Reykjavík
10°C
SE

Frühjahrsbücherflut

Kulturblick

Frühjahrsbücherflut

Leipziger Buchmesse

Photo: Bernhild Vögel

Es war ihnen nicht anzusehen, aber beide betonten, sie hätten in der vergangenen Nacht nur zwei oder drei Stunden geschlafen, da das Flugzeug so früh gestartet sei. Gut nur, dass die Stürme, der derzeit Island heimsuchen, eine Verschnaufpause eingelegt hatten. Sonst wären die Lesungen von Auður Ava Ólafsdóttir (Ein Schmetterling im November) und Guðmundur Andri Thorsson (In den Wind geflüstert) auf der Leipziger Buchmesse ins Wasser gefallen.

In meinem Ankündigungsartikel hatte ich geschrieben, die beiden gäben ein gutes Gespann ab, aber dass ich so ins Schwarze getroffen hatte, erstaunte mich dann doch. Auður Ava und Guðmundur Andri haben nämlich gemeinsam die Schulbank gedrückt, und schon auf dem Weg ins Autorencafé in der Halle 4 erzählen sie mir das mit einem gewissen Stolz des einen auf die andere und umgekehrt.

Dabei, erinnert sich Auður Ava, war Guðmundur Andri als Sohn des berühmten Schriftstellers Thor Vilhjálmsson so etwas wie ein Paradiesvogel in der Klasse. Ich frage, ob das nicht schwierig für ihn gewesen sei, aber er verneint entschieden. Mein Vater hat mich sehr unterstützt, sagt Guðmundur Andri sinngemäß, und er war unheimlich stolz auf mich. Aber ich hatte auch eine Mutter! Nie fragt mich jemand nach ihr, aber sie mich ebenso beeinflusst.

Guðmundur Andri ThorssonGuðmundur Andri Thorsson auf der Leipziger Buchmesse. Foto: Bernhild Vögel.

Wann hast du dich entschieden, auch Schriftsteller zu werden?, fragt ihn seine ehemalige Klassenkameradin und lässt ihre Kartoffelsuppe kalt werden. Nein, es gab keine bewusste Entscheidung, Guðmundur Andri hat immer mit Sprache gearbeitet, ob als Journalist, Übersetzer, Herausgeber, Rezensent oder Schriftsteller. Auf meine Frage, wie viele Romane er verfasst habe, erhalte ich zur Antwort, er habe sie nicht gezählt. So viele sind es allerdings nicht, dass man den Überblick verlieren könnte wie ich, die von ihm nach der Anzahl meiner Islandreisen gefragt wurde. Sein erster Roman hieß Mín káta angist („Meine fröhliche Angst“) und erschien in den 1980ern. Auður Ava erinnert sich, dass er damals gesagt habe, er wolle nie wieder einen Roman schreiben, aber davon weiß er wiederum nichts mehr. Jedenfalls ist 2013 sein siebenter (das habe ich inzwischen nachgesehen) Roman erschienen, der Sæmd (Ehre) heißt.

Der zurückhaltend wirkende Guðmundur Andri entpuppt sich als gewandter Unterhalter, als er am späten Nachmittag im Nordischen Forum aus In den Wind geflüstert liest und keck behauptet, sein Zweiminuten-Roman sei ein Krimi. Allerdings, so fügt er verschmitzt hinzu, müsse man das Buch im Walzertakt fünfmal lesen, um das Verbrechen zu entdecken. Soffía Gunnarsdóttir, die Kulturreferentin der isländischen Botschaft, die die Lesung moderiert und die deutschen Passagen vorliest, weist darauf hin, dass sich Guðmundur Andris Roman am längsten Tag des Jahres abspielt, also am Mittsommertag, während Auður Ava für Ein Schmetterling im November die dunkelste Jahreszeit gewählt hat.

Noch einmal zurück ins Autorencafé, wo beide sich die Erinnerungsbälle zuspielen. Er bekennt, eine völlige Niete in Mathematik gewesen zu sein, während sie das Abstrakte der Zahlenwelt liebte. Damit ließ sich spielen, sagt sie. Und in unsere etwas ratlosen Gesichter hinein fährt sie fort, sie tanze auch gern, und hin und wieder zu seinen Klängen (denn Guðmundur Andri ist auch Gitarrist und Sänger).

Soffía Gunnarsdóttir u. Auður Ava ÓlafsdóttirSoffía Gunnarsdóttir (l.) und Auður Ava Ólafsdóttir. Foto: Bernhild Vögel.

