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Am Tisch sitzt ein Soldat

Kulturblick

Am Tisch sitzt ein Soldat

By Bernhild Vögel
Joachim Schmidt Am Tisch sitzt ein Soldat

Photo: Bernhild Vögel.

Im Roman darf man historische Ereignisse auch mal etwas vorverlegen. Die Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien, bei der der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, war am 2. Juni 1967. Joachim B. Schmidt verlegt in seinem Roman Am Tisch sitzt ein Soldat die Ereignisse auf die Zeit um Ostern, um für seine Hauptfigur, den Medizinstudenten Jón, ein eisiges Klima zu schaffen, wenn er aus Hamburg auf einem Frachtschiff (damals gab es noch keine Fährverbindung) nach Island zurückkehrt:

In Reykjavík stürmte es, wie zu erwarten war, fürchterlich. Es wütete ein Spätwintersturm, wie er für diese Jahreszeit typisch ist. Wer in Island auf den Frühling wartet, wartet vergeblich. Irgendwann, wenn die Stürme vorbei sind, kommt der Sommer. Der Frühling wird in Island resigniert ausgelassen.“

Eigentlich wollte Jón nicht zurück in sein Heimatland, ja, er verachtet seine Landsleute: „Diese armseligen Stümper. Auf dieser Welt drehte sich nicht alles nur um den Hering und die Klauenseuche. Sie hatten noch gar nicht gemerkt, dass eine Revolution im Gange war!“.

Doch seit er bei einer Sektion in Ohnmacht gefallen ist, nagen Zweifel an Jón. War das Medizinstudium die richtige Entscheidung? Zusammen mit seiner deutschen Freundin Niki lebt er in Hamburg im Hause des Herrn Paul, den sie wegen seines Auftretens „Baron“ nennen. Niki hält den Vermieter für schwul, weil er sich ein bisschen zu fürsorglich um den jungen Isländer kümmert.

MývatnssveitMývatnssveit, 19.5.2011. Foto: Bernhild Vögel.

Nun hat Jón von seiner Tante Rósa ein Fernschreiben erhalten, seine Mutter liege im Sterben, und ist auf dem Weg zum heimatlichen Hof Steinholt, ein paar Kilometer südlich des Mývatn. Sein Vater war bereits im Jahre 1942 – Jón war damals knapp zwei Jahre alt – ums Leben gekommen. Während des herbstlichen Schafabtriebs war er zusammen mit dem Bezirksvorsitzenden bei dichtem Nebel in den Gletscherfluss gefallen und ertrunken. Die Pferde konnten sich retten, die Leichen der beiden Männer wurden nie gefunden.

MývatnAm Mývatn, 31.5.2007. Foto: Bernhild Vögel.

In jenem Herbst war auch ein deutsches Jagdflugzeug, eine Messerschmitt Bf 109, vom Himmel gefallen – das Wrack liegt immer noch unweit des Wohnhauses von Steinholt entfernt. Es diente einst Jón und seinem Bruder Palli als Spielplatz und bietet Pferden und Schafen einen willkommenen Windschatten. Haukur Helgason, der Großvater mütterlicherseits, dem der Hof Steinholt gehörte, hatte seinem Enkel oft die Geschichte erzählt, wie er die Cockpitscheibe des Flugzeugs aufgebrochen und den deutschen Bruchpiloten herausgezogen hatte. Später saßen sie am Küchentisch, der kleine Jón auf dem Schoß des Soldaten. Großvater bewirtete den unfreiwilligen Gast mit Selbstgebranntem, bis sechs amerikanische GIs angerauscht kamen und den Deutschen abholten.

MyvatnMývatn, 12.5.2012. Foto: Bernhild Vögel.

Und dann ist da noch der Baum:

Ein windschiefer Baum stand tief verwurzelt etwas abseits der Gebäude: Großvaters Götterbaum. Er war gut fünf Meter hoch und hatte einen unförmigen, gekrümmten Stamm, streckte seine blätterlosen Äste zum Horizont. Er stand in der Einöde wie die Silhouette eines ausgehungerten Riesen mit Rheumarücken, war der einzige Baum weit und breit, vielleicht sogar der einzige Götterbaum auf ganz Island.“

Und nun, nach der Nacht, die er am Sterbebett der Mutter verbracht hat, fragt Jón sich, ob sie noch einmal erwacht ist und von diesem Baum gesprochen hat oder ob er das alles nur geträumt hat.

Und mit ihn rätselt auch der Leser: War der Tod des Vaters wirklich nur ein Unfall? Hat eine illegale Schnapsbrennerei, die Großvater und Vater im Keller betrieben hatten, damit zu tun?

Die Mutter ist tot und kann nicht mehr berichten. (Dass man in der Schweiz an statt auf ein Begräbnis geht, darauf habe ich schon anlässlich von In Küstennähe, dem ersten Roman des in Reykjavík lebenden Schweizer Autors, hingewiesen. Denkt man über solche Formulierungen nach, kommt man zum Schluss, dass es besser ist, an ein offenes Grab zu treten, anstatt auf eines.)

MývatnMývatn, 2.5.2009. Foto: Bernhild Vögel.

Im zweiten Teil des Romans macht sich Jón daran, die Rätsel zu lösen, doch immer wieder landet er auf dem Holzweg. Der Fall wird immer mysteriöser. Auch die Polizei, die aus Akureyri anrückt, trägt nicht wirklich zur Lösung bei. Und Tante Rósa schweigt hartnäckig.

MývatnMývatn, 2.5.2009. Foto: Bernhild Vögel.

Die Geschichte ist in Joachims bewährtem Erzählstil geschrieben, atmosphärisch dicht und spannend. Sie würde mir ebenso gut gefallen wie In Küstennähe, hätte sie meiner Ansicht nach nicht am Schluss einen Webfehler. Die Wetterkapriolen sind damit ausdrücklich nicht gemeint. Mehr darf ich dazu nicht schreiben, ich müsste sonst zu viel vom Ende verraten. Daher der Rat an den, dem's auffällt: Ein Schuss Elfenblut hinzugefügt, und der Lesespaß ist ungetrübt.

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Joachim B. Schmidt: Am Tisch sitzt ein SoldatLandverlag, Langnau/Schweiz 2014 ISBN: 978-3-905980-24-0 Bezug in Deutschland über Buchhandel oder ABA.de340 Seiten, ca. 26 Euro

Zu Joachim B. Schmidts ersten Roman:In Küstennähe

Reportage zu Umweltproblemen und Geothermalnutzung am Mývatn:Mývatn-Saga