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„Mach’ was mit Menschen!“

Kulturblick

„Mach’ was mit Menschen!“

Stefán Jakobsson, singer of Dimma.
Stefán Jakobsson bei den Mývatn Nature Baths. Photo: Gabriele Schneider.

Ich sitze im Kaffi Kvika, dem Café der Jarðböðin við Mývatn (Mývatn Nature Baths) und warte auf Stefán Jakobsson. Und ich bin ziemlich neugierig auf ihn.

Im November habe ich Stefán bei den Iceland Airwaves 2014 als Sänger der Metal-Band DIMMA erlebt, allerdings nicht mit ihm gesprochen. Als ich mir vor ein paar Tagen Eintrittskarten für die Meat-Loaf-Tribute-Show im Konzerthaus Harpa in Reykjavík bestellte, fiel mir auf, dass Stefáns Name als einer der Akteure genannt wurde. Das fand ich interessant. Ich schickte ihm eine Nachricht. Es entspann sich ein heiterer Mailwechsel um Ort und Datum eines Treffens. Dass wir beide im Nordosten des Landes wohnen, vereinfachte die Sache erheblich.

Und jetzt sitze ich also - ganz deutsche Pünktlichkeit - viel zu früh da, trinke ein Jólabjór und warte ge- und entspannt auf den Menschen, über den ich mehr erfahren möchte. Und freue mich, als er endlich hereinkommt: Lange Haare, dunkelrotlila lackierte Nägel. Ein Rockstar eben, wie ich schon einige kennenlernen durfte, ein bisschen unkonventionell, sympathisch und reflektiert.

Schnell kommen wir ganz locker ins Gespräch. Wie nebenbei schreibe ich mit, im Versuch, es sich nicht wie ein Business-Meeting, sondern wie eine ganz normale Unterhaltung anfühlen zu lassen. Das gelingt mir ganz gut, habe ich das Gefühl, denn immer wieder meint Stefán lachend: „Das schreibst du jetzt aber nicht auf!“

Stefán ist also Sänger einer Metal-Band, Darsteller und Sänger bei zahlreichen Tribute-Shows in den größten Konzerthäusern Islands (Harpa, Reykjavík und Hof, Akureyri), er ist aber auch Fremdenführer zu Sehenswürdigkeiten und in Höhlen rund um den See Mývatn, Vater von vier Kindern im Alter zwischen einem und 16 Jahren und hat lange mit autistischen Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Jedes Jahr singt er am Tag vor Heiligabend zusammen mit seinem Vater in der bis auf den letzten Platz besetzten, 140 Menschen fassenden Kirche von Reykjahlíð. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass dies etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Ortes ist. „Als wir das zum ersten Mal gemacht haben, meinten viele, da käme doch niemand, weil alle noch mitten in den Weihnachts-Vorbereitungen stecken und gestresst sind“, erinnert sich Stefán. „Aber ich bin der Meinung, wer am 23. noch im Stress ist, kommt gar nicht mehr in Weihnachtsstimmung. Und unser Ziel ist es ja gerade, die Leute vor Weihnachten zu entspannen.“

Viele Facetten birgt Stefán Jakobsson also in sich, ganz viele recht unterschiedliche Puzzleteile. Und auch verschiedene Wesenszüge: So sei er einerseits als Kind sehr schüchtern gewesen, verrät er, auf der anderen Seite habe er schon immer Probleme mit Regeln gehabt und sei darum immer wieder vor allem mit Lehrern aneinandergerasselt.

Gesungen habe Stefán schon immer, sagt er, aber eben weil er ein schüchternes Kind gewesen sei, habe er sich das öffentlich nicht so recht getraut. Und eigentlich wollte er sowieso viel lieber Bassist sein, so wie sein Vater. Zweimal sei er allerdings aus der Musikschule geflogen, weil er mit dem Unterricht nicht klarkam, weil er Notenlesen und Instrument nicht zusammenbringen konnte und es viel zu viele strenge Regeln gegeben habe. Erst, als ein neuer Lehrer seinen Dienst antrat, wendete sich das Blatt. Er ließ Stefán musikalische Freiheiten, ließ ihn erste Schritte im Komponieren gehen. Von Anfang an. Absichtlich und als Provokation gedacht komponierte Stefán dennoch erst einmal unsägliche Liedchen, wie er sagt, doch sein Lehrer gab ihm jedes Mal das Gefühl, etwas Großes geschafft zu haben, ganz egal, was es war. Damit hatte er den Jungen gepackt.

Das Kuriose: Der Musikschullehrer war gleichzeitig Stefáns Mathelehrer an der Schule. „In Mathe sind wir immer wieder aneinandergeraten“, sagt Stefán, „aber bei der Musik waren wir Freunde“.

