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Mit dem orangefarbenen Ohr mitten hinein in Islands Musikwelt

Kulturblick

Mit dem orangefarbenen Ohr mitten hinein in Islands Musikwelt

Jo und Frank Nagel, Orange 'Ear.
Jo und Frank Nagel machen sich bald auf den Weg nach Island. Photo: Orange 'Ear.

Was für eine auf den ersten Blick ziemlich schräge Idee: Da reisen zwei Künstler aus Berlin einen Monat lang durch Island, spüren auch an entlegensten Orten Musiker der unterschiedlichsten Stilrichtungen auf, reden mit ihnen, drehen Videos von deren Performing und stellen diese dann auf ihren Internetseiten allen Freunden der Musik oder Islands oder am besten von beidem kostenlos zur Verfügung. Orange 'Ear to Iceland nennen sie ganz unprätentiös das Projekt. Die Zielgruppe ist gespannt und euphorisch, welche Ergebnisse Orange 'Ear von der Reise im kommenden Mai mitbringen werden.

Wir fragten bei Frank und Jo Nagel nach, was es mit ihrer ehrgeizigen Geschichte auf sich hat.

Wie viele Künstler werdet ihr voraussichtlich treffen?

„Wir gehen davon aus dass wir alle zwei bis drei Tage in einem anderen Ort ein Rekording machen können. Dann würden wir in guten drei Wochen circa zehn Künstler filmen können. Es kann aber durchaus passieren, dass wir in einem Ort mehr als einem Musiker begegnen. In Reykjavík wird es bestimmt viele spannende Kontakte geben. Es kommt uns aber bei dem Projekt nicht auf die Anzahl der Videos an, sondern darauf, die Musiker in ihrem Umfeld und ihrer Besonderheit zu zeigen.“

Sprecht ihr bereits im Vorfeld mit einigen der Künstler oder lasst ihr euch tatsächlich komplett überraschen, was kommt?

„Wir begeben uns mit diesem Projekt auf eine Entdeckungsreise. Island ist nicht nur durch die Tatsache, dass es dort so viele musikalische Talente gibt, der optimale Ort dafür. Bei unseren bisherigen Islandaufenthalten haben wir oft erfahren, dass die Isländer gerne spontan, bereitwillig und unkompliziert auch etwas abwegig erscheinende Anliegen unterstützen. So wird es möglich sein, in einen Ort zu fahren und mal an der Tankstelle nach Musikern zu fragen (das hat tatsächlich schon funktioniert). Das schließt aber nicht aus, im Vorfeld der Reise ein paar Verabredungen zu treffen, ohne dass das unsere Offenheit und Spontaneität einschränken würde.“

Orange 'Ear.Orange 'Ear. Foto: Orange 'Ear.

Können sich isländische Künstler auch bei euch „bewerben“?

„Ja, natürlich können Musiker, die in Island sind, auf uns zu kommen. Orange 'Ear in Berlin erhält laufend Anfragen von Künstlern, die wir sorgsam beantworten.

Kann man euch auch Künstler vorschlagen?

„Man kann uns nicht nur Künstler vorschlagen, wir haben in unserem Crowdfunding dafür sogar extra ein „Dankeschön“ (Perk), bei dem man uns an einen Ort seiner Wahl schicken kann.“

Ist neben dem Platzieren auf eurer Homepage auch eine DVD geplant, die man kaufen kann?

„Wie immer bei Orange 'Ear wird es Videos mit einzelnen Songs geben, diese werden dem Künstler zur freien Verfügung gestellt. Er kann diese also für seine eigene Promotion nutzen und sie selbst online stellen. Wir veröffentlichen die Videos unabhängig davon auf unserer Webseite. Eine Vermarktung der Videos ist nicht vorgesehen, da Orange 'Ear komplett unkommerziell ist.“

Um die Fährüberfahrt nach Island zu finanzieren, sammeln Orange 'Ear derzeit über Indiegogo Spenden. Wer Geld zuschießt, bekommt ein Dankeschön. Crowdfunding nennt man das. Und auch hier haben Orange 'Ear die Ideen perfekt auf Musik- und Islandfreunde abgestimmt: Einen Klingelton mit Bekassinen-Gemecker etwa, eine Flaschenpost im Namen der Spender, ein Foto von der Fähre, das den Moment dokumentiert, an dem Island am Horizont erscheint oder eine Postkarte aus Island sind nur einige wenige der Möglichkeiten, wie Orange 'Ear Unterstützern eine Freude machen und danken.

