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Neue isländische Filme in Lübeck

Kulturblick

Neue isländische Filme in Lübeck

By Bernhild Vögel
Nordische Filmtage Lübeck

Photo: Montage: Bernhild Vögel.

Wer Ende Oktober in Lübeck hauptsächlich Marzipan und Mann erwartet, wird enttäuscht. Die Nordischen Filmtage absorbieren, so mein Eindruck, das gesamte Stadtleben. Von morgens bis spät in die Nacht. Ich besuche dieses Filmfest zum ersten Mal und lerne schnell die Spielregeln: Schon bei Vormittagsvorstellungen sollte man sich mindestens eine halbe Stunde vor Beginn in eine der Schlangen einreihen.

Insgesamt sechs isländische Filme habe ich gesehen, zwei Dokumentationen, zwei Kurzfilme und die zwei neuesten Spielfilme Vonarstræti und París Norðursins. Auf Vonarstræti komme ich im nächsten Beitrag zurück. Der Film von Baldvin Z. (Zophoníasson) hat den NDR-Filmpreis bekommen und dies sicherlich zu Recht.

París NorðursinsVater (Helgi Björnsson), Sohn (Björn Thors), Terrasse. Szene aus Paris des Nordens.

Doch auch París Norðursins (Paris des Nordens) ist ein beachtlicher Film. Regie führte Hafsteinn Gunnar Sigurðsson, dessen skurriler Film Á annan veg (Either Way) über zwei isländische Straßenbauarbeiter 2011 in Lübeck und auf vielen anderen internationalen Filmfestivals zu sehen war.

Das Drehbuch zu París Norðursins hat Huldar Breiðfjörð verfasst, der Autor, der das isländischen Roadmovie in Buchform „Liebe Isländer“ (Aufbau-Verlag) geschrieben hat, das sicherlich viele Leser kennen.

Huldar BreiðfjörðHuldar Breiðfjörð. Foto: Bernhild Vögel.

Die Vorgaben des Regisseurs waren äußerst knapp: Ein Vater, ein Sohn, eine Terrasse und … ein Hund (?) – Leider ist mein Notizblock verloren gegangen und mit ihm einige Filmdetails. So auch die genaue Anzahl der Crewmitglieder, die in der Zeit der Dreharbeiten Väter oder Mütter wurden. Mindestens acht, darunter auch Huldar, der nun den gerade Vater gewordenen Hafsteinn in Lübeck vertritt. Zusammen mit Prins Póló, der für die Musik zeichnet. Hier der Titelsong, der gleich ein großer Hit in Island wurde. Der Prinz, der mit bürgerlichem Namen Svavar Pétur Eysteinsson heißt, benennt sich nach der in Island äußerst beliebten polnischen Schokowaffel Prince Polo.

Der Refrain des Songs geht ungefähr so:

Das Meer – ich kenne nichts anderes Opa – war als knüppelhart bekanntMamma – ne schlampige BetschwesterMeine Schwester – dämliche GunnaBruder – war richtig zurückgebliebenOnkel – stahl mir die Kindheit

Prins PólóPrins Póló. Montage: Bernhild Vögel.

Doch zur Handlung: Hugi, der nicht mehr ganz junge Sohn, hat sich in ein Dorf in den Westfjorden zurückgezogen, das wohl niemand mit Kopenhagen verwechseln und als Paris des Nordens bezeichnen würde. Hier versucht er sich als Lehrer, besucht die Treffen der Anonymen Alkoholiker, joggt verbissen und lernt Portugiesisch. Da kündigt sich überraschend sein Vater Veigur an, ein alternder Dandy, der in Thailand eine Bar betrieben hatte. Er findet, dass sein Sohn eine Terrasse vor seinem Einsiedlerhaus benötigt, auf der man gemütlich Bier trinken kann, und schreitet zur Tat. Eine rundum isländische Geschichte.

