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Von Zeitkisten, platten Kaninchen und Frostbeulen

Kulturblick

Von Zeitkisten, platten Kaninchen und Frostbeulen

By Bernhild Vögel
Kinder- und Jugendliteraturpreis des Nordischen Rates

Photo: norden.org

Der Kinder- und Jugendliteraturpreis des Nordischen Rates ist Ende Oktober vergeben worden - einige der nominierten Bücher hatte ich mir Anfang Oktober auf der Frankfurter Buchmesse etwas näher angesehen.

Kinderbücher haben in den nordischen Ländern einen großen Stellenwert, und das nicht nur in Schweden, wo Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren hohe Maßstäbe gesetzt haben. Viele Autoren schreiben für Kinder und Erwachsene. In Island sind dies unter anderem Kristín Steinsdóttir und Andri Snær Magnason. Seine Geschichte vom blauen Planeten, die 1999 den Isländischen Literaturpreis erhielt, ist inzwischen in über 20 Ländern erschienen.

Andri Snær Magnason und TímakistanAndri Snær Magnason und Tímakistan. Foto: Bernhild Vögel.

Andris neues Buch für Kinder ab 10 Jahren heißt Tímakistan (Die Zeitkiste). Es ist eine magische Kiste, die aussieht, als sei sie aus Glas. Tatsächlich aber ist sie aus Spinnenfäden gewebt, so dicht, dass die Zeit sie nicht durchdringen kann. Wer also in der Kiste liegt, nimmt die Zeit nicht wahr, egal ob eine Woche oder ein Jahr vergangen ist. Ein verrückter König hatte einst eine solche Kiste für seine Tochter fertigen lassen, um ihr ärgerliche Montage, langweilige November und deprimierende Februare zu ersparen. Ein zweiter Erzählstrang führt in moderne Zeiten, wo jedermann eine solche Kiste besitzt. Da die Wirtschaftswissenschaftler ein Krisenjahr prophezeit haben, verschwinden alle Menschen in ihren Kisten. Doch als sie wieder herauskommen, ist ihre Stadt gänzlich ruiniert. Das Mädchen Filippa und ihre Freude erkennen, dass es keine Lösung ist, den Kopf in den Sand zu stecken und wieder in der Kiste zu verschwinden.

Auch Stína, die kleine Heldin aus dem zweiten, für den Nordischen Kinderliteraturpreis nominierten isländischen Buch, lebt in einer Art Kiste:

Stína stórasænStína stórasæng: Beim Lesen bleiben die Finger warm. Foto: Bernhild Vögel.

Stína war eine Frostbeule. Sie konnte kein Eis essen. Sie wollte kein Metall berühren. Sie zog niemals einen Rock an, ohne sogleich ihre Beine in Leggins UND Socken zu stecken.

Im Sommer ging sie nie schwimmen und brachte sich schnell vor dem Abendwind in Sicherheit. Nirgendwo fühlte sie sich wohler als zuhause. Im Bett. Unter einer großen, weißen Gänsedaunendecke.

So beginnt das Bilderbuch Stína stórasæng von Lani Yamamoto: Stína mit dem Spitznamen „Großes Federbett“ ist allerdings kein lethargisches Kind, auch wenn sie Zimmer und Bett nicht verlässt. Sie beschäftigt sich äußerst kreativ mit Vorbereitungen für den Ernstfall: Auf einer der wunderschönen Zeichnungen sehen wir, wie sie ihre Stapel mit Eingemachtem, Selbstgestrickten und Büchern zählt. Doch als es Winter wird, zittert Stína sogar unter ihrer Daunendecke. Wie halten es nur die anderen Kinder da draußen in der Kälte aus? Ein Windstoß wird Stína zum Anstoß für neue Ideen und Erkenntnisse.

Lani Yamamoto auf der Buchmesse Göteborg 2014. Foto: Mattias Blomgren. CC-BY-SA-4.0

Lani ist in den USA geboren und in England aufgewachsen. Sie hat Psychologie und Religionswissenschaft studiert und in Boston als Filmredakteurin gearbeitet. Seit zwanzig Jahren lebt sie in Island. Für Stína stórasæng hat sie vergangenes Jahr den Isländischen Illustrationspreis Dimmalimm erhalten.

Aino hatte immer wieder schreckliche Albträume: Von riesigen Kaninchen mit Stöckelschuhen, von bösen Menschen mit Bomben und Gewehren, dunklen Treppenhäusern ohne Türen, vom chaotischen Elf oder dem Troll-Monster. Anfangs waren die Träume so schrecklich, dass sie sie nicht erzählen wollte, aber ihr Vater, der finnische Autor und Illustrator Ville Tietäväinen, motivierte sie, sie zu erzählen und zu zeichnen. Zusammen verbannten sie alle Albe in das Buch Vain pahaa unta (Nur ein böser Traum), das ihrer beider Sicht auf die Traumbilder und ihre Gespräche darüber enthält.

 Vain pahaa untaAino & Ville Tietäväinen: Vain pahaa unta (Nur ein böser Traum).

