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Sieben Brüder und ein Segler namens Albatros

Kulturblick

Sieben Brüder und ein Segler namens Albatros

Foto: Bengt Wanselius

Photo: Bengt Wanselius

Im vergangenen Sommer kam im schwedischen Västernorrlands län ein interessantes Tanztheaterprojekt zustande, initiiert von Norrdans, dem in Härnösand ansässigen, nördlichsten Tanztheater Schwedens. Ich hätte davon nie erfahren, wenn mich nicht interessiert hätte, was die isländische Choreografin Katrín Hall nach ihrem Tanztheater-Projekt aPart weiteres vorhatte. Sie war eine von sieben Choreografen, die von Norrdans eingeladen waren, ein siebenminütiges Tanzstück über einen der sieben Brüder aus dem Roman Die sieben Brüder des Finnen Aleksis Kivi zu inszenieren (Szenenfoto aus ihrer Choreografie Tuomas oben rechts).

Buch und Autor waren mir unbekannt, doch kurz vor der Frankfurter Buchmesse, auf der Finnland Gastland war, stieß ich wieder auf Die sieben Brüder, neu übersetzt von Gisbert Jänicke, der auch das informative Nachwort verfasst hat.

Man kann sich kaum vorstellen, welche Schwierigkeiten die finnische Sprache und Literatur hatte, bis sie sich vom Schwedisch emanzipieren konnte. Denn die Oberschicht sprach und schrieb Schwedisch auch, nachdem die schwedische Provinz Finnland 1809 ein relativ autonomes russisches Großfürstentum geworden war. Nun wuchs das Bewusstsein für die eigene Kultur und Sprache, doch es dauerte beispielsweise dreißig Jahre, bis die 1831 gegründete Finnische Literaturgesellschaft beschloss, ihre Kommunikation auf Finnisch zu führen.

Der erste Roman, den die Gesellschaft herausgab, war 1837 die Übersetzung des pädagogischen Romans Das Goldmacherdorf von Heinrich Zschokke, einem damals sehr populären deutschsprachigen Autor. Doch dann scheiterte die Herausgabe weiterer Romane an der Gnädigen Verordnung des Zaren, der nach der revolutionären 1848er Zeit fürchtete, die Finnen könnten sich als aufständisch erweisen, und jegliche Herausgabe finnischsprachiger Romane verbot.

Als die Literaturgesellschaft nach Aufhebung der Zensur 1870 den Roman Die sieben Brüder zu veröffentlichen begann, war der Autor Aleksis Kivi kein Unbekannter mehr. Mit mehreren Theaterstücken – leider gab es so gut wie keine Aufführungsmöglichkeiten – hatte er sich einen Namen gemacht, allerdings stark angefeindet von einem selbsternannten Hüter der finnischen Sprache.

 Bengt Wanselius.Juhani. Choreografie Lenka Vagnerová, Tschechische Republik. Foto: Bengt Wanselius.

Es gibt ein finnisches Märchen, das Die sieben Brüder heißt, eine Art Hänsel- und Gretel-Geschichte. Die Brüder werden von den bettelarmen Eltern tief in die Wälder geschickt, um Holz zu schlagen und finden nicht mehr nach Hause. Sie klopfen an sechs Hütten an, um ein Nachtlager zu erhalten, doch ist nie Platz für alle sieben. Erst in der siebten finden sie Unterkunft – allerdings hat man dort die Absicht, sie nächtlings zu erschlagen. Als sie nach vielen Abenteuern nach Hause kommen, sagt der klügste: „Das war recht von dir, Mutter, dass du uns in den Wald geschickt hast, Hungers zu sterben; wir sind aber mit dem Leben davongekommen.“

Die sieben etwas trägen Brüder in Aleksis Kivis Roman allerdings ziehen erst in die Wälder, als ihre Eltern bereits verstorben sind. Sie verpachten ihren ererbten Hof, denn weder haben sie Glück bei der Brautschau, noch wollen sie sich auf die Schulbank zwingen lassen, um Lesen zu lernen. Zu allem Unglück ist auch ihre Sauna abgebrannt. Doch die Wälder sind nicht ganz so unbewohnt, wie wir vielleicht am Anfang glauben; eine Herde von 40 Ochsen, die ein Nachbar frei herumlaufen lässt, setzt den Brüdern hart zu.

Die sieben sehr unterschiedlichen Brüder geraten nicht nur mit Nachbarn in Konflikt, sondern auch untereinander. Juhani, der älteste, ist unbeherrscht und dominant. Simeoni ist ein religiöser Eiferer, der jedoch der Versuchung des Alkohols nicht widerstehen kann, und Eeno, der jüngste, ist frech und gewitzt. Der breitschultrige Tuomas ist neben seinem etwas spießigen Besserwisser-Zwillingsbruder Aapo derjenige, der für Ausgleich sorgt, während das andere Zwillingspaar zurückhaltend (Timo) bis träumerisch zurückgezogen (Lauri) ist.

