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Fische haben keine Beine

Kulturblick

Fische haben keine Beine

Photo: Bernhild Vögel

Bevor Sie die Lektüre des neuesten Romans von Jón Kalman Stefánsson Fische haben keine Beine beginnen, überlegen Sie doch mal, was Sie über Keflavík wissen.

Klar, den Flughafen, den kennen fast alle Islandreisende. Den meine ich auch nicht, sondern die Stadt Keflavík, von der auf Wikipedia behauptet wird: Neben dem Hafen und der früheren US-Luftwaffenbasis macht der Flughafen Leifur Eriksson (Internationaler Flughafen von Island) Keflavík zu einem der bedeutendsten Orte Islands. Nach längerem Überlegen fiel mir ein, dass ich einmal am Rande dieses Ortes in einem kleinen Holzbungalow übernachtet habe und frühmorgens zum Flughafen gewandert bin.

Der Erzähler in Jón Kalmans Roman nähert sich auf den ersten Seiten dem Ort Keflavík.

Keflavík, das es gar nicht gibt.

Denn da wo der Reisende ein Ortsschild erwartet, empfängt ihn nur

ein großes Schild, auf dem langsam wie ein matter Herzschlag ein Name über dem Verkehr blinkt: REYKJANESBÆRDas Blinken ist wie eine Warnung an den Reisende: Letzte Gelegenheit zur Umkehr, hier endet die Welt. Reykjanesbær, diese farblose Gesamtbezeichnung für die drei Ortschaften mit den alten Namen Njardvík, Keflavík, Hafnir.Zehntausend Menschen. Und ein Meer ohne Fangquote.

Und, wie es scheint, ein unwirtlicher Ort.

Straßenkreuzung bei ReykjanesbærStraßenkreuzung bei Reykjanesbær. Foto: Bernhild Vögel.

Es freut mich, in den schlimmsten Ort des Landes zu kommen“, erklärte der isländische Präsident, als er Keflavík im September 1944 besuchte, drei Monate nach Gründung der Republik.

Doch kurze Zeit danach entstand die US-amerikanische Luftwaffenbasis mit reichlich Arbeitsplätzen und Luxusgütern. Der schlimmste Ort des Landes boomte und rockte und auch Fisch landete noch in großen Mengen an.

Zwölf Jahre alt waren der Erzähler und sein Cousin Ari, als sie nach Keflavík kamen. Sie gingen hier zur Schule, enterten LKWs mit Versorgungsgütern für die Army, arbeiteten in der Fischverarbeitung und auf dem Schlachthof und verließen als junge Erwachsene die Stadt.

Im Heute kommen sie zurück an den Ort, der wieder ins Vergessen gesunken ist. Touristen ignorieren ihn, Fisch und Amerikaner sind verschwunden, dafür hat der internationale Flughafen den alten Ortsnamen okkupiert.

KeflavíkKeflavík aus der Luft. Foto: Bernhild Vögel.

Ob sie wollen oder nicht, sie müssen sich erinnern – an 1976, das Jahr der Ankunft, und 1980, da sind die beiden 16 Jahre alt.

Und dann gibt es das Damals, aber davon später.

Hören wir uns erst einmal mit Hljómar der Rockband aus Keflavík, die auch international unter dem Namen Thor‘s Hammer bekannt wurde, in die Zeit ein. Ihre Glanzzeit fällt in die 60er Jahre, aber auf der Halbinsel Reykjanes, dort am Ende der Welt sind die Lokalgrößen auch noch im kommenden Jahrzehnt präsent. Der Sänger und Bassist Rúnni Júll (Guðmundur Rúnar Júlíusson) und der Gitarrist und Sänger Gunni Þórðar (Gunnar Þórðarson) sind in Keflavík aufgewachsen und haben 1963 die Rockband Hljómar mitgegründet.

Hljómar,Hljómar, die „Beatles von Keflavík“ bei ihrem Fernsehauftritt 1967.

Rúnni ist 2008 gestorben und Gunni ist vor einigen Tagen anlässlich seines 70sten Geburtstages in Reykjavíks Konzerthalle Harpa mit einem musikalischen Programm Himinn og jörð (Himmel und Erde) gefeiert worden.

Ástarsælar heißt eines der Hljómar-Lieder; es dreht sich um die Liebe und beginnt mit der Strophe:

Lass ruhen deiner Augen Lachengeneigt hat sich der Tag.Du Liebste, ich will bei dir wachen,dich schützen, wenn ich vermag.

Ich hätte genauer übersetzen „wenn ich darf“, doch „wenn ich vermag“ reimt sich nicht nur auf „Tag“, sondern passt besser zu den Hauptpersonen in Fische haben keine Beine. So leidet der Schriftsteller Ari an einem alten Unvermögen, es nagt an ihm, ohne dass er es bemerkt oder gar benennen könnte. Eines Tages zerbricht er alle Bande, verlässt Frau und Kinder und flüchtet nach Kopenhagen. Dort arbeitet er als Lektor in einem großen Verlag, hat gerade den Ratgeber Zehn Tipps, mit dem Sinn des Lebens umzugehen redigiert.