Ville ist übrigens der Autor des mit dem Finlandia-Preis ausgezeichneten Comic Unsichtbare Hände, der vom marokkanischen Tagelöhner Rashid erzählt, der mit einer Schlepperorganisation in die „Festung Europa“ kommt und unter sklavenähnlichen Bedingungen auf einer spanischen Treibhausplantage arbeitet. Der spannende Comic für Jugendliche und Erwachsene über die düstere Herkunft unseres billigen Supermarktgemüses ist 2014 im Avant-Verlag erschienen – zwei Euro des Verkaufspreises gehen als Spende an Pro Asyl.

Ville TietäväineVille Tietäväinen mit Unsichtbare Hände am Avant-Verlagstand auf der Frankfurter Buchmesse 2014. Foto: Bernhild Vögel.

Nächstes Jahr wird Brune (Braun) von Håkon Øvreås (Text) und Øyvind Torseter (Illustrationen) in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erscheinen. Das berichtete mir eine Mitarbeiterin des norwegischen Verlages Gyldendal bereits auf der Buchmesse. Das Buch ist nun in Stockholm mit dem Kinder- und Jugendliteraturpreis des Nordischen Rates 2014 ausgezeichnet worden. Es ist die Geschichte des Jungen Rune, der nachts zum Superhelden Brune wird. Er will sich an den großen Jungen rächen, die die Hütte zerstört haben, die er zusammen mit seinem Freund gebaut hat. Dazu berät er sich mit seinem Großvater, der auf einem Stein sitzt und den Sommerabend genießt, als sei er noch gar nicht tot.

Håkon Øvreås, Brune, Øyvind TorseterHåkon Øvreås, Brune, Øyvind Torseter. Fotos: Mona Vetrhus, Gyldendal Norsk Forlag.

„Brune ist eine warmherzige und kraftvolle Geschichte über Freundschaft und Mut, voller Kreativität und Alltagszauber. In der humorvollen Erzählung wird aufgezeigt, was es bedeutet, ein unternehmungslustiger kleiner Junge zu sein, dessen Peiniger nicht aufgeben wollen. Aber es ist auch ein Buch über Verlust und die Begegnung mit dem Tod, vorzüglich und unsentimental dargestellt“, heißt es in der Begründung der Jury.

Eines der nominierten Bilderbücher, das sich ebenfalls mit dem Thema Tod beschäftigt, liegt bereits in deutscher Übersetzung (Verlagshaus Jacoby & Stuart) vor und vergangenes Jahr mit dem LUCHS des Monats November ausgezeichnet worden. Es kommt von den Färöer Inseln und heißt Flata kaninin / Das platte Kaninchen. Es sei minimalistisch geschrieben und gezeichnet, heißt es in dem Begleittext zur Nominierung. Autor und Illustrator ist der 42-jährige Bárður Oskarsson. Das platte Kaninchen ist nicht so detailreich gezeichnet wie Stína stórasæng, aber ungemein anregend. Auch hier wird um die kreative Lösung eines schwierigen Problems gerungen.

Bárður OskarssonBárður Oskarsson. Foto Birgir Kruse.

Jedes Kind kennt überfahrene Tiere, Kröten oder Mäuse, deren leibliche Hüllen sich schließlich mit dem Asphalt verbinden. In dem färöischen Bilderbuch entdecken ein Hund und eine Ratte ein platt gefahrenes Kaninchen, das auf der Straße neben einem Gully liegt.

'Das kann nicht schön sein, so da zu liegen', sagte die Ratte und sah den Hund an.“ Während die beiden überlegen, wo sie den Leichnam hinbringen könnten, sehen wir auf den Bildern immer wieder die Szene aus verschiedenen Perspektiven: Aus der Sicht von Ratte und Hund, aus der Vogelperspektive und aus dem Blickwinkel eines Autofahrers.

Das platte KaninchenDas platte Kaninchen in englischer, dänischer und deutscher Ausgabe auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Bernhild Vögel.

Dann gehen Hund und Ratte in den Park um nachzudenken. Während der Hund auf der Parkbank vor sich hingrübelt, lässt ein quicklebendiges Kaninchen einen Drachen steigen. Links daneben, unter einer gezeichneten Hundehütte, steht der Satz „Der Hund überlegte jetzt so doll, dass es knackte.

Ich verrate hier nicht, auf welche wunderbare Lösung der Hund gekommen ist, um dem Kaninchen einen würdevollen Abschied zu bereiten und welch wichtige Funktion die kleine Ratte dabei übernimmt. „'Pass mit den Ohren auf!', sagte der Hund, als er vorsichtig ein Kaninchenbein vom Asphalt schälte.“

Dies ist nur eine kleine Auswahl der nominierten Bücher aus Dänemark, Finnland, Island, Schweden und Norwegen. Jedes Land kann zwei Titel nominieren, ein Kinder- und ein Jugendbuch, und die autonomen Regionen Färöer, Grönland, das Sami-Sprachgebiet (Lappland) und Åland jeweils einen Titel. Der Nordische Rat vergibt seit 1962 jedes Jahr einen Literaturpreis. Da aber die Kinder- und Jugendliteratur dabei keine Berücksichtigung fand, wurde ein separater Preis ins Leben gerufen und 2013 zum ersten Mal vergeben. Sekretär des Nordic Council Children and Young People’s Literature Prize ist Sigurður Ólafsson im Norræna húsið in Reykjavík.

[email protected]www.birdstage.net