Auður Ava hat ihre Zahlen parat und berichtet, ihr Roman Afleggjarinn („Sprössling“) sei in 23 Ländern erschienen und in den meisten Sprachen unter dem Titel Rosa Candida. Warum man sich in Deutschland für den Titel Weiss ich, wann es Liebe ist entschieden hat (jemand am Tisch bemerkt: „Ein gutes Buch mit einem schlechtem Titel“), weiß sie wirklich nicht.

Ein Schmetterling im November, das erzählt sie bei der Lesung, gilt als besonders weiblich, schon weil die vier ersten Kapitelzahlen (und das kann man in der deutschen Übersetzung natürlich nicht sehen) in der weiblichen Form erscheinen. Statt in der männlichen (einn) oder der sächlichen (eitt) Form sind sie mit ein, tvær, þrjár, fjórar nummeriert.

Es war Auður Ava gar nicht aufgefallen, aber als sie das Manuskript beim Verlag einreichte, wies man sie darauf hin, dass auf 80 von 200 Seiten gekocht oder gegessen wird. Daraufhin hat sie sich entschieden, 40 der Rezepte aufzuschreiben, darunter das für den ungenießbaren Kaffee und das Walsteak (eine Anleitung, die nach einiger Diskussion doch nicht für den deutschen Markt gestrichen wurde).

Warum hat die Protagonistin in Schmetterling im November keinen Namen, frage ich sie. Frauen wird oft autobiographisches Schreiben unterstellt, antwortet Auður Ava, nur weil wir über Dinge schreiben, die wir verstehen möchten. Ich wollte nicht, dass man mich mit der Icherzählerin verwechselt, die auf einer Strecke von etwa 300 Kilometern und 40 einspurigen Brücken mit drei Männern geschlafen hat. Aber, ergänzt sie mit verschmitztem Lächeln, die Mutter des Jungen, die niemand mit mir verwechseln würde, hat meinen Namen Auður bekommen.

Auður Ava lehrt Kunstgeschichte an der Universität Island und hat auch zahlreiche Theaterstücke geschrieben. Meine Protagonisten, sagt sie, rechtfertigen sich nicht durch ihre Worte, sondern durch ihre Taten.

Nordisches ForumVon links nach rechts: Sigurður Ólafsson (Norræna húsið), Margit Walsø (NORLA), Kjell Westö, Thomas Böhm. Foto: Bernhild Vögel.

Machen wir nun einen kurzen Abstecher zur Vorstellung der Literaturpreise des Nordischen Rates, die Thomas Böhm moderiert hat. Er stellte den finnischen Autor Kjel Westö vor, der vergangenes Jahr den Preis für Hägring 38 (Das Trugbild) erhalten hat. Mit von der Partie ist auch Sigurður Ólafsson, der Sekretär des Nordischen Literaturpreis-Büros im Norræna húsið in Reykjavík. Lange war es in Stockholm angesiedelt, aber aus Arbeitsüberlastung war man dort froh, dass sich Island anbot.

Über den seit 2013 ins Leben gerufenen Nordischen Kinder- und Jugendliteraturpreis habe ich letztes Jahr ausführlich berichtet. Für die Erwachsenenliteratur war 2014 von isländischer Seite auch der beeindruckende Roman Illska von Eiríkur Örn Norðdahl nominiert, der unter dem Titel Böse (siehe Besprechung) im selben Jahr auf Deutsch erschienen war.

Auch dieses Jahr wurde ein isländischer Roman nominiert, der bereits zur Leipziger Buchmesse in deutscher Übersetzung herausgekommen ist: Fische haben keine Beine (Fiskarnir hafa enga fætur) von Jón Kalman Stefánsson, den ich demnächst im Kulturblick vorstellen werde. Außerdem nominiert ist Skessukatlar, der neue Gedichtband von Þorsteinn frá Hamri.

Am Stand von Cindigo, einem Verlag, der auch Filme produziert, treffe ich Anne Siegel, deren Dokumentation Frauen Fische Fjorde über die Frauen, die in der Nachkriegszeit nach Island ausgewandert sind, 2011 erschienen ist. Nun hat sie zum Thema einen Roman geschrieben. Nordbräute heißt er und auch ihn werde ich demnächst besprechen.

Doch es liegt schon ein Stapel auf meinem Arbeitstisch, Bücher, die in den letzten Monaten erschienen sind und ungeduldig darauf warten, besprochen zu werden. Höchste Zeit also für mich, in die Frühjahrsbücherflut einzutauchen.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net