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Die Wale haben einen neuen Chef

Kulturblick

Die Wale haben einen neuen Chef

The Húsavík Whale Museum.
Das Walmuseum. Photo: Gabriele Schneider.

Seit Anfang des Jahres hat das Walmuseum in Húsavík im Nordosten Islands einen neuen Leiter: Jan Aksel Harder Klitgaard stammt ursprünglich aus Dänemark, lebt seit 1998 in Island und seit 2000 in Húsavík.

In Dänemark studierte Jan Aksel Gartenbau, zog dann mit seiner Frau nach Island, wo er zunächst in einer Baumschule arbeitete. Isländisch lernte er sozusagen „auf der Straße“, denn, so erzählt er, in der Baumschule habe er einige Kollegen gehabt, die nur Isländisch sprachen und verstanden.

In Húsavík arbeitete Jan dann bis Ende letzten Jahres als Stadtgärtner. Als Einar Gíslason, der damalige Leiter des Walmuseums, ihm erzählte, er würde in die Schweiz umziehen, weshalb seine Stelle vakant würde, habe Jan sich gedacht: „Das würde mich auch interessieren, und es wäre mal etwas anderes.“ Als auch seiner Frau die Idee gefiel, bewarb er sich. Und wurde eingestellt.

Mit Ásbjörn Björgvinsson, dem Gründer des Walmuseums, der die Einrichtung auch elf Jahre leitete, verbindet Jan Freundschaft: „Seit ich hier wohne und so lange er das Museum leitete, war ich oft hier, bestimmt einmal die Woche.“ Allerdings nicht immer, um das Museum zu besichtigen, gibt er zu, sondern aus eher kommunikativen Gründen.

Eigentlich, so Jan, kenne er sich mit Walen gar nicht übermäßig gut aus. Seine Annäherung an das Thema des Walmuseums sei darum weniger rein wissenschaftlicher, sondern viel mehr anthropologischer Art: die Verbindung zwischen Mensch, Tier, Natur, das Verhältnis unter- und das Zusammenleben miteinander. Und die damit einhergehende Frage, wie man Mensch, Tier und Natur zusammenführen, Beziehungen schaffen kann. Jan ist der Ansicht, dass sich aus dieser Perspektive betrachtet die Arbeit mit Bäumen und die Arbeit mit Walen gar nicht so sehr unterscheiden. Übrigens, und daher rührt wohl nicht zuletzt Jans Herangehensweise: Der neue Museumsleiter studiert nebenher Anthropologie.

Seine Aufgabe in den ersten Monaten im Walmuseum sieht Jan darin, sich erst einmal gründlich einzuarbeiten. Froh ist er über die gute Zusammenarbeit mit seiner Kollegin Huld Hafliðadóttir, die eine 30-Prozent-Stelle im Walmuseum hat und deren großen Wissensschatz. Ebenfalls könne er immer auf die Kenntnisse und Erfahrungen der Mitarbeiter des Walforschungs-Zentrums der Universität Reykjavík bauen, das ein Haus weiter untergebracht ist. Dort arbeitet Huld ebenfalls in Teilzeit. Auch zu den mittlerweile drei Walbeobachtungsunternehmen in Húsavík bestünden enge Beziehungen, verrät Jan.

Jan Aksel Harder Klitgaard and Huld Hafliðadóttir in the Húsavík Whale Museum.Jan Aksel Harder Klitgaard, Huld Hafliðadóttir und eines der Walskelette, die im Walmuseum zu sehen sind. Foto: Gabriele Schneider.

Das Rad möchte der neue Museumsleiter nicht neu erfinden. „Aber ich habe natürlich tausende von Ideen“, sagt er strahlend. Jan sieht seine und die Hauptverpflichtung des Walmuseums darin, den Besuchern zu erzählen, auf gut verständliche Art, aber ihnen nicht vorschreiben zu wollen, was sie denken sollen. „Jeder soll sich zu den Themen seine eigenen Gedanken machen“, findet er.

Beispielsweise über den Walfang. Die hauseigene Abteilung zu diesem Thema möchte Jan gern erweitern und auf den aktuellen Stand bringen, denn sie vermittle das Bild, Walfang sei in Islands Geschichte, was selbstverständlich gar nicht stimmt.

