben, der erste in finnischer Sprache verfasste Roman erschien 1870. Island war 2011 Gastland der Frankfurter Buchmesse, Finnland ist dieses Jahr dran.

Einer der frühesten isländischen Romane heißt Egils Saga. Und dort ist mehrfach von den Finnen (finnar) die Rede, die in der Finnmark lebten, Rentiere züchteten, mit Fellen handelten und norwegischen Königen tributpflichtig waren. Der Begriff Finnmark beschränkte sich damals aber nicht nur auf Nordnorwegen, sondern bezeichnete das gesamte Gebiet, in denen Sami (Lappen), Kvenen, Karelier und andere finnische Völker lebten – also auch den Norden der heutigen Staaten Schweden, Finnland und Russland bis zum Weißen Meer.

Snorri Sturluson, der mutmaßliche Verfasser der Egils saga, weiß in der Heimskringla (den Geschichten über die nordischen Könige) einiges über die zauberkundigen Finnen zu erzählen. Der junge Harald Schönhaar verbrachte einen Winter bei ihnen. Auch Gunnhild, die Egill später nach dem Leben trachtete, war bei den zwei größten finnischen Zauberern in die Schule gegangen, ließ sie aber töten und heiratete Erik Blutaxt, Harald Schönhaars Sohn.

Die Finnen konnten mit ihrer Trollkunst auch über die Winde gebieten, sich selbst günstigen Wind herzaubern und ihren Feinden Unwetter schicken. Mit diesem heidnischen Gegenwind hatten vor allem die christlichen Könige Olaf Tryggvason und der später heilig gesprochene Olaf der Dicke zu kämpfen.

Sigurd Slembe, der 1136 den König Harald Gille erschlagen hatte und Anspruch auf den norwegischen Thron erhob, musste seine Schiffe in einen nordnorwegischen Fjord versenken, um seinen Verfolgern zu entkommen. Im Winter ließ er sich von Finnen zwei Boote für je zwölf Ruderer bauen. Diese enthielten keinen einzigen Nagel und wurden nur mit Gras und Weidenstricken zusammengehalten. Sie waren so schnell, dass kein Schiff sie einholen konnte.

Tagebuch LinnéEin Lappe trägt sein aus Tannenholz und Seilen verfertigtes Boot (Carl von Lineé, Tagebuch 1732).

Das Bier, das Sigurd und seine finnischen Kumpane bei ihren Gelagen tranken, war mungát, ein Leichtbier, vergleichbar vielleicht mit dem isländischen Léttöl.

Immerhin besser als Schlangenbier, von dem ich in einem Aufsatz von Kaarle Krohn las. Der weltweit erste Professor für Erzählforschung war 1901 Mitbegründer der Zeitschrift Finno-ugrische Forschungen und publizierte auf deutsch. Eifrig hatte man im 19. Jahrhundert in ganz Europa Sagen und Märchen gesammelt – nun ging es darum, sie zu analysieren. Krohn etablierte die folkloristische Arbeitsmethode. Eins seiner wichtigsten Forschungsthemen war die Kalevala, das finnische Nationalepos, das Elias Lönnrot 1835 aus Überlieferungen, Liedern und Sagen zu einem Gesamtwerk zusammengestellt hatte.

Die Kalevala, unterteilt in 50 Runen (=Gesänge) mit insgesamt 22.795 Versen, besingt die Erschaffung der Welt und die Taten mehrerer Helden.

Der Schmied Ilmarinen schmiedet für Louhi, die Herrscherin des Nordlandes, den Sampo (eine Art magische Zaubermühle) und erhält nach einigen Wirrungen deren Tochter zur Frau. In der Rune über die Hochzeitsvorbereitungen gibt es eine detaillierte Anleitung zum Bierbrauen, verpackt in die Legende vom Ursprung des Dünnbieres.

 Lemminkäinens Mutter Gallen-Kallela: Lemminkäinens Mutter, 1897 (wikipedia).

Lemminkäinen, der zuvor beim Versuch, die Nordlandtochter zu gewinnen, das Leben verloren hatte, aber von seiner Mutter wieder aus dem Fluss geharkt und wiederbelebt wurde, reist noch einmal ins Nordland, erbost, dass man ihn nicht auf die Hochzeit eingeladen hat. Als er in den Krug, den man ihm schließlich vorsetzt, hineinblickt, sieht er dies:

Auf dem Boden liegen Schlangen, / in der Mitte schwimmen Nattern, / an den Rändern kriechen Würmer, / gleiten Eidechsen beweglich.

Grrrr! Das also ist das Schlangenbier! Lemminkäinen fand es auch nicht so appetitlich und holte seine Angel aus der Tasche.

An der Angel haften Schlangen, / an dem Haken böse Nattern, / zieht empor an hundert Frösche, / tausend rabenschwarze Würmer, / Wirft sie alle auf den Boden / … schlürft das Bier dann mit Behagen.