 Bengt WanseliusLauri. Choreografie Roy Assaf, Israel. Foto: Bengt Wanselius.

Die Sieben Brüder sind teilweise wie ein Theaterstück geschrieben, oft sehr witzige Dialoge der Brüder wechseln sich mit beschreibenden Passagen ab. Aber selbstverständlich muss man sich beim Lesen auch auf einen Hauch Pathos und Frömmigkeit aus dem vorvorigen Jahrhundert einlassen.

Der arme Verfasser Aleksis Kivi, der nun als Finnlands Nationaldichter gefeiert wird, starb mit 38 Jahren an „Melancholia chronica“, zu deren Ursache der Arzt „Anämie? Säuferei? Verletzte Verfasserehre“ notierte. Letzterer Diagnose folgte kein Fragezeichen. Wie Kivi von einem selbsternannten finnischen Literaturpapst niedergemacht worden ist, diese bittere Geschichte kann man in Jänickes Nachwort nachlesen.

Katrín Hall hat bei der Uraufführung der Tanzperformance Norrdans sju gånger sju im Freilichtmuseum Murberget am Mittsommerabend 2014 die Gestalt des Tuomas mit den Tänzern Fanny Barrouquere und Tobi Fitzgibbon zum Leben erweckt. Dabei nimmt sie Bezug auch auf Tuomas' Zwillingsbruder Aapo, wenn ich das recht verstanden habe, denn leider habe ich die Aufführung, die auch wunderbar zum Gastauftritt Finnlands auf der Frankfurter Buchmesse gepasst hätte, nicht gesehen.

 Bengt WanseliusTuomas. Choreografie Katrín Hall, Island. Foto: Bengt Wanselius.

Aleksis Kivis Nachfolger hatten es leichter. Gut ein halbes Jahrhundert nach den Sieben Brüdern erschien Alastalon salissa, der dreiteilige Roman von Volter Kilpi (1874-1939), ein Eintagesroman, der in der guten Stube des Hofes Alastalo in der westfinnischen Schärenregion spielt. Die männlichen Einwohner beraten über den Bau einer Dreimastbark, ein Gemeinschaftsunternehmen, das nicht einfach zu verwirklichen ist.

„In Kilpis Sprache verbindet sich unvergleichlicher Humor mit philosophischem Symbolismus“, heißt es im Vorwort von Pirjo Lyytikäinen zu Die Albatros, einer abgeschlossenen Geschichte innerhalb des als nahezu unübersetzbar erachteten Romans, der Finnlands Literatur den Weg in die Moderne gewiesen hat.

Nun liegt Die Albatros in der Übersetzung von Gabriele Schrey-Vasara zum ersten Mal auf Deutsch vor. Es ist eine Seefahrergeschichte ganz besonderer Art. Sie erzählt von dem Angestellten Ville aus Vaasa, der eisern spart, um sich seinen Lebenstraum, eine eigene Fregatte zu erfüllen. Selbstverständlich muss er dafür Schulden machen, aber sie wird gebaut und soll ihm, gesteuert von dem sparsamen Kapitän Kalle, eine volle Ladung Kaffeebohnen aus Brasilien einbringen.

Doch von der Albatros, die so stolz aufgetakelt den Hafen verließ, ist nichts mehr zu hören und zu sehen. Keine Post, kein einziges Lebenszeichen, nichts. Monat um Monat, Jahr um Jahr vergeht. Die Geldgeber haben das Schiff längst abgeschrieben, auch Ville hat alle Hoffnung aufgegeben. Und doch läuft er jeden Morgen, bevor er hinter einer Ladentheke seinen kümmerlichen Lebensunterhalt verdient, zum Hafenkai, um nachzusehen, ob neue Schiffe eingetroffen sind. Eines Tages passiert etwas sehr Merkwürdiges …

Die Albatros ist eine ungewöhnliche und witzige Seefahrergeschichte, die uns zum ersten Mal einen Einblick gibt in den „finnischen Ulysses“, der sechs Stunden Handlung auf rund tausend Seiten ausbreitet.

Gemeinsam ist beiden finnischen Klassikern von Kivi und Kilpi, dass sie an eine Erzähltradition anknüpfen, die die finnische Sprache über die Jahrhunderte lebendig gehalten hat, in denen Schwedisch die Kultur- und Amtssprache in Finnland bildete.

[email protected]www.birdstage.net

Aleksis Kivi: Die Sieben Brüder, übersetzt von Gisbert Jänicke, Verlag Jung und Jung, 2014, 438 Seiten, 29,90 Euro.

Volter Kilpi: Die Albatros, übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara, Arco Verlag, 2014, 108 Seiten, 12 Euro.