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Auður Ava Ólafsdóttir und Guðmundur Andri Thorsson

Photo: Anton Brink / jpv

Zwei isländische Autoren, Auður Ava Ólafsdóttir und Guðmundur Andri Thorsson, kommen zur Leipziger Buchmesse, die am Donnerstag, 12. März, beginnt. Ich finde, das ist ein sehr gutes Gespann. Beide brauchen keine wild konstruierten und verzwickelten Stories, denn sie beobachten genau und verwandeln das ganz normale „prosaische“ Leben in Poesie.

In Ein Schmetterling im November erzählt Auður Ava von einer Reise nach Ostisland, während Guðmundur Andris In den Wind geflüstert einen kurzen Moment im Leben eines Dorfes beleuchtet.

Ich habe seinerzeit beide Bücher besprochen und erlaube mir im Folgenden einige Passagen daraus zu recyclen. Links zu den ausführlichen Besprechungen (mit Textauszügen, Übersetzer-Interview und Fotos) finden Sie am Ende des Artikels.

In Ein Schmetterling im November begibt sich die Protagonistin auf den Weg nach Ostisland, wo sie selbst aufgewachsen ist. Sie will sich klar darüber werden, wie ihr Leben weitergehen soll. Ihr Ehemann hat sie verlassen, weil seine Geliebte ein Kind von ihm bekommt. Die junge Ich-Erzählerin behauptet von sich, ihr fehle jede Mütterlichkeit und sie könne sich nicht vorstellen, Kinder zu haben. Und doch lässt sie sich von ihrer überforderten, mit Zwillingen schwangeren Freundin Auður überreden, deren vierjährigen gehörlosen Sohn Tumi mit auf die Reise zu nehmen.

Der Roman ist keine geeignete Lektüre für Thrillerfans, es passiert nicht viel Aufregendes, sieht man davon ab, dass die Frau gleich zu Beginn eine Gans überfährt. Wie sich mit der toten Gans die Prophezeiung einer Wahrsagerin zu erfüllen beginnt, wie die Frau ihrem ausziehenden Gatten den erlegten Vogel zum Abschiedsmahl serviert, das erzählt Auður Ava mit wunderbar feiner Ironie.

Sie malt farbige und detaillreiche Bilder der alltäglichen, seltsamen und komischen Situationen und nimmt uns mit auf ihre innere Reise in die Vergangenheit und ihre gegenwärtige Ausfahrt. Eine Ausfahrt im Novemberregen, irgendwo in den Osten Islands, wo ausländische Fachleute planvoll einen Felsen nach dem anderen für das monströse Staudammprojekt sprengen, aber die nonverbale Anleitung zum Duschen als Aufforderung, nackt ins Schwimmbecken zu steigen, missverstehen.

Manchem Leser mag es so gehen wie mir, die erst einmal im Rezeptteil am Ende des Buches schmökerte. Darin ist nicht nur das Gänserezept, sondern die Zubereitung aller im Roman vorkommenden Essen beschrieben – in einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtsinn, so dass man in keinem Moment das Gefühl hat, sich in ein Rezeptbuch verirrt zu haben.

Ein Schmetterling im November ist 2013 bei Suhrkamp/Insel erschienen und seit letztem Herbst auch als insel-Taschenbuch erhältlich.

Guðmundur Andri erzählt in In den Wind geflüstert (Hoffmann & Campe, 2014) 16 kunstvoll ineinander verflochtene Geschichten und findet eine poetische Sprache für eine raue Realität. Er bringt uns die Atmosphäre eines abgeschiedenen isländischen Dorfes näher mit all ihren Farben und Klängen.

Es sind nicht nur Innenansichten, Geschichten, die hinter verschlossenen Gardinen spielen oder am Dorfrand enden. Internet, Facebook und Kreppa (Finanzkrise) haben längst Einzug gehalten und Einheimische wie Zugereiste blicken auf Lebensabschnitte außerhalb des Dorfes zurück.

Da sind Menschen, die alten Lieben nachträumen, die Verlassene, der Einsiedler. Schleichende Vereinsamung, Verletzungen aus Kindheitstagen, unbeherrschte Süchte quälen die einen. Andere leben seit Jahrzehnten in Zeiten des kalten Ehekrieges und spielen nach außen heile Welt. Dann wiederum gibt es die Selbstgenügsamen und die, die in ihrer Arbeit aufgehen.

Unser Einblick in das Leben der Dorfbewohner dauert nur zwei Minuten, die Zeit, die Chorleiterin Kata benötigt, um an Jónsmessa, einem strahlenden Mittsommertag, die Dorfstraße entlang zu radeln.

Es gibt traurige, harte Geschichten in diesem Dorf, in dem sich die Menschen auf den Abend vorbereiten in Vorfreude auf das gemeinsame Chorkonzert und die nachfolgende Feier, auf der Bangsi den Song über die brennenden Hoffnungsfackeln anstimmen wird, und Smyrill, der Dichter, vielleicht ein neues Gedicht vorträgt, ein Gedicht, auf das er noch wartet.

Hier finden Sie das Programm Der Norden in Leipzig mit den Terminen der Lesungen von Auður Ava und Guðmundur Andri, die von Soffía Gunnarsdóttir, der Kulturreferentin der isländischen Botschaft in Berlin, moderiert werden.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Die ausführlichen Buchbesprechungen im Kulturblick:

In den Wind geflüstert

Ein Schmetterling im November