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Geschichtsunterricht mit Heavy Metal

Kulturblick

Geschichtsunterricht mit Heavy Metal

Heavy metal band Skálmöld.
Vier aus sechs vor der Show: Snæbjörn „Bibbi“ Ragnarsson (v.l.), Björgvin Sigurðsson, Baldur Ragnarsson und Gunnar Ben von Skálmöld. Photo: Gabriele Schneider.

Skálmöld ist sicherlich die bekannteste und erfolgreichste Heavy-Metal-Band Islands. Auch im deutschsprachigen Raum hat die Formation inzwischen viele Fans, nicht zuletzt, weil Skálmöld schon mehrmals im deutschsprachigen Raum tourten, etwa Ende 2014 zusammen mit der schweizer Formation Eluveiti und der russischen Band Arkona.

Skálmöld ist ein alter isländischer Begriff, der wörtlich übersetzt „Zeitalter des Kurzschwerts“ bedeutet. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die sogenannte Sturlungenzeit im 13. Jahrhundert, in der in Island bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, als sich einflussreiche Familienclans (die Sturlungen aus dem Westen und die Ásbirningar aus dem Skagafjord im Nordosten) blutige Auseinandersetzungen lieferten, bei denen es um die Vorherrschaft im Land ging. Nicht zuletzt diese landesinternen Machtkämpfe waren Schuld daran, dass der Norwegerkönig Håkon im Jahr 1262 die Herrschaft über Island an sich reißen konnte.

Die Band Skálmöld spielt eine Mischung aus epischem Viking Metal, Oldschool Death und Thrash Metal, und verknüpft diese Mixtur mit der isländischen Geschichte, dem kulturellen Erbe des Landes.

Ende Januar treffe ich mich nachmittags in Akureyri mit Sänger und Gitarrist Björgvin Sigurðsson und Bassist Snæbjörn „Bibbi“ Ragnarsson von Skálmöld. An diesem Abend werden sie hintereinander zwei Konzerte im Konzerthaus Hof geben, ihre aktuelle Scheibe „Með vættum“ vorstellen. Doch werfen wir zunächst noch kurz einen Blick zurück ins Jahr 2013.

Damals traten die Metaller drei Mal zusammen mit dem Isländischen Sinfonieorchester in der ausverkauften Harpa, dem größten Konzerthaus des Landes in Reykjavík, auf, wo Orchester, Chor und Skálmöld zusammen die Songs ihrer 2012 erschienenen CD „Börn Loka“ (Lokis Kinder – Loki ist einer der Asengötter) interpretierten. Das Orchester gibt zwar regelmäßig Konzerte, bei denen es mit anderen Musikern zusammenarbeitet, doch mit einer Heavy Metal Band?

„Es war eigentlich ein Runnig Gag von uns, einmal mit dem Sinfonieorchester auf der Bühne zu stehen“, erinnert sich Björgvin. „Aber irgendwie müssen die das mitbekommen haben und riefen uns an.“ Die erste gemeinsame Probe fand gerade einmal zwei Tage vor dem Premieren-Konzert statt. Neben den vielen Kabeln auf der Bühne, unter anderem, da jeder der Chorsänger des Orchesters ein eigenes Mikrofon hatte, ist den Musikern noch etwas anderes deutlich in Erinnerung geblieben: „Am Anfang“, erzählen sie, „herrschte im Orchester ein ziemliches Chaos, weil ja alles total neu und anders und lauter war als sonst.“ Doch Bibbi lenkt ein: „Aber schon bei der zweiten Probe lief alles absolut genial und hörte sich perfekt an.“ Und Björgvin sinniert, er könne sich eine solche Zusammenarbeit gut noch einmal vorstellen. Von den Konzerten gibt es Mitschnitte auf CD und DVD, auf YouTube ist das ganze Konzert abrufbar.

