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Eis und Meer für Nordlichter

Kulturblick

Eis und Meer für Nordlichter

By Bernhild Vögel
Isländische Rentiere

Photo: Bernhild Vögel.

Als ich vor der Frankfurter Buchmesse las, dass der Übersetzer von Gunnar Gunnarsson, Jón Kalman Stefánsson, Hallgrímur Helgason und anderen isländischen Schriftstellern, Karl-Ludwig Wetzig, auch finnische Romane übersetzt hat, dachte ich voller Bewunderung: Donnerwetter, welch ein Sprachgenie!

Dann nahm er Platz neben der Schriftstellerin Ulla-Lena Lundberg. Allein bei diesem Namen hätte es bei mir schon klingeln sollen.

Wir Finnlandschweden, beginnt sie, sind eine Minderheit in Finnland, um die 300.000 Menschen, etwa so viele wie die Isländer. Aber die Isländer gebärden sich so, als seien sie mindestens eine Million – davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden.

Welch schöner Aufhänger für meinen Artikel! Ich grinste in mich hinein, während Autorin und Übersetzer bereits ins Gespräch über die Zerbrechlichkeit des Glücks vertieft waren. Über Ulla-Lena Lundbergs Roman, der schlicht Eis heißt. Eis – Der coole finnische Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse war für die Vorstellung des Buches gerade der richtige Ort.

Ulla-Lena Lundberg, Karl-Ludwig WetzigUlla-Lena Lundberg im Gespräch mit Karl-Ludwig Wetzig am Finnland-Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse 2014. Foto: Bernhild Vögel.

Ulla-Lena ist 1947 auf den Åland-Inseln geboren und in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Zwischen Schweden und Finnland gelegen, blickt Åland, die autonome Region Finnlands mit Amtssprache Schwedisch, auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Die sechs östlich gelegenen Gemeinden bilden die Åländer Schären, und hier, in der fiktiven Gemeinde Örar, spielt Eis.

Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Petter Kummel und seine Frau Mona sind überglücklich, sich im Pfarrhaus auf der Kirchenschäre niederlassen zu dürfen. Mona, selbstsicher und zupackend, freut sich besonders über die beiden Kühe im Stall, Petter jedoch hat entsetzliches Lampenfieber vor der ersten Predigt. Doch Küster, Kantor und Gemeinde sind entzückt vom neuen Geistlichen mit der schönen Singstimme, dem ersten Vikar, der nicht gleich wieder zurück aufs Festland will, wenn er sein Pastoralexamen geschafft hat. Die Bewohner von Örar vergessen darüber fast ihren „Kalten Krieg“, der ab und an zwischen der West- und der Ostsiedlung aufflammt.

Auch wenn eine latente Spannung in der Luft liegt und Politik, Krieg, Ideologien gelegentlich einen Schatten auf den Schärengarten werfen – die Kummels haben ihren Platz für ihr Leben gefunden – man könnte neidisch werden. Unter Einsamkeit leiden sie nicht, sind froh, wenn die Verwandtschaft, die in den Sommerferien einfällt, wieder verschwunden ist. Auch nicht unter Isolation, denn Nachrichten verbreiten sich in der Gemeinde mit Windeseile, da (wie damals in Island auch) Telefongespräche nicht privat bleiben, sondern mitgehört werden können.

Die kleine Sanna, die kurz vor der Ankunft der Pfarrersfamilie laufen gelernt hat, wächst in einer Idylle auf, leicht verhätschelt vom Vater, die Mutter jedoch hält auf Strenge und Konsequenz in der Erziehung. Dabei ist es ein unglaublich arbeitsreiches und hartes Leben, das sie führen. Melken, Mähen, Holz hacken, Öfen anheizen, Wasser vom Brunnen holen. Die meiste Haus- und Hofarbeit bleibt an Mona hängen. Petter geht in seinen Amtstätigkeiten auf, die Wege über Land, Wasser oder Eis sind weit, und nebenbei muss er seine Examensarbeit schreiben. Abends fallen Mann und Frau völlig erschöpft nebeneinander in Tiefschlaf. Zärtliche Stunden müssen sorgfältig geplant werden.

Man merkt dem Buch auf jeder Seite an, dass da eigenes Erleben dahintersteht, so liebevoll und detailreich schildert Ulla-Lena Natur und Tiere, die Gemeindemitglieder und das Leben der Pfarrersfamilie. Es wird nie langweilig, auch wenn selten etwas Aufregendes passiert. Aber je mehr sich das Glück der Kummels festigt, desto mehr ahnt der Leser, dass es jäh zerbrechen wird.

