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In den Wind geflüstert

Kulturblick

In den Wind geflüstert

By Bernhild Vögel

Wer Valeyri auf der Karte sucht, wird es nicht finden – ein fiktiver Ort irgendwo zwischen Meer und Berg, mit einer kleinen schwarzen Holzkirche, bunten Norwegerhäusern rund um den Hafen und dahinter ein paar protzige Villen.

Dort wohnen die Kapitäne und Handwerker, Vorarbeiter in der Fischfabrik, Büroleiter, Geschäftsführer,Seeleute. Sie sind die Macher und ihre Häuser sind stattlich und riesengroß, entsprechend dem Naturgesetz über die untrennbare Einheit von Schönheit, Größe und Preis. Es sind zweistöckige Betonhäuser mit allen möglichen Alkoven und römischen Säulen.“

Isländische StatussymboleIsländische Statussymbole. Foto: Bernhild Vögel.

Der Roman Valeyrarvalsinn (Valeyri-Walzer) von Guðmundur Andri Thorsson, erstmals 2011 veröffentlicht, war 2013 für den Literaturpreis des nordischen Rates nominiert und ist nun übersetzt von Tina Flecken unter dem Titel In den Wind geflüstert bei Hoffmann und Campe erschienen.

Der Verlag bezeichnet das Werk als Roman – aber ist es nicht eher ein Kurzgeschichtenzyklus? Guðmundur Andri beantwortete die Frage gegenüber dem Icelandic Literature Center folgendermaßen:

Es ist beabsichtigt, dass jede Geschichte für sich alleine stehen könnte, eine traditionelle Kurzgeschichte, aber auch gleichzeitig als Teil eines größeren Gemäldes gesehen werden kann. Die Geschichten beziehen sich in vielfältiger Wiese aufeinander. Eine Geschichte bekommt später im Buch ein ganz neues Ende; eine Figur telefoniert und in einer späteren Geschichte erfahren wir die Einzelheiten des Telefonats. In einer Geschichte schwirrt eine Fliege zum Fenster hinaus, aber eine andere beginnt mit einer Fliege, die durch ein Fenster hineinkommt. Im Ganzen besehen sind diese Geschichten alle Teil einer übergreifenden Erzählung: Die Geschichte des Dorfes Valeyri, von dem der Leser in der Lage sein sollte, sich ein Bild zu machen.“

HofsósDas Dorf Hofsós im Skagafjörður in Nordisland.

In den Wind geflüstert enthält 16 kunstvoll ineinander verflochtene Geschichten, Momentaufnahmen eines isländischen Dorfes. Es sind nicht nur Innenansichten, Geschichten, die hinter verschlossenen Gardinen spielen oder am Dorfrand enden. Internet, Facebook und Kreppa (Finanzkrise) haben längst Einzug gehalten und Einheimische wie Zugereiste blicken auf Lebensabschnitte außerhalb des Dorfes zurück.

Da gibt es die Verlassene, den Vereinsamten, Menschen, die alten Lieben nachträumen. Jósa zum Beispiel:

Das Leben ist draußen. Manchmal hört sie es, wenn sie lauscht, was sie immer seltener tut. Sie wird eine Weile die alten Platten hören, während sie alte Klassenfotos einscannt, um sie auf Facebook zu stellen, und zur Feier des Tages Bier trinken. Sie hat heute ein paarmal auf ihre Seite geschaut. Einige alte Klassenkameradinnen haben ihr zu ihrem sechzigsten Geburtstag gratuliert ...“

SuðureyriIn den Westfjorden liegt das Fischerdorf Suðureyri. Foto: Bernhild Vögel.

Schleichende Vereinsamung, Verletzungen aus Kindheitstagen, unbeherrschte Süchte quälen die einen. Andere leben seit Jahrzehnten in Zeiten des kalten Ehekrieges und spielen nach außen heile Welt. Dann wiederum gibt es die Selbstgenügsamen und die, die in ihrer Arbeit aufgehen.

Unser Einblick in das Leben der Dorfbewohner dauert nur zwei Minuten, die Zeit, die Chorleiterin Kata benötigt, um an Jónsmessa, einem strahlenden Mittsommertag, die Dorfstraße entlang zu radeln:

Sie spürt, wie das Stimmengewirr der Kinder mit der Nachmittagssonne eins wird. In der Luft liegt Essensgeruch, das Tuckern eines Motorboots draußen auf dem Meer und das Knattern der Rasenmäher in den Gärten, Strandvögel ziehen ihre Kreise, Stelzvögel laufen geschäftig umher, und die Samen der Pusteblumen trudeln auf die Erde: Der Nachmittag pulsiert.“

Ein idyllisches Bild, das eine andere Farbe annimmt, wenn wir später im Buch von Katas Schicksal erfahren.

