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Nordbräute

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Nordbräute

Was haben die Tochter eines adeligen Gutsbesitzers aus Pommern, eine in Königsberg aufgewachsene Flüchtlingsfrau und eine junge Lübeckerin, die bereits eine Karriere als Feuerwehrmädchen hinter sich hat, gemeinsam?

Wer vor einigen Jahren das Buch von Anne Siegel Frauen, Fische, Fjorde gelesen hat, wird die Antwort ahnen. Alle drei haben sich 1949 in Lübeck an Bord des Dampfers Esja begeben, um ein oder zwei Jahre auf Island zu arbeiten. Und sind dort hängen geblieben, lebenslang.

Zwei der alten Frauen, Hildegard Pálsson und Hildur Björnsson, die Anne für die Dokumentation interviewt hat, sind inzwischen verstorben, aber ihre Lebensgeschichten haben die Romanfiguren Christa und Paula inspiriert. Ja, Anne hat sich an einen Roman über die Nordbräute gewagt und so heißt er auch.

Nahezu hundert Lesungen hatte sie mit Frauen, Fische, Fjorde absolviert, erzählt sie mir, und dabei sind so viele Fragen aufgetaucht, und das nicht nur zu den individuellen Schicksalen, sondern auch Fragen zur Kriegs- und Nachkriegszeit und insbesondere zur isländischen Geschichte. Anne Siegel hatte das Bedürfnis, sie in einer lockeren Form zu beantworten.

Ich traf sie auf der Leipziger Buchmesse. Sie staunt immer noch, dass ihr das Vorhaben geglückt ist, denn es ist der erste Roman, an den sich die 50jährige Journalistin und Autorin, die zwischen Kalifornien und Köln pendelt, gewagt hat.

„Es war wie ein Ritt über den Bodensee“, meint sie. Die Figuren hätten sich verselbstständigt, ihr eigenes Leben entwickelt. Sie, die Drehbücher und Hörspiele und Dokumentationen verfasst hat, ist fasziniert vom Romanschreiben und sagt (und hält es auch im Nachwort zu den Nordbräuten fest): Es wird einen zweiten Teil geben, der in den Nachkrisenjahren ab 2009 spielt.

Anne SiegelAnne Siegel am Stand von Cindigo, Leipziger Buchmesse 2015. Foto: Bernhild Vögel.

Liest man Nordbräute – und es liest sich fljótt og gott*so ist es wirklich, als werde man quer durch die Zeiten geschickt. Angefangen mit einer Prise Kriegs- und Nachkriegsdeutschland, der abenteuerlichen Flucht der Christa beispielsweise. Anders als bei der realen Hildegard, die in Frauen, Fische, Fjorde die Ereignisse detailreich erzählt, fällt Christas Bericht an ihrem neunzigsten Geburtstag knapp aus. Denn die Familie muss erst einmal andere Mitteilungen der Jubilarin verdauen und selbst Christas Lieblingsenkel Jón hat kaum ein Ohr für die Fluchtgeschichte.

Während Christa ihr Leben in Island als Krankenschwester in Südisland begann, verschlug es Paula und Johanna auf abgelegene Höfe. Alle drei verheirateten sich relativ rasch, doch im Krisenjahr 2008 sind sie längst verwitwet. Johanna und Paula haben ihr Leben auf dem Land verbracht, Christa aber wurde eine erfolgreiche Immobilienmaklerin.

Das Vorbild für die Romanfigur der Johanna, der Gräfin vom Gletscher, hat Anne Siegel nur aus Erzählungen kennen gelernt: Die 1921 geborene Elinor, die laut Nachruf des Morgunblaðið mit vollem Namen Elinor Annelise Helene Margarete von Zitzewitz Kjartansson hieß, ist im August 2002 verstorben.

Landwirtschaftliche Relikte in Nordisland. Foto: Bernhild Vögel.

Die Adelige hatte in Holstein bereits eine Landwirtschaftsschule besucht, bevor sie im Sommer 1949 auf der Esja nach Island kam. Sie heiratete ein Jahr später den verwitweten Bauern Árni und nannte sich seitdem kurz Elinor Kjartansson.