Eis ist eine Hymne auf das einfache Leben, ein großartiger Roman, der ohne in Nostalgie zu verfallen, eine unwiederbringlich verlorene Zeit aufleuchten lässt.

Karl-Ludwig Wetzig hat auch die Septembernovelle (Seglats i september) von Johan Bargum übersetzt – sie ist wie Eis im mare-Verlag erschienen, denn auch sie spielt außer in Helsinki (schwedisch: Helsingfors) am und auf dem Meer, in der Schärenlandschaft der finnischen Südküste östlich der Hauptstadt, die auf schwedisch Nyland und auf Finnisch Uusimaa heißt. Die Novelle beginnt fast wie ein Krimi. Zwei Männer, eine Frau. Die Frau, Elin, war vor Jahren von der Straße abgekommen und tödlich verunglückt, ihr erster Ehemann Harald ist nun bei einem Segeltörn mit Olof, dem zweiten Gatten, verschwunden.

Finnland ist überwiegend evangelisch, Erweckungsbewegungen haben vor allem im Norden des Landes zahlreiche Anhänger. Elin aber gehörte der katholischen Kirche an, zu der nur 0,2 Prozent der Bevölkerung, überwiegend Einwanderer, zählen. Septembernovelle ist eine dichte Erzählung über seltsame Aspekte einer tragischen Dreiecksbeziehung.

Rentiere auf dem Cover, Nordlicht im Titel, Lappen, wie sie im Buch (und bereits in den mittelalterlichen Isländersagas) stehen – solch ein Buch könnte auch Islandfreunde begeistern. Mit ihm beschließe ich meine Betrachtung über die finnische Herbstbücherflut, die uns die Frankfurter Buchmesse 2014 beschert hat, deren Gastland Finnland als zweites nordisches Land war.

Mooses Mentula, Antje MortzfeldtNordlicht, Südlicht: Mooses Mentula und Übersetzerin Antje Mortzfeldt auf der Frankfurter Buchmesse 2014. Foto: Bernhild Vögel.

NordlichtSüdlicht heißt der Erstlingsroman des Finnen Mooses Mentula. Jouni ist Rentierzüchter im Norden der Gemeinde Sodankylä. Eine Rentierscheidung in Lappland verläuft so ähnlich wie isländische réttir, mit dem Unterschied, dass in Island nur Schafe und Pferde nach dem herbstlichen Zusammentrieb und Abtrieb eingepfercht und sortiert werden. Die Rentiere, die Ende des 18. Jahrhunderts in Ostisland angesiedelt wurden, sind ungezähmt und werden im Herbst bejagt. Im Frühjahr kommen sie aus dem Hochland in die Täler, um das erste frische Gras zu äsen, und sind dann gut zu beobachten (siehe Foto oben).

Zurück zu Mentulas Roman: Motorschlitten, Quad, Handy und Internet haben auch in der dünn besiedelten Sami-Region Einzug gehalten, doch sie verteuern das Leben, und die Preise für Rentierfleisch sinken. Marianne, die Jouni vor Jahren fasziniert nach Lappland gefolgt ist, hält es im Wald nicht mehr aus und will zurück nach Südfinnland. Als sie den neuen Lehrer Jyri, der ihren Sohn Lenne unterrichtet, kennen lernt, beginnt ebenfalls eine Dreiecksgeschichte.

Von den vier Hauptpersonen ist der zwischen Vater und Mutter hin- und hergerissene Lenne am überzeugendsten dargestellt, finde ich. Der Roman enthält viele interessante Details aus dem Leben der „Waldmenschen“, doch sind mir diese etwas zu stereotyp gezeichnet und nehmen vor meinem inneren Auge, ebenso wie der Wald selbst, keine Gestalt an. Es scheint die Absicht von Mooses Mentula, der lange in Nordfinnland als Lehrer gearbeitet hat, durch möglichst nüchtern-lakonische Beschreibung des harten Lebens im Norden ja keine romantischen Gefühle hervorrufen zu wollen. Und da wird es stellenweise recht skurril – beim Sex in der Waschstraße beispielsweise.

[email protected]www.birdstage.net

Ulla-Lena Lundberg: EisAus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig Mare Verlag, 2014 528 Seiten, 24,00 €

Johan Bargum: SeptembernovelleAus dem Schwedischen von Karl-Ludwig WetzigMare Verlag, 2014 112 Seiten, 18,00 €

Mooses Mentula: Nordlicht - SüdlichtAus dem Finnischen von Antje MortzfeldtWeidle Verlag, 2014320 Seiten, 23,00 €