Wir wollen Lösungen, wollen Klarheit, haben aber keine Zeit, keine innere Ruhe, nicht die Ausdauer, um nach ihr zu suchen, und schlucken dankbar die schnellen Lösungen, schnelles Essen, schnellen Sex, alles, was schnelle Erfüllung verheißt, wir leben im Zeitalter der Schnelllebigkeit.

Während der Erzähler auf Reykjanesbær zufährt, sitzt Ari im Flugzeug, das bald auf dem internationalen Flughafen Keflavík landen wird. In seinem Handgepäck ist die Ehrenurkunde für seinen Großvater, den Kapitän und Schiffseigner Oddur Jónsson, die ihm sein sterbenskranker Vater geschickt hatte.

Und so geht ein Erzählstrang zurück in die Zeit, als Oddur sich in Margrét verliebte, die Schwester seines Freundes Tryggvi. Zurück in den Norðfjörður in den Osfjorden, Zurück ins Damals, als Neskaupstaður noch ein Dorf war und Nesþorp hieß.

Wie in allen Romanen geht es Jón Kalman um die großen Fragen, um Liebe, Verantwortung und Schuld und ihre Verknüpfung mit dem Alltäglichen, der Familie, der Arbeit, dem Zustand des Gemeinwesens. Nein, Tipps liefert er nicht, mit dem Sinn des Lebens umzugehen, aber Denkanstöße und jede Menge Fragezeichen.

Lavafeld auf der Halbinsel ReykjanesLavafeld auf der Halbinsel Reykjanes. Foto: Bernhild Vögel.

Da ist zum Beispiel ein ganz normaler Morgen, der jugendliche Ari und sein Vater sitzen vor ihrem Frühstück – Hafergrütze, Kaffee, Morgunblaðið – und schweigen einander an ...

und plötzlich hat Ari diesen Gedanken, als hätte jemand ein unsichtbares, verhüllendes und täuschendes Tuch weggezogen. Er sieht die Welt auf einmal, wie sie wirklich ist, nackt, ohne Beschönigung. Ihm wird schlagartig klar, dass das Bild der Welt unmittelbar vor ihm liegt, Schwarz auf Weiß gedruckt in dieser Zeitung. Jahrelang hat er Morgen für Morgen dieses Blatt durchgeblättert und gelesen und dabei unbewusst dessen Weltbild in sich aufgenommen. Ein Weltbild, das sich zusammensetzt aus fest zementierten Perspektiven, erstarrten Metaphern und allem, was allgemein akzeptiert ist und was wir das herrschende Denken nennen und als Tatsache hinnehmen. So und so muss die Welt sein, das ist unser Bild von ihr.

Und dann fällt Ari beim Durchblättern der Zeitung auf, dass das Wort Wahrheit im Isländischen männlich ist, und er bemerkt eine Notiz über eine alte Frau aus Hvammstangi, die Wollsocken für den herzkranken Tito gestrickt hat. Kann der einzelne Mensch überhaupt eine eigene Meinung haben, fragt er sich schließlich, oder ist er doch nur eine Hohlform, bis zum Überlaufen gefüllt mit den herrschenden Meinungen und allgemein gängigen Ansichten?

Das Leben des Menschen, so reflektiert Jón Kalmans namenloser Erzähler, zerfällt in einzelne Töne ohne Melodie, erst die Geschichte über Generationen schafft Zusammenklänge und er erinnert uns,

dass wir alle irgendwann einmal brennen müssen, brennen vor Leidenschaft, Glück, Freude, Gerechtigkeitsempfinden, Verlangen, denn das ist das Feuer, das die Dunkelheit erhellt, das die Wölfe des Vergessens auf Abstand hält, das Feuer, das das Leben aufheizt, damit du nicht vergisst zu empfinden …

Velkomin heim!Velkomin heim! Vor dem internationalen Flughafen Keflavík. Foto: Bernhild Vögel.

Doch erst einmal muss Ari nach der Landung durch den Zoll, eine brennende Erfahrung nicht gerade der angenehmsten Art. Eine unvergesssliche Szene!

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Jón Kalman Stefánsson Fische haben keine Beine Übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig Piper Verlag 2015416 Seiten, 22,99 €

Links zu weiteren Kulturblick-Artikeln über Romane von Jón Kalman Stefánsson

8.9.2011 Der Schmerz der Engel

26.11. 2011 Braucht der Papst einen Waffenschein? (bv) (Lesung in Niebüll)

21.3.2013 Das Herz des Menschen (Interview auf der Leipziger Buchmesse zum letzten Band der Trilogie)