Dann belegte Stefán bei einem Gesangswettbewerb an seiner Schule in Akureyri den ersten Platz mit dem Scorpions-Hit „Still loving you“; in der zweiten Runde, bei der die Gewinner mehrerer Schulen gegeneinander antraten, schaffte er den Sieg nicht. „Das war wirklich gut so, denn ich bekam mehr Aufmerksamkeit dadurch, dass ich nicht gewonnen hatte, als ich bekommen hätte, wäre ich der Sieger gewesen“, ist er sicher. Denn die Zuschauer seien der Meinung gewesen, dass er der bessere Sänger war.

Im gleichen Jahr wurde erstmals die Fernseh-Castingshow Icelandic Idol / Idol Stjörnuleit ausgetragen. Stefán wurde gefragt, ob er teilnehmen würde. Er sagte nicht zu. „Dann wäre ich immer „der Typ von Icelandic Idol“ gewesen, das wäre mir mein Leben lang wie ein Spuk im Nacken gesessen. Aber ich möchte meinen eigenen Spuk schaffen.“

Seit der Gründung von Thingtak im Jahr 2005 ist Stefán Jakobsson Bassist und Sänger der Punkband, die 2006 ihr erstes Album veröffentlichte.

Als die Metal-Formation DIMMA im Jahr 2010 einen neuen Sänger suchte, sagte der damals neu zur Band gekommene Drummer Birgir Jónsson, er sei gerade auf einem Thingtak-Konzert gewesen, und deren Sänger würde sicher gut zu DIMMA passen. Gitarrist Ingó Geirdal hatte irgendwo ebenfalls einen guten Sänger gehört, den er gern in die Gruppe geholt hätte. Ein Dilemma? Keineswegs, stellte sich doch heraus, dass es sich bei Ingós Vorschlag ebenfalls um Stefán handelte. „Für DIMMA war es darum eine leichte Entscheidung, welchen der beiden sie nehmen sollten“, meint Stefán lachend. Er selbst sei neugierig gewesen, erzählt er, und nahm die neue Aufgabe gern an. Einzig den Bass spielt er bei DIMMA nicht, dafür ist weiterhin Silli Geirdal zuständig.

Band Dimma.DIMMA-Sänger Stefán Jakobsson bei den Iceland Airwaves 2014. Foto: Gabriele Schneider.

Seit er bei DIMMA ist, habe sich vieles verändert, sagt Stefán. In anderen Bands, auch bei Thingtak, habe er sich oft als Mädchen für alles gefühlt, er schrieb Lieder, managte, war der Fahrer, spielte Bass und sang. Bei DIMMA „konnte ich mich plötzlich hauptsächlich aufs Singen konzentrieren“. Das war vor allem darum von Vorteil, weil er heute auch mit Tribute-Shows ziemlich beschäftigt ist. Unter anderem machte er 2014 bei Shows zu Nirvana und Jeff Buckley mit, aktuell bei einer zu Meat Loaf, demnächst zu den Beatles und Guns’n’Roses.

„Diese Shows machen mir richtig viel Spaß“, sagt Stefán, allerdings bedeuteten Konzerte noch mehr Spaß, denn dabei ginge es um eigene Musik und den eigenen Weg. Doch auch bei den Tribute-Shows könne er viel von sich selbst mit einbringen, da weder der Künstler, um den es gehe, noch dessen Musik imitiert werden müssten. „Bei den Shows ist es wichtig, das Feeling rüberzubringen“, erklärt er.

Der Start mit DIMMA war ungewöhnlich: In einem kleinen Tal in den Westfjorden traf sich die Band für ein paar Tage, um sich kennenzulernen und neue Songs, etwa für die dritte DIMMA-CD „Myrkraverk“ zu schreiben. Stefán sagte sich: „Wenn schon, dann will ich es besonders gut machen.“ Er schrieb einen Titel der CD. „Ein Achtminüter“, sagt er und fügt hinzu, dass dieses Stück überraschenderweise bis heute einer der beliebtesten Songs der Platte sei. Bei der aktuellen CD „Vélráð“ haben er und Ingó jeweils etwa die Hälfte der Songs und Texte geschrieben, aber auch die ganze Band in viel Teamarbeit geschuftet. „Vélráð ist ein unheimlich starkes Album geworden, weil alle richtig gut zusammengearbeitet haben“, so der Sänger.

