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Finnlands Griff zum Bleistift

Kulturblick

Finnlands Griff zum Bleistift

Frankfurter Buchmesse 2014

Photo: Bernhild Vögel

Finnland präsentierte sich vergangene Woche als Gastland der Frankfurter Buchmesse mit 60 angereisten Autoren und etwa 130 Neuübersetzungen ins Deutsche. Nach Island ist Finnland das zweite nordische Gastland in Frankfurt. Eine tolle Leistung, wenn man bedenkt, dass der erste Roman in finnischer Sprache (über den ich noch berichten werde) erst 1870 erschienen ist.

Als die Isländer 2011 ihren Auftritt hatten, traf ich eine Finnin, die ausgesandt worden war, den Gastauftritt zu beobachten. Leider habe ich ihre Visitenkarte verbummelt und sie auch jetzt auf der „finnischen“ Buchmesse nicht wiedergetroffen. Aber natürlich haben die Finnen bei den Isländern nicht abgekupfert.

Der finnische PavillonDer finnische Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse 2014. Foto: Bernhild Vögel.

Der Auftritt Finnlands, als cool angekündigt, hält, was er verspricht. War der isländische Pavillon ein gemütliches Lesezimmer, so haben die Finnen eine winterliche Atmosphäre hinein gezaubert und der eintretende Leser begibt sich sogleich auf dünnes Eis. Aber verlaufen kann er sich nicht, denn alles ist klar strukturiert: In der Mitte ein großes, offenes Rund, dezent umrahmt von Büchern, seitwärts laden stehende oder schwebende Zylinder unterschiedlicher Größe und Höhe zum Erkunden ein. Zwei dienen als Veranstaltungsräume, zwei fordern Besucher zu Aktivitäten auf und ein fünfter, in dem es einem plötzlich warm ums Herz wird, ist den Kindern zugedacht.

Kinderbereich im finnischen PavillonKinderbereich im finnischen Pavillon. Foto: Bernhild Vögel.

Auf das Kopieren von Texten mittels alter Rubbeltechnik habe ich verzichtet und mich lieber der Brain Poetry zugewandt, denn die Verwandlung meiner Gehirnströme in Gedichtform mittels eines Computerprogramms machte mich neugierig. Allerdings war ich den ebenfalls angetretenen Isländern, Agla vom Icelandic Literature Center und Kristján vom Verlegerverband, heillos unterlegen: Während ihre Hirne vorzeigbare Verse produzierten, entsprang meinem nur heilloser Unsinn.

Brain PoetryBrain Poetry im finnischen Pavillon. Foto: Bernhild Vögel.

Daher stelle ich lieber zwei finnische Autoren vor. Den einen, Tapio Koivukari, habe ich schon im letzten Kulturblick-Artikel erwähnt, doch leider war er nicht auf der Buchmesse vertreten. Sein Roman Ariasman aber ist in Island erschienen und hat dort viel Interesse gefunden. Kein Wunder, denn diese Walfängergeschichte (so der Untertitel) spielt in den isländischen Westfjorden im frühen 17. Jahrhundert. Tapio wohnte Anfang der 1990er Jahre eine Zeitlang in Ísafjörður und hörte damals von Spánverjavíg, dem Massaker an baskischen Walfängern im Jahre 1615, von dem auch Sjón in seinem Roman Das Gleißen der Nacht berichtet.

Tapio Koivukari hat sich eingehend mit den Quellen beschäftigt und sorgsam recherchiert. Seine Geschichte beginnt im Jahre 1613, als das Mädchen Kristrún am Strand weiße Segel erblickt, die, so befürchten die isländischen Bauern, möglicherweise zu einem Piratenschiff gehören. Die Isländer verstanden sich damals nicht auf den Walfang und begnügten sich, gestrandete Wale auszuweiden. Die Kontakte mit den baskischen Walfängern beginnen friedlich, Wollwaren werden gegen Walfleisch und Tran getauscht, doch es bleibt ein gegenseitiges Misstrauen. Der Bezirkshauptmann Ari Magnússon, den die Basken kurz Ariasman nennen, verkauft ihnen, ohne dazu befugt zu sein, die Walfangrechte.

Ariasman von Tapio Koivukari. Finnische und isländische Ausgabe.