EyrarbakkiEyrarbakki, ein ehemaliger Handelsplatz im Süden. Foto: Bernhild Vögel.

Guðmundur Andri, der am Silvestertag 1957 in Reykjavík geborene Sohn des Schriftstellers Thor Vilhjálmsson (Morgengebet), studierte Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalist, Rezensent, Übersetzer und Herausgeber. Bekannt wurde er in Island auch als Sänger und Gitarrist der Band Hinir ástsælu Spaðar. In den Wind geflüstert ist Guðmundur Andris fünfter Roman, den er seinem 2011 verstorbenen Vater gewidmet hat.

Seine Íslandsförin (1996) kam 2000 unter dem Titel Nach Island auf Deutsch heraus. Ich habe das Buch vor ein paar Jahren gelesen, doch als ich es jetzt zur Hand nahm, erinnerte ich mich allein an die Reise, die ein junger Engländer Ende des 19. Jahrhunderts auf den Spuren seiner Herkunft durch Island unternimmt. Die großartige Reisebeschreibung hatte Hintergrundstory & dramatisches Ende vollständig überlagert.

ReyðarfjörðurBúðareyri hieß das Dorf am ostisländischen Reyðarfjörður, bevor es sich nach dem Fjord benannte. Foto: Bernhild Vögel.

Bei In den Wind geflüstert verzichtet der Autor auf einen dramatischen Plot, erzählt eindrucksvolle Lebensgeschichten, von denen sich die ein oder andere schon einen festen Platz in meinem Gedächtnis erobert hat. Guðmundur Andri findet eine poetische Sprache für eine raue Realität. Er bringt uns die Atmosphäre eines abgeschiedenen isländischen Dorfes näher mit all ihren Farben und Klängen.

Das Dorf hat ein langes Gedächtnis und beobachtet genau. Aber es sammelt auch Geschichten, die nie erzählt werden: „Sie liegen irgendwo tief vergraben und haben einen unsichtbaren Einfluss auf das Befinden des Dorfes, geben seinem Äußeren eine unsichtbare Farbe, sind ein unhörbares Flüstern im Wind.“

BakkagerðiBlick auf das Dorf Bakkagerði, bekannt unter dem Fjordnamen Borgarfjörður eystri. Foto: Bernhild Vögel.

Und kommt dann eine Auswärtige, sieht und hört ein Bruchstück dieser Geschichte, wird sie abgespeist mit:

... Wie war das noch mal? In den Heringsjahren wohnte hier ein Paar zur Miete, das dann, soweit ich weiß, nach Australien ausgewandert ist.“

Wir ahnen mit ihr, das dies nicht die ganze Geschichte ist, von der im Kapitel Unerzählte Geschichten die Rede ist, wir müssen uns gedulden und aufmerksam weiterlesen. Und doch werden wir nicht alles erfahren. Wir werden gegen Ende des Buches Papageientaucher-Lalli begegnen, dessen Gedächtnis nachlässt. Noch bemerkt er seine Vergesslichkeit, doch vielleicht findet er Frieden, wenn sie ihn dichter umhüllt …

BolungarvíkHafen von Bolungarvík, Westfjorde. Foto: Bernhild Vögel.

Es gibt traurige, harte Geschichten in diesem Dorf, in dem sich die Menschen auf den Abend vorbeireiten in Vorfreude auf das gemeinsame Chorkonzert und die nachfolgende Feier, auf der Bangsi den Song über die brennenden Hoffnungsfackeln anstimmen wird, und Smyrill, der Dichter, vielleicht ein neues Gedicht vorträgt, ein Gedicht, auf das er noch wartet:

Er hebt wartend den Stift, nippt an dem kalten Kaffee und schaut auf, während er den Becher abstellt, streicht sich über den Bart. Durchs Fenster sieht er Chor-Kata auf dem Fahrrad vorbeifahren, die Stirn gerunzelt, konzentriert und nachdenklich, in einem weißen Kleid mit blauen Punkten. Er lächelt und setzt den Stift an ...“

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Ich danke Ihnen, liebe Leserinnen und Leser des Kulturblicks, auch im Namen meiiner Kolleginnen für Interesse und Rückmeldungen im Jahr 2014, wünsche allen einen guten Rutsch nach Zweitausendfünfzehn und Guðmundur Andri zugleich einen frohen Start ins neue Lebensjahr.

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Guðmundur Andri Thorsson:In den Wind geflüstertÜbersetzt von Tina FleckenHoffmann und Campe 2014176 Seiten, 18,00 €