Wie Elinor und die meisten der anderen deutschen Frauen hat auch Annes Roman-Gräfin Johanna den Vatersnamen ihres Mannes angenommen:

Sie waren noch heute leicht daran zu erkennen, dass sie als einzige Frauen Islands ein „son“ in der Endung ihrer Namen hatten, wie es sonst nur bei Männern üblich war, denn Frauen hießen in Island „dóttir“, die Endung wurde an den jeweiligen Vornamen des eigenen Vaters gehängt. Eric war der Vater ihres Mannes, der dementsprechend „Ericsson“ hieß. Sie, die deutschen Einwanderinnen, wollten eben so heißen wie ihre Männer auf Island, wo keine Frau hieß wie ihr Mann, und stießen damit beim restlichen Volk auf komplettes Unverständnis.

Die leidenschaftliche Bäuerin Elinor war seit den 1950er Jahren auch eine Pionierin des Tourismus (seit 1974 gibt es auf Hof Sel ein Gästehaus) und führte den Lopapeysa, den traditionellen isländischen Wollpullover, in Deutschland ein. Ebenso betätigt sich Romanfigur Johanna, doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten.

Anne Siegel ist bestrebt, so viel Zeitgeschichte wie möglich in die Handlung zu packen, und dabei kann sie sich nicht immer an die reale Chronologie halten. Die drei Protagonistinnen müssen zum Beispiel einige Wochen früher in Reykjavík eintreffen, um bei der großen Demonstration am 30. März 1949 dabei zu sein – der Demonstration gegen die vom Parlament Alþingi beschlossenen Nato-Mitgliedschaft, bei der etliche Scheiben des Alþingigebäudes in Bruch gingen und die Polizei Tränengas einsetzte – so wie wieder im Januar 2009.

Tränengaseinsatz am Austurvöllur, 30. März 1949 (Foto: Fálkinn, Q: timarit.is)

Auch hier komprimiert die Autorin und zieht Ereignisse in den Oktober, die sich erst später ereigneten. In den ersten Tagen und Wochen nach dem Bankenzusammenbruch war ganz Island vor Schreck wie gelähmt und erst allmählich löst sich die Erstarrung und immer mehr Demonstranten ziehen samstags vor das Alþingi.

Im Roman kann man natürlich die Realität umschreiben, damit sie besser in die Handlung passt, problematisch wird es meiner Ansicht nach nur dann, wenn sich dadurch bei manchen Lesern Schiefes verfestigt, so beispielsweise die Ansicht, die Isländer hätten kurzerhand alle ihre korrupten Banker eingesperrt. Ginge das so einfach, hätten sie sich die jahrelange mühselige Recherchearbeit im internationalen Finanzdschungel und aufwendige Gerichtsverfahren ersparen können.

An anderen Stellen weicht das anfängliche Stirnrunzeln schnell den Lachfalten: Wird die Gemeinde der Islandpferdefreunde der Anne den Scherz mit dem Trakehnerhengst verzeihen?

Ostisländisches Ren. Foto: Bernhild Vögel.

Interessant auch zu lesen, dass es auf der Mosfellsheiði wieder Rentiere gibt. Zuletzt hatte man sie dort im Jahre 1920 beobachtet. Aber nun kreuzt ein Rentierbulle in nicht gerade freundlicher Absicht den Weg von Christa und ihrem Enkel Jón, die eigentlich nur Schneehühner jagen wollen - ein lustiges, spannendes und zugleich fantastisches Kapitel.

Als Kostprobe hier ein kleiner Auszug:

Jóns Knie wurden weich. Er senkte die Kimme und wollte gerade anlegen, als seine Großmutter zischte: „Nicht bewegen, Jón.“ Mit gesenktem Gewehr blieb er stehen und sah den Koloss, dessen Hufe ein lauter werdendes Dröhnen erzeugten, das in der ganzen vor ihnen liegenden Ebene widerhallte. „Tu es nicht“, sagte Christa mit zusammengekniffenen Lippen. Sie waren beide wie paralysiert. Jón war sich nicht sicher, ob ein Rentierbulle einen Menschen einfach so überrennen und damit umbringen konnte. Das dumpfe Dröhnen wurde lauter. Der Bulle rannte immer noch auf sie zu, während die drei Kühe den Hügel zu ihrer Rechten erreicht hatten und gerade dabei waren, ihn in wildem Galopp hinter sich zu lassen.Jón spürte, wie seine Knie schlotterten, vielleicht wäre es doch besser gewesen, die Waffe im Anschlag zu halten. Als der Bulle noch gut zwanzig Meter vor ihnen war, raunte er Christa etwas zu: „Schnell, sag mir das letzte Geheimnis, dass du uns verschwiegen hast … mach schon! Ich will nicht unwissend sterben, hörst du!“

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* flott und gut

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Anne Siegel: NordbräuteCindigo Verlag, 2015,304 Seiten, 19,99 €.

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