Beim Kurzfilm Kumpels lernt man nicht nur auf Isländisch zu zählen, sondern kommt auch beim Studium des isländischen Humors einen guten Schritt weiter. Das Schwimmbad mit Hot Pot ist Schauplatz zu Beginn und Schluss des Films von Jörundur Ragnarsson – doch am Ende reichen sich die Kumpels Uggi und Kiddi nicht mehr die Hände. Der isländische Filmtitel Hjónabandssæla („Eheglück“) bezeichnet einen Kuchen mit Marmeladenfüllung, der natürlich auch eine gewichtige Rolle spielt.

HjónabandssælaEingangsszene zu Kumpels / Hjónabandssæla / Chum.

Der Dokumentarfilm Der Laden – Wo die Zeit stillsteht (Búðin) entführt in eine Welt, die leider bald der Vergangenheit angehört. Verzlun H. Júliusson ist ein Familienbetrieb in Sauðárkrókur im nordisländischen Skagafjord, in dem es alles gibt außer frischen Lebensmitteln: Nähgarn, Werkzeug, Reis, Unterwäsche etc. Der 83-jährige Bjarni Haraldsson verkaufte früher auch ungeröstete Kaffeebohnen, fuhr nebenbei Linienbusse und soff eine ganze Menge. Seine beiden Töchter sind froh, dass er vor 25 Jahren das Trinken aufgegeben hat. Den Laden übernehmen, das wollen und können sie nicht – es ist die letzte Gemischtwarenhandlung von ehemals zwanzig, die nach dem Prinzip „If we don't have it, you don't need it" (so das Motto eines Kramladens in Norwich/Vermont, den ich kürzlich mit großem Vergnügen besuchte) funktioniert.

Nostalgisches Flair verbreitet auch der Kurzfilm von Vera Sölvadóttir Die Suche nach Livingstone, der nach einer Kurzgeschichte von Einar Kárason die Jagd nach Rauchwaren entlang der isländischen Südküste thematisiert. Als Statist mit von der Partie: Der bekannte Journalist und TV-Moderator Egill Helgason (Silfur Egils / Kiljan).

Leitin að LivingstoneEgill Helgason als Ladenbesitzer in Die Suche nach Livingstone.

Der Film Haus der Hoffnung (FIT Hostel) von Ingvar A. Þórisson und Kolfinna Baldvinsdóttir dokumentiert die Situation von Asylsuchenden im Jahre 2009, die im FIT Hostel nahe des Flughafens Keflavík untergebracht sind. Drei Frauen und 33 Männer, die meisten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Sie warten auf die Bearbeitung ihrer Anträge durch zwei Teilzeitsachbearbeiter im Directorate of Immigration – oft jahrelang.Viele kommen aus Flüchtlingslagern in Griechenland, in denen unhaltbare Zustände herrschen. Und dorthin sollen sie wieder abgeschoben werden. Von 600 Flüchtlingen, die 1991 bis 2008 in Island ankamen, erhielt ein einziger Asyl.

FIT Hostel FIT Hostel, Keflavík.

Kochen, essen, schlafen. „Meine Seele ist müde“, sagt ein Mann nach vier Jahren im Wartezustand. Ein anderer hat versucht sich anzuzünden und wurde in Haft genommen. Nur das Rote Kreuz hilft und eine Unterstützergruppe, die eine Demo gegen die Abschiebung organisiert (IR-Bericht). Wie ist die Situation der Flüchtlinge heute, fragt man sich nach dem Film. Im Jahre 2012 betrug die durchschnittliche Bearbeitungsdauer eines Falles 229 Tage – noch weit entfernt vom Ziel, wie in Norwegen innerhalb von 48 Stunden eine vorläufige Antwort über die Berechtigung des Asylgesuchs zu erteilen.

Zum Thema sei besonders der norwegische Spielfilm Brief an den König empfohlen, ein sehr eindrucksvoller Low-Budget-Film des kurdischen Regisseurs Hisham Zaman.

Nicht gesehen habe ich die sicherlich interessante Dokumentation Salóme von Yrsa Roca Fannberg, den Jugendfilm Ártún und zwei weitere neue Kurzfilme. Es gibt nicht so viele Gelegenheiten, all diese Filme zu sehen – nutzen Sie daher den Flug mit Icelandair, wo immer neue isländische Spiel- und Kurzfilme ins Bordprogramm genommen werden.

[email protected]www.birdstage.net