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Bücher für kleine und größere Entdecker

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Bücher für kleine und größere Entdecker

By Bernhild Vögel

Im Mai holte mich Gabriele Schneider in Akureyri ab. Wir hatten selten mal ein paar Stunden zusammen verbracht, im Flugzeug, bei einem Treffen mit unserer Redakteurin Eygló, aber nun sollten es zwei Tage in ihrem zweiten Heimatort Húsavík werden.

Ich glaubte Húsavík von mehreren Aufenthalten zu kennen – und musste nun feststellen, dass es ein Unterschied ist, ob man sich per Bus und zu Fuß oder per Leihwagen fortbewegt. Klar, dass wir am Goðafoss hielten, wo der Linienbus nur manchmal eine kurze Pause einlegt. Hier kommen natürlich auch Emma und Ben vorbei, die beiden kleinen Helden aus Gabrieles Kinderbuchreihe Emma und Ben in Island:

Und da sahen sie ihn auch schon, den Wasserfall, der seinen Namen den alten heidnischen Göttern verdankt.Der sieht aber klasse aus“, hauchte Emma fast flüsternd.Aber echt“, fand auch Ben. Sie rannten hin, fast bis zur Kante, unter der tief unten die Wassermassen brausend ins Becken klatschten und wilde Wasserwolken aufstieben. Emil wurde wütend …

… aber er hat kurze Zeit später noch viel mehr Grund dazu, sich über die Sorglosigkeit der beiden aufzuregen.

Goldsuche auf dem Diamont Circle heißt Band 3 der sechsbändigen Reihe mit den Abenteuern der Geschwister Emma und Ben. Die anderen Bände, beginnend im Südwesten, muss Gabriele Schneider erst noch schreiben, den Anfang machte sie mit ihrer Lieblingsregion.

Gabriele SchneiderGabriele Schneider am verfallenen Schafunterstand, Halbinsel Tjörnes. Foto: Bernhild Vögel.

Emma ist zehn Jahre alt, ihr Bruder Ben zwölf. Sie dürfen zum ersten Mal ohne ihre Eltern mit ihrem 22-jährigen isländischen Cousin Emil durch Island reisen. Die drei wohnen in Húsavík im Haus eines entfernten Verwandten, Atli, den sie noch gar nicht kennen gelernt haben, weil er verreist ist. Er hat einen mysteriösen Brief auf dem Küchentisch hinterlassen, dem sie entnehmen, dass Atli etwas Schreckliches zustößt, wenn sie nicht einen Goldschatz finden, der irgendwo auf dem „diamantenen Zirkel“ zwischen Húsavík, Ásbyrgi, Mývatn und Dettifoss versteckt wurde. Eifrig machen sich die Kinder und Cousin Emil auf die Suche.

Und auch ich komme in den Genuss einer exklusiven Führung durch Húsavík und Umgebung, zu vielen der Orte, die in Gabrieles Abenteuergeschichte eine Rolle spielen. Das Museums-Torfgehöft Grenjaðarstaður, der „Käsetopf“, in den man sich mitten in der Botnik von Kopf bis Fuß eintunken kann, der ehemalige Schafunterstand auf der Halbinsel Tjörnes und vieles andere mehr. Den Botnsvatn, den See am Fuß des Húsavíker Hausberges Húsavíkurfjall, habe ich mir zu Fuß erwandert, denn noch versperrten Schneewehen die Zufahrt. Hier finden die Kinder in der rostigen Tonne einen Schatz, aber ach, es ist nicht der richtige.

BotnsvatnDie zum Grill umgebaute alte Tonne am Botnsvatn. Foto: Bernhild Vögel.

Gabrieles Abenteuergeschichte, in der viel Platz für eigene Ideen und Zeichnungen der jungen Leser ist, ergänzt und erweitert perfekt ihr engagiertes Projekt, Kindern Island näher zu bringen. Ihr erstmals 2007 erschienenes Island-Reisebuch für Kinder hat inzwischen die dritte aktualisierte Auflage erlebt.

Kollegin Dagmar Trodler, die Gabrieles Reisebuch 2010 in der Iceland Review vorgestellt hat (siehe Besprechung) hat zwar nicht selbst ein Kinderbuch geschrieben, aber einen isländischen Klassiker der Kinderliteratur übersetzt.