Als ich Monate vorher Eintrittskarten für die zweite Show im Hof in Akureyri bestelle, bin ich überrascht, dass ich mich für Sitzplätze entscheiden soll. Sitzen beim Heavy-Metal-Konzert? Wie sollte das funktionieren? Headbanging im Sitzen? Damals beschließe ich, mich überraschen zu lassen. Was hervorragend klappte.

Das Album „Með vættum“ ist musikalisch, textlich wie inhaltlich von grandios epischer Natur. Wie alle Songs von Skálmöld sind die Texte dabei in strenger Reimform verfasst, die in Duktus und Kraft an die alten Isländer-Sagas erinnern. Die Band schreibt ihre Texte in der Strophenform Dróttkvætt, die von Halbversen, Stab- und Binnenreimen geprägt ist. Anders als typisch für die Dróttkvætt-Form versehen die Musiker ihre Songs zusätzlich mit Endreimen. Heroisch und stolz klingen die Lieder darum auch für Hörer, die kein Wort Isländisch verstehen.

Die Geschichte, die das Album „Með vættum“ erzählt, rankt sich um eine Frau namens Þórunn, die an der Nordküste des Landes geboren ist. Ihr ganzes Leben über bis zu ihrem Tod reist sie durch Island, vom Norden ausziehend in den Osten, dann in den Süden und weiter in den Westen. An jeder Küste muss sie gegen Feinde kämpfen, die übers Meer ins Land kommen. Þórunn ist dabei eine Art Beschützerin der Insel. Bei jedem ihrer Kämpfe wird sie von einer Kreatur unterstützt, die ihre Heimat in der isländischen Mythologie hat: von einem Vogel aus dem Norden, einem Drachen aus dem Osten, einem Riesen aus dem Süden und einem Bullen aus dem Westen. Diese Schutzgeister sind auch Teil des isländischen Wappens und auf der Rückseite der isländischen Münzen abgebildet.

Skálmöld in concert in Akureyri.Geniale Show: Skálmöld. Foto: Gabriele Schneider.

Die beiden Konzerte in Hof werden für das Publikum zu einem unvergesslichen Erlebnis: Vor vollem Haus erzählt Schauspieler und Musiker Sævar Sigurgeirsson die Geschichte, von der das Album handelt und liest aus alten Geschichten wie der Heimskringla vor. Mucksmäuschenstill lauscht das Publikum. Dann spielen Skálmöld jeweils die Stücke zu der Himmelsrichtung, von der Sævar gerade sprach und nach denen auch das Album aufgeteilt ist. Einige Gäste headbangen in ihren Sitzen, alle Besucher folgen fasziniert der großartigen Bühnenshow. Erst gegen Ende, schon bei den Zugaben, reißt es viele von den Sitzen, und das Gefühl, bei einem ganz normalen Heavy-Metal-Konzert zu sein, kommt auf.

Der Vorteil von Shows in dieser Art sei, so erzählen mir die Musiker, dass nicht nur eingefleischte Metal-Fans kämen, sondern auch „ganz normale“ Leute, auch ältere, wie etwa die Eltern von Bandmitgliedern. „Sie würden sonst ganz sicher nie in ein Heavy-Metal-Konzert gehen“, ist Bibbi sicher. „Und es ist gut für eine Band, auch solche Shows zu machen“, findet Björgvin. Spaß mache beides, die klassischen Metal-Gigs genauso wie die Sitzkonzerte, bei denen auch etwas an Bildung vermittelt werde.

„Die Band ist mittlerweile eigentlich ein Fulltime-Job“, sagt Björgvin, doch alle aus der Formation haben noch andere, ganz klassische Vollzeitstellen. Björgvin etwa ist Erzieher, Bibbi arbeitet in einer Werbeagentur, ein anderes Bandmitglied ist Lehrer. Im Musiksaal seiner Schule in Reykjavík proben Skálmöld, wo die Musiker auch wohnen. Ursprünglich kommen aber alle sechs aus dem Norden und Osten des Landes. Die Doppelbelastung durch zwei Vollzeit-Beschäftigungen nehmen die Jungs gern auf sich. „Es ist ein Idealfall, wenn man Spaß an dem hat, was man macht. Wir machen es, weil es uns Spaß macht“, erklärt Bibbi.