Eine harte Nuss zu knacken gebe ich Stefán mit meiner Frage, warum er glaubt, dass in Island mehr Metal gehört wird, Metal generell eine größere Akzeptanz genießt als zum Beispiel in Deutschland. „Es stimmt“, antwortet er, „aber warum das so ist, das weiß niemand.“ Allgemein glaubt er, dass Leute Metal hören, „weil Metal einfach echt ist, Metal ist wahr. Bei Metal gilt: What you see is what you get. Metal ist einfach ungekünstelt.“ Genauso seien auch die Musiker, ganz egal, ob berühmt oder nicht. Und genau das sei es, was die Leute sich wünschten. Darum gehe es auf Metal-Konzerten oder -Festivals auch so friedlich zu, die Besucher könnten dort einfach sie selbst sein.

Angesprochen auf eine internationale Karriere, Konzerte auf der ganzen Welt oder zumindest in ganz Europa, meint Stefán bescheiden: „Wir haben uns entschieden, uns erst einmal auf Island zu konzentrieren.“ Allerdings, fügt er an, könne er sich schon vorstellen, mit DIMMA auch ins Ausland zu gehen.

Stefán wurde 1980 geboren und wuchs in Reykjahlíð am Mývatn auf. Später lebte und arbeitete er in Reykjavík. Seit Juli letzten Jahres ist er mit seiner Familie zurück im Nordosten. Unter anderem, weil die Mieten in der Hauptstadt für eine sechsköpfige Familie zu hoch sind, wie er erzählt.

Stefán hat einen Bachelor in Þroskaþjálfun. Für diesen Studiengang gibt es kein eindeutiges Äquivalent in Deutschland. Es geht dabei um die Arbeit mit Menschen allen Alters und mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Viele Jahre lang arbeitete Stefán mit autistischen Kindern und Jugendlichen. „Ich mochte diese Arbeit sehr“, sagt er, obwohl die Bezahlung schlecht war. Zurück am Mývatn arbeitete er anfangs aushilfsweise beim Touroperator Saga Travel, leitete Touren in die Höhle Lofthellir und zu den Sehenswürdigkeiten in der Gegend um den See. Allerdings wurden daraus bereits in seinem ersten Sommer 40 Touren innerhalb von zwei Monaten. „Und dazu hatte ich mit DIMMA jedes Wochenende ein Konzert.“ Auch jetzt im Winter ist Stefán häufig mit Urlaubern unterwegs.

„Ich lasse mich vom Leben und dem, was es mir anbietet, treiben, ganz so, wie ich es schon immer gemacht habe“, sagt Stefán, gefragt, wie er sich die Zukunft vorstellt. Vielleicht wird es ihn ja in einer Richtung treiben, die er heute noch gar nicht kennt, auch das würde er in Kauf nehmen. „Ich hatte noch nie ein festes Ziel, auch heute nicht. Vielleicht wäre ja vieles schneller gegangen, wenn ich feste Ziele gehabt hätte“, sinniert er. Schon als Kind habe er keine Vorstellung gehabt, was er einmal werden wollte. „Und ich weiß bis heute nicht, was ich werden will.“

Vieles habe er ausprobiert als Jugendlicher, aber erst ein Berufsfindungs-Test im Internet brachte ihn in Sachen Ausbildung weiter. Der brachte nämlich das Ergebnis, Stefán solle „etwas mit Menschen“ machen. „Geistig behinderte Leute fand ich schon immer interessant“, erinnert er sich und ist heute froh, sich vor Jahren einmal von einem Bürojob als Heimleiter-Stellvertreter weg zur ganz praktischen Arbeit mit den autistischen Kindern und Jugendlichen entschieden zu haben.

„Ich arbeite ja auch heute mit Menschen, sowohl bei der Musik als auch bei den Touren“, ist Stefán froh. „Es sind immer neue Leute. Und die lese ich, unterhalte sie und versuche, sie glücklich zu machen.“

„Würdest du Island beim ESC (European Song Contest) vertreten, wenn man dich darum bitten würde?“, möchte ich wissen. Stefán denkt kurz nach, dann antwortet er: „Da würde ich möglicherweise nicht nein sagen. Wenn es ein guter Song wäre.“ Denn er sei sicher: „Heute würde man mich danach nicht für alle Zeiten als „den Typen, der beim ESC gesungen hat“ wahrnehmen, sondern weiterhin als den Sänger von DIMMA. Denn meine Wurzeln, und das würden auch die Leute weiter sehen, wären immer noch DIMMA.“

Eine Band, sagt Stefán Jakobsson, sei harte Arbeit. Und einen harten Tag hat er sicher auch bei unserem Treffen hinter sich, was er sich aber nicht anmerken lässt: Mit Touristen machte er eine mehrstündige Höhlentour, fuhr die Urlauber anschließend ins 90 Kilometer entfernte Akureyri, um die gleiche Strecke zum Interviewtermin noch einmal zurückzulegen. Aber ein echter Rockstar kann eben einiges ab.