Kaarle Krohn jedoch war nicht so sehr an den Biersorten gelegen; ihn interessierte die Frage, wie viel Überlieferung aus vorchristlicher Zeit sich noch in dem Nationalepos verberge. Er hatte sich intensiv mit der isländischen Edda befasst und arbeitete die Parallelen zwischen der Gestalt des Gottes Balder und des Lemminkäinen heraus. Und er folgte schließlich der (heute nicht mehr haltbaren) These des norwegischen Philologen Sophus Bugge, die meisten nordischen Götter entstammten christlichen Vorstellungen und Balder sei nichts weiter als ein Substitut für Christus.

Der zweite Held der Kalevala ist Väinämöinen, ein alter weiser Zauberer mit magischer Stimme. Er ist der Sohn der Ilmatar, der Tochter der Lüfte, die vom Sturmwind geschwängert wurde.

 Windgott Biegga-gallesDarstellung des Windgottes Biegga-galles (3) aus: Friis: Lappisk Mythologi, 1871.

Der samische Windgott wird unter anderen Biegga-galles genannt. Krohn schreibt:

... sie bilden ihn ab mit einer schaufel in der rechten hand, womit er den wind in seine höhlen schaufelt, wenn derselbe genug gestürmt hat, und mit einem kiel in der linken, womit er den wind austreiben soll, damit er blase. Diesen götzen beten sie sowohl an, wenn sie sich mit ihren renntieren auf den bergen befinden, damit er den wind stille, der den tieren schaden zufügt, als auch wenn sie auf dem meere fischen und ein sturm sich erhebt, sodass sie in lebensgefahr sind, da versprechen sie ihm ein opfer auf ihrem altar.“

Von diesem Windmann, in dem Krohn den nordischen Meeresgott Njörðr sah, leitet sich der Windzauber ab, für den, wie Krohn schreibt, die Lappen bereits im 13. Jahrhundert bekannt waren:

Die bewohner von Vinlandia (Finnmarken) sollen ein knäuel aus garn machen, in welches sie eine anzahl knoten knüpfen. Um wind zu erhalten, löst man einen oder mehrere dieser knoten, je nachdem man den wind stark oder schwach wünscht. Dieses knäuel verkaufen sie den Seeleuten, die an ihren küsten wegen windstille festsitzen.“

Auf den Windzauber hat mich der finnische Schriftsteller Tapio Koivukar hingewiesen, ein ausgewiesener Islandkenner, auf den ich noch zurückkommen werde. Tapio schreibt:

Unter europäischen Seeleuten hielt diese Tradition der finnischen Zauberkunst lange Zeit. Ich habe von der Geschichte aus dem Beginn des vorigen Jahrhunderts über einen norwegischen Seglers gehört, wo der Kapitän von einem finnischen Seemann verlangte, er solle seinen Zauber von dem Wind nehmen, der ihnen seit Wochen zusetzte. Eine ähnliche Geschichte findet sich in der Novelle Meuterei auf der Elsinore von Jack London: Der Schiffszimmermann wurde für den Windzauber verantwortlich gemacht. Am Ende warf die Mannschaft den Zimmermann über Bord, allerdings umsonst, denn der arme Mann war gar kein Finne, sondern ein Deutscher aus Bremen!“

In Island wie in Norwegen wurden im Mittelalter die Worte Finne und Zauberer synonym verwandt; ein altes norwegisches Gesetz verbot an „Finnen oder Zauberkraft zu glauben“.

LagarfljótsormurinnLagarfljótsormurinn im Jahre 2014. Foto Bernhild Vögel.

Und so wissen wir nicht, ob die Finnen in der Sage vom Lagarfljótsormurinn, dem alten Monsterwurm im ostisländischen Lagarfljót, der kürzlich wieder Wellen schlug, Finnen, Sami oder nur ganz normale isländische Zauberer oder Trolle waren. Zwei „Finnen“ waren engagiert worden, den Wurm zu töten, was ihnen allerdings nicht gelang. Sie banden das Viech aber an beiden Enden des langen Sees an, damit es fortan kein Unheil mehr anrichten konnte. (Offensichtlich hat es sich inzwischen losgerissen. Eine isländische Wahrheitskommission hat kürzlich die Echtheit eines Videos bestätigt, auf dem der frei herumschwimmende Wurm zu sehen ist.)

Und was denken die Finnen über solche Finnen-Klischees, frage ich Tapio.

Die meisten Finnen, die sich überhaupt um diese Dinge kümmern, finden die Stereotype sehr amüsant, zumal sie vom Ansehen des alten finnischen Schamanismus zeugen“, antwortet er.

[email protected]www.birdstage.net

Die Kalevala gibt es in der Übersetzung von Anton Schiefner als Reprint der Ausgabe von 1922 im Severus-Verlag Hamburg (daraus sind die Schlangenbierzitate), in Neuübersetzung von Gisbert Jänicke (Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien), in Übersetzung von Lore und Hans Fromm und mit Kommentar bei Reclam und in prosaischer Nacherzählung von Tilman Spreckelsen mit Illustrationen von Kat Menschik bei Galiani Berlin (vor drei Jahren haben die beiden eine entsprechende Bearbeitung isländischer Sagas herausgebracht).