Im Januar 1991 gründeten Björgvin und Bibbi ihre erste Band, die Punkrock-Formation Innvortis. Mit der Zeit wandelte sich der Geschmack der beiden dann in Richtung Heavy Metal. 2001 löste sich Innvortis auf. 2009 wurde ihr Interesse „an epischen Sachen“ geweckt, sagt Björgvin. „Wir haben damals öfter darüber gesprochen, anständige Metal-Musik machen zu wollen“, so Bibbi. Er schrieb eine E-Mail an verschiedene Musiker und fand auf diese Weise Mitstreiter. Heute ist die Musik von Skálmöld allerdings etwas melodischer und enthält mehr Folk-Elemente als am Anfang. „Das kam irgendwie einfach so“, meint Björgvin.

Die Texte, die Skálmöld schreiben, sind sehr eng mit den Sagas und anderen Geschichten aus dem alten Island verknüpft, sowie mit den alten heidnischen Göttern. Hin und wieder lese die Band nach oder recherchiere vor dem Texten, doch „in Island kennt man diese Geschichten einfach“, so Bibbi. Dennoch sind die Songs kein Nachbeten oder Abklatsch der alten Geschichten: „Es sind Märchen, geboren aus der Welt und der Geschichte“, beschrieb er.

Da die alten Götter immer wieder Thema der Skálmöld-Stücke sind, liegt die Frage nahe, ob die Bandmitglieder Heiden oder Asengläubige sind. „Ein paar von uns sind Mitglieder der Asenglauben-Gemeinschaft“, sagt Bibbi, auch er selbst. „Es geht mir dabei vor allem darum, kulturelles Erbe zu erhalten, denn das ist es schließlich, was uns als Isländer geformt hat.“ Lachend fährt er fort: „Ich selbst glaube an gar nichts.“ Björgvin erläutert, das Wichtigste im Leben sei indes, „dass man die Kräfte, die um uns sind, respektiert, die Natur und uns alle gegenseitig“. Und, so Bibbi, „dass man kein Arschloch ist“. Einen Hinweis fügt der Bassist noch an: „Die Geschichten über die alten Götter sind wirklich cool, zum Beispiel auch die Tatsache, das sie sterblich sind.“

Björgvin gibt zu, vor Konzerten immer nervös zu sein. „Aber das ist in den letzten Jahren besser geworden, inzwischen kann ich in der Nacht vor einen Show schlafen“, sagt er augenzwinkernd. Richtiges Lampenfieber kennt Bibbi nicht, erzählt er, „aber ein paar Schmetterlinge im Bauch schon“. Ein bisschen Aufregung gehöre eben einfach dazu.

Das Bekanntwerden im Ausland gehe schneller, als die Band gedacht hatte. „Nach solchen Tourneen wie mit Eluveitie und Arkona verdoppelt oder verdreifacht sich die Fanbase dort, wo wir auftreten“, erzählt Björgvin. „Man fühlt das auch, wenn man in eine Stadt zurückkommt, da sind dann plötzlich viel mehr Leute mit unseren T-Shirts“, fügt Bibbi an. Noch öfter als bisher im Ausland zu spielen, sähe die Band als Privileg an. „Es wäre schön, auch außerhalb Islands bekannter zu sein, es ist aber nicht unser primäres Ziel“, findet Björgvin. Viel wichtiger ist es den Jungs nämlich, coole Shows zu machen, ganz egal wo.

„Heute ist ja schon Samstag“, meint Bibbi plötzlich und stupst Björgvin in die Seite. „Ist dir eigentlich klar, dass wir übermorgen in aller Herrgottsfrühe auf dem Flughafen stehen müssen?“ Björgvin nickt: „Wir brechen am Montag zu einer zweiwöchigen Südeuropa-Tournee auf.“ Dann verabschieden wir uns, denn schließlich stehen am selben Abend auch noch zwei Konzerte an.