Helgi skoðar heiminn – Helgi erforscht die Welt heißt er. Der Verfasser des Textes, Njörður P. Njarðvík, schreibt in einem kurzen Nachwort:

Zu Beginn des Jahres 1976 zeigte mir Jón Karlsson, der Herausgeber des Verlagshauses Iðunn, ein paar Zeichnungen von Halldór Pétursson. Abgebildet waren ein Junge, ein Pferd und ein Hund, in verschiedenen Situationen in der isländischen Natur. Jón fragte mich, ob ich zu diesen Bildern eine Geschichte schreiben könne.“

Helgi skoðar heiminn - PuzzleHelgi skoðar heiminn gibt es auch als Puzzle von Nordic Games.

Njörður besuchte den damals sechzigjährigen Halldór Pétursson (1916-1977) , der sich insbesondere durch Karikaturen zum Schachduell Fischer-Spassky und seine Illustrationen der Jólasveinar, der 13 isländischen Weihnachtstrolle und ihrer Mutter Grýla, einen Namen gemacht hatte. Njörður fragte den Maler, ob er bei den Bildern an eine Geschichte gedacht habe. Das hatte er nicht, und so machte sich Njörður ans Werk. Der seltene Fall, dass zu Beginn eines Kinderbuchprojektes die Bilder stehen, zu denen sich eine Geschichte einfindet, hat ein Kinderbuch hervorgebracht, dass Generationen von Kindern begeistert hat und immer noch begeistert. Helgi, der kleine Welterforscher ist wesentlich jünger als Emma und Ben. Aber er kann schon reiten, auch wenn er zum Aufsitzen auf das Dach vom Hühnerhaus klettern muss. Er kennt den Bauernhof, auf dem er zusammen mit Eltern und der großen Schwester lebt, und die Tiere dort. Doch er weiß, die Welt ist größer:

Sie ist so groß, dass man fast einen ganzen Tag braucht, um sie zu erkunden. Es gibt ja so viel zu sehen! Da ist der Wassergraben, der Vogelfelsen, der Schwanensee, der Fluss, der hohe Berg, die Lavafelsen und vieles mehr.“

Mit seinem Pferd Fluga und Hund Kauti macht er sich auf den Weg. Kein Wunder, dass es der Pferdeexpertin Dagmar großen Spaß bereitet hat, sich mit den Abenteuern der drei zu beschäftigen. Ihre frische Übersetzung hat dem heute 78-jährigen Autor, der neben anderen Sprachen auch Deutsch beherrscht, gefallen. Njörður hat Isländisch und Schwedisch studiert, wirkte als Lehrer und Hochschulprofessor, und hat viel veröffentlicht: Romane, Gedichte, Sachbücher, Kinderbücher. In den nordischen Ländern, insbesondere Schweden und Finnland ist er bekannt und hat für sein Werk Auszeichnungen erhalten – im deutschen Sprachraum ist er so gut wie unbekannt. Im Horen-Sonderband Wortlaut Island finden sich vier Gedichte von ihm. Das Gedicht Edelstein beginnt mit den Zeilen: Ein Edelstein / kommt seinem Sucher / nicht entgegen.

Auch das Wissen, das Helgi auf seinem Ritt durch die Welt erwirbt, ist nicht entgegenkommend, sondern offenbart sich durch eine Reihe von Missgeschicken und gefährlichen Begegnungen. Die brütenden Seevögel sind empört über die Eindringlinge und die Bergspitze verweigert sich der Besteigung. Dennoch hat Helgi viel von der Welt gesehen:

Und er weiß jetzt, dass sie ihm nicht alleine gehört. Die Welt ist nämlich voller Leben. Den Tieren gehört sie genauso wie ihm, und ihnen muss man Respekt erweisen und Freundschaft mit ihnen halten. Alles was lebt und die Welt mit Helgi teilt, hat die gleichen Reichte wie er.“

Ein großartiges und großformatiges Buch für Klein und Groß, von Oddi schön in Hardcover verpackt (innen auf dem Umschlag, wo Helgis Welt von oben zu sehen ist, gibt es einen lustigen Druckfehler, der uns darauf hinweist, dass der kleine Verlag NB Forlag in Island zuhause ist).

[email protected]www.birdstage.net

Gabriele Schneider: Emma und Ben in Island, Goldsuche auf dem Diamond CircleEdition Winterwork 2014ISBN 978-3-86468-682-582 Seiten, 8,90 €

Njörður P. Njarðvík & Halldór Pétursson: Helgi erforscht die Welt Übersetzt von Dagmar TrodlerNB Forlag, Reykjavík 2014ISBN 978-9935-471-02-434 Seiten, 1.895 ISKVersand außerhalb Islands über Shop Icelandic