Auch die Bevölkerung solle noch vieles über Wale lernen, findet Jan. Denn die meisten Bewohner der „Walbeobachtungshauptstadt Europas“ wüssten nur sehr wenig über Wale und ihr Leben in der Bucht Skjálfandi. Darum sei es wichtig, dass das Walmuseum auch weiterhin in Schulklassen geht oder diese ins Museum einlädt, damit schon die Kleinen so viel wie möglich über das Verhältnis zwischen Walen und Menschen erfahren oder Wal-Projekte machen. Am Gymnasium von Húsavík, so erzählt Jan, werde zudem academic English gelehrt, bei dem die Schüler unter anderem im Walmuseum mit Büchern und anderen Informationsmitteln Studien betrieben. Um den Gang ins Walmuseum für die Bevölkerung niederschwellig zu gestalten, finden dort auch themenfremde Veranstaltungen statt, beispielsweise ein wöchentlicher Jogakurs. „Vielleicht schaut sich der ein oder andere dann ja mal im Museum um und kommt später extra wegen der Ausstellung wieder“, hofft der Museumsleiter.

Jan könnte sich auch gut vorstellen, mit FJÚK eine Kooperation einzugehen. FJÚK ist eine Ateliergemeinschaft und Künstlerresidenz über dem Hafen von Húsavík. Das Walmuseum, sinniert Jan, könnte Raum für Kunstausstellungen zum Thema des Museums sein. Er erinnert sich dabei an eine FJÚK-Ausstellung von Künstlerin Sonia Levi im Gemeindemuseum Safnahús im vergangenen August: eine Installation mit Walknochen und Musik. „So etwas“, denkt Jan, „könnten wir hier im Walmuseum machen, als Teil unseres Bildungsauftrags.“

Insgesamt sieht Jan, dass bei einem Walmuseum vieles genau andersherum läuft als bei anderen Museen: In einem Kunstmuseum kann man sich immer wieder mit verschiedenen Themen befassen, in einem historischen Museum ebenfalls. In einem Walmuseum indes gehe das Denken in die entgegengesetzte Richtung. „Wir haben das Thema, aber die verschiedenen Disziplinen können wir selbst aussuchen“, sagt er. „Wir können das Wal-Thema historisch, aus naturwissenschaftlicher Sicht, künstlerisch und auf viele andere Arten betrachten. Das liegt in unserer Hand.“

Ob das Skelett eines Blauwals, um das sich das Walmuseum in Húsavík und das Isländische Institut für Naturgeschichte in Reykjavík schon seit längerem streiten, endgültig nach Húsavík kommt, ist weiter ungewiss. Es stammt von einem Blauwal, der 2010 auf Skagi in Nord-Island an Land getrieben wurde. Als Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson einmal die Bemerkung machte, er sei der Ansicht, das Skelett solle in Húsavík ausgestellt werden, war die Freude in der Stadt zunächst groß. Jan stellt allerdings klar, dass bisher keine endgültige Entscheidung getroffen wurde. „Es entwickelt sich ein wenig zu einer politischen Angelegenheit“, sagt er. Obwohl es bereits Pläne einer Architektin für einen Anbau eigens für das Blauwal-Skelett an das Walmuseum gibt, eile die Zeit aber auch nicht. „Das Skelett ist ja noch gar nicht getrocknet oder fertig präpariert“, erklärt Jan.

Das Walmuseum hat das ganze Jahr über geöffnet. Im Winter kann man dort sogar netten älteren Herren beim Golfspielen mitten in den Ausstellungsräumen zusehen.

Im Mai findet im Walmuseum zum zweiten Mal ein Wal-Kongress mit Vorträgen, Diskussionen und mehr statt. Die englischsprachige Veranstaltung wird vom Walmuseum in Zusammenarbeit mit dem Walforschungs-Zentrum der Universität Reykjavík veranstaltet. Projekt-Leiterin und Organisatorin ist erneut Huld.

Das 1997 eröffnete Walmuseum ist eine gemeinnützige Einrichtung, die sich wissenschaftlich mit den Meeressäugern und ihrem Lebensraum beschäftigt und eine umfangreiche Sammlung beherbergt. Auf einer Ausstellungsfläche von 1.600 Quadratmetern findet man in dem ehemaligen Schlachthaus spannende Exponate und ausführliche Informationen über die verschiedenen Walarten, deren Biologie und Entwicklungsgeschichte, über ihr Verhältnis zum Menschen und die Geschichte des Walfangs. Mythen und Sagen, die sich um Wale ranken, sind ebenfalls Thema. Neben Jan in einer Vollzeitstelle und Huld arbeiten im Walmuseum den Sommer über zwei weitere isländische Mitarbeiter und fünf Volunteers aus unterschiedlichen Ländern.