Wie seid ihr auf die Dankeschöns gekommen?

„Die Auswahl der Perks war eigentlich das schwierigste an der ganzen Kampagne. Bis wir die Ideen hatten, Sachen zu nehmen, die vielleicht absurd, aber dennoch Naheliegend sind. Was bietet sich mehr an, als mitten auf dem Nordatlantik eine Flaschenpost zu versenden oder das markante Geräusch des Hrossagaukur, das jeder Islandreisende kennt, als Klingelton aufzunehmen. Es hat uns auch sehr überwältigt, dass wir von allen Musikern, die schon einmal bei uns aufgetreten sind und die wir erreicht haben, einen Song zur Verfügung bekommen haben. Orange 'Ear to Iceland ist halt ein ideelles Projekt, in dem das Crowdfunding nicht der klassischen Subskription entspricht.

Búrfellshraun.Musiker finden sich auch in den entlegensten Winkeln. Auch hier in der Búrfellshraun? Foto: Orange 'Ear.

Wie kamt auf die Idee von Orange 'Ear to Iceland?

„In dem man sich vor 25 Jahren das erste Mal begegnete und sich dabei gegenseitig seine Liebe für schräge Musik gestand und nach 14 gemeinsamen Jahren nach Island fuhr und aus Liebe zu dem Land sein Herz verlor. In den nächsten zehn Jahren fuhren wir so oft wie möglich nach Island und begannen in unserer Berliner Ladenwohnung die Konzertreihe Orange 'Ear. Nun mussten wir nur noch eins und eins zusammenzählen…“

Was bedeutet Orange 'Ear eigentlich?

„Wenn wir das wüssten... Es ist ein Kunstwort, das tatsächlich mit Orangen zu tun hat, ein bisschen mit Ohren und ganz viel mit hören.“

Welche Isländischen Künstler mögt ihr besonders gern?

„Im Sommer 2006 sind wir Lay Low auf Island begegnet, nachdem wir vorher schon auf Myspace Kontakt aufgenommen hatten. Bei dieser ersten Begegnung erzählte sie uns, dass sie ganz aufgeregt sei, da sie gerade ihr erstes Album produziere. „Please don't hate me“ wurde ja dann im folgenden Winter zu einem riesigen Erfolg. Wir sind Lay Low im Laufe der Jahre immer wieder begegnet und bewundern sie dafür, dass sie eine der ganz wenigen Musiker ist, denen es gelungen ist, vier erstklassige, völlig unterschiedliche Alben hintereinander zu produzieren, ohne sich dabei zu verlieren. Vor ein paar Wochen hat sie es endlich geschafft, das schon lange angedachte Konzert bei Orange 'Ear zu geben, worüber wir uns immer noch sehr freuen. Neben Lay Low gibt es natürlich noch viele andere Musiker in Island, die wir wirklich großartig finden, dazu gehören zum Beispiel Kira Kira, Sóley und Amiina.“

Werdet ihr diese Künstler auch treffen, während ihr für Orange 'Ear to Iceland unterwegs seid?

„Den einen oder anderen bestimmt. Auf unserer letzten Reise waren wir mit Sóley in Kontakt, aber unsere Reisepläne haben sich ganz knapp verfehlt. Vielleicht klappt es ja diesmal.“

Lay Lows Auftritt bei Orange 'Ear kann man hier anschauen.

Auf indiegogo.com kann man das Projekt Orange 'Ear to Iceland noch bis zum 16. Dezember finanziell unterstützen. Kommen die 2 500 Euro für die Fährüberfahrt zusammen, erwarten Unterstützer (und natürlich auch alle anderen) spannende Drehs aus Island, schaffen es Orange 'Ear nicht, die Kosten zu decken, bekommen die Unterstützer ihr Geld zurück. Dann allerdings fällt auch die Reise aus.

Hier finden Sie unsere Besprechung zu einem früheren Projekt von Frank Nagel von Orange 'Ear: Die Dokumentation einer Reise rund um Island mit dem Linienbus.