Tapio beleuchtet das sich anbahnende Drama von beiden Seiten. Zu Beginn des zweiten Teiles lernt der Leser den Böttcherlehrling Gartzia de Aranburu im Baskenland kennen. Der heuert auf einem Walfänger an, denn zum Transport des Trans werden viele Fässer benötigt. In den Westfjorden kommen sich Kristrún und Gartzia näher. Doch als die Basken mit ihrer wertvollen Fracht die Rückfahrt antreten wollen, setzt ein Sturm Ereignisse in Gang, die schließlich in der Katastrophe enden. Die Ereignisse liegen viele Jahrhunderte zurück und doch stellt sich immer wieder von Neuem die Frage, wie ganz normale Menschen zu Schlächtern werden können. Es wäre zu wünschen, dass sich ein deutscher Verlag dazu entschließt, Ariasman herauszubringen.

Doch weiter zu einem Finnen, der hauptsächlich als Sänger bekannt wurde und der auf der Buchmesse sein gar nicht mal so neues Buch vorgestellt hat. Ich komme aus dem finnischen Pavillon und schlendere im Nieselregen über den Platz, da höre ich bekannte Klänge aus einem Bühnenzelt. Zuhause habe ich sie auf CD (Dägä Dägä hat mich schon vor einem Dutzend Jahren Tränen lachen lassen) und nun steht er da leibhaftig: der wunderbar schräge M. A. Numminen.

Leben ist wie Seide für mich, alles umarmen möchte ich.

singt er gerade. Dass er schon vierundsiebzig Jahre sein soll, steht zwar bei Wikipedia, aber ich glaub's einfach nicht. Denn der Mann hat etwas Lausbübisch-Verschmitztes an sich, das nicht altert. Aber er ist keinesfalls eine Ulknudel, sondern das erklärte Enfant terrible der finnischen Kultur, das in den 1960/70er Jahren Skandale und Verbote auf sich gezogen hat. Nein, nicht nur der finnischen Kultur – er bürstet auch mal Schubert-Lieder gegen den Strich und quietscht den Wittgenstein.

M.A. NumminenM.A. Numminen. Foto: Bernhild Vögel.

Am zweiten Messetag stellt er sein Buch: Tango ist meine Leidenschaft vor. Eigentlich, so sagt er, wollte er Ende des vorigen Jahrtausends ein Sachbuch über den Tango schreiben, die Finnen seien aber noch nicht reif für Sachbücher gewesen und er habe daher die Tango-Informationen in einen Roman verpackt. Und den leidenschaftlichen Tangotänzer und Platon-Verehrer Virtanen erfunden, der gelobte, bis zu seinem 36. Lebensjahr unberührt zu bleiben. Das dies irgendwie schief gehen musste, ist einleuchtend.

Mein Exemplar ist von 2000, damals erschienen im Züricher Haffmanns Verlag, der dann bei Zweitausendeins abtauchte, vor wenigen Jahren als Haffmans Tolkemitt in Berlin wieder auferstand und nun eine Neuauflage des Tango ist meine Leidenschaft herausgebracht hat. Im Anschluss an die Buchvorstellung durfte ich mich mit dem Autor bei einer Tasse Kaffee unterhalten. Mauri Antero Numminen spricht ein wunderbares Deutsch, auch wenn er meint, es sei etwas eingerostet. Bei der inoffiziellen Eröffnungsfete der Buchmesse, veranstaltet vom Satiremagazin Titanic, habe er, so berichtet er mir augenzwinkernd, die Worte „Tageslicht“ und „Weltanschauung“ verwechselt.

Bekannt ist Mauri Antero im ganzen skandinavischen Raum, aber seine Island-Reisen liegen lange zurück. 1980 trat er zum finnischen Nationalfeiertag in Reykjavík auf. Es war ein sehr formelles und steifes Fest, erinnert er sich. Und was ihn besonders entsetzte: Es gab kein Bier auf Island, denn es herrschte Bierverbot. Aber weil die Isländer Bier so gerne haben, tranken sie im Flugzeug alle Vorräte weg, so dass der Finne das Nachsehen hatte. Zwei Jahre später kam er noch einmal zu Interviews für ein Radio-Programm nach Reykjavík. Da setzte man ihm stinkenden Fisch (Hákarl) mit schwarzem Tod (Brennivín) vor, was nicht so ganz seinem Geschmack entsprach.

Ich konnte ihm versichern, dass das Bierverbot inzwischen gefallen ist und dass die Isländer sicherlich an seinem schrägen Humor viel Freude haben würden.

[email protected]www.birdstage.net