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Auf unbetretenen Pfaden

Kulturblick

Auf unbetretenen Pfaden

Kein Wunder, dass die Isländer genervt sind. Ausländische Journalisten fragen in beständiger Hartnäckigkeit nach ihrer Elfengläubigkeit und Touristen schnappen nach allem, was Folklore in Gestalt von Elfen und Trollen verspricht.

Dabei vergessen sie, Ausländer wie manch Einheimischer, dass sich die Sagenwelt nur dem Menschen erschließt, der bereit ist, sich in die Einsamkeit zu begeben, ja, sich ihr auszusetzen. Denn nur für den in ihr Verlorenen belebt sich die unbelebte Natur.

Früher war die Abgeschiedenheit für die meisten Isländer ein Zustand, in den sie hineingeboren wurden. Zwischen den einzelnen, weit auseinanderliegenden Ansiedlungen lauerten Gefahren, steile Klippen, tosende Bäche, Nebel, Sturm und Lawinen. Man konnte sich heillos verirren, ausrutschen, abstürzen, ertrinken, erfrieren.

Dem modernen Menschen, der mit einer Schutzhülle aus 200 oder mehr PS und einem zusätzlichen Rettungsschirm namens GPS auf geebneten Pisten unterwegs ist, erschließt sich die Welt der hilfreichen wie auch der bedrohlichen Geister nicht mehr.

Und schon vor einhundertundfünfundfünfzig Jahren notierte der Rechtsgelehrte und Sagenforscher Konrad Maurer in seiner Vorrede zu Isländische Volkssagen der Gegenwart:

Ganz wie bei uns in Deutschland ist auch auf Island der Glauben an einen guten Theil der Volkssagen, zumal an die mythischen, bereits verschwunden; höchstens ein vereinzeltes altes Weib, oder irgend ein Sonderling, wie etwa der in den letzten Jahren verstorbene Bauer Ólafr Sveinsson zu Purkey, glaubt noch an Elbe, Riesen und andere Unholde.“

Das mag etwas übertrieben sein, beseelt von der Sorge, die Volkssagen könnten angesichts des zunehmenden Rationalismus spurlos verschwinden oder von den neuen Dampfmaschinen überrollt werden. Das Sammeln von Märchen und Sagen lag im Trend der Zeit, aber kein anderer mitteleuropäischer Gelehrter wäre auf die Idee gekommen, im entfernten und unwirtlichen Island auf Spurensuche zu gehen.

Ich habe vor vier Jahren über Konrad Maurer und seinen Ururenkel Martin, der die Spuren des Ahnen wieder aufgenommen hat, im Kulturblick geschrieben. Letzten Sommer hat Martin eine Tagesfahrt der Ferðafélag Íslands auf den Spuren Konrad Maurers begleitet und in unserer Rubrik Ansichten darüber berichtet. Nun hat er Ende letzten Jahres eine kleine, umfangreich bebilderte Schrift Der Islandfreund Konrad Maurer 1823-1902 fertiggestellt, die in Hardcover oder als eBook erhältlich ist. Darin stellt er den – im Gegensatz zu Island – in Deutschland weitgehend vergessenen Forscher und Rechtsgelehrten Konrad Maurer, seinen persönlichen Lebensweg und sein Werk vor.

Der 1823 geborene Konrad Maurer verlor mit acht Jahren seine Mutter. Sein Vater, der bayerische Jurist und Politiker Georg Ludwig Maurer nahm Konrad und seine ältere Schwester mit nach Griechenland, wo er von 1832 bis 1834 dem Regentschaftsrat von Otto angehörte, dem noch minderjährigen Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., der der erste König von Griechenland werden sollte. Man hätte annehmen können, dass der Süden und die griechische Mythologie den jungen Konrad prägten und fesselten, aber es kam ganz anders.

Auf Betreiben seines Vaters musste er Rechtswissenschaften studieren. Doch es waren Jacob Grimm, einer der märchensammelnden Brüder Grimm, der an der Berliner Universität Vorlesungen hielt, und der norwegische Architekturstudent Peter Høier Holtermann, der Konrad in die Welt der isländischen Sagas einführte, die die Richtung seines weiteren Lebensweges beeinflussten. Auch wenn er mit 24 Jahren an der Universität München Juraprofessor wurde - sein Blick war nach Norden gerichtet und die altnordische und isländische Rechtsgeschichte wurde sein Spezialgebiet.

Er unterstützte die isländischen Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber Dänemark und wurde zu einem wichtigen Weggefährten und Freund von Jón Sigurðsson, dem Vorkämpfer der isländischen Selbständigkeit.

Im Jahre 1858 brach er zu einer Expedition nach Island auf und kam mit einer reichen Ausbeute gesammelter Volkssagen zurück, die er 1860 veröffentlichte. Das Manuskript seines Reiseberichtes, das 1972 aufgefunden worden ist, liegt in der Universitätsbibliothek München und harrt seit über 40 Jahren der wissenschaftlichen Auswertung und Veröffentlichung. Die isländische Gesellschaft Ferðafélag Íslands hat den Bericht längst übersetzt und 1997 unter dem Titel Íslandsferð 1858 veröffentlicht. Warum es mit der deutschen Veröffentlichung nicht voran geht, das weiß sich auch Ururenkel Martin nicht zu erklären.

Nach zehntägiger Seereise traf Konrad Maurer Ende April 1858 in Reykjavík ein. Hier traf er unter anderem den isländischen Sagenforscher Jón Árnason und bereitete die Reise vor. Die vierköpfige Reisegruppe bestand aus dem Führer Ólafur Ólafson, seinem Gehilfen, Konrad Maurer und dem Geologen Georg Winkler.

Die Reisenden mussten noch in Reykjavík abwarten, bis endlich das Gras hoch genug stand, um die Pferde ausreichend zu ernähren, dann konnten sie am 20. Juni 1958 aufbrechen. Übernachtet wurde auf Bauernhöfen und bei Pfarrern. Maurers Ruf als außergewöhnlicher Kenner und Freund Islands eilte ihm voraus, denn er war in Jón Sigurdssons Zeitschrift Ný félagsrit publiziert und sein Besuch angekündigt worden. So wurde er überall äußerst gastfreundlich empfangen.“

Ostisland erreichte die Reisegruppe nicht, denn so schreibt Martin Maurer weiter, „eine Umrundung der Insel war damals unmöglich“. Also ging es vom Südland aus über den Sprengisandur nach Norden.

"Das für unsere Pferde übelste Wegstück aber, der etwa 16 stündige Ritt über den Sprengisandur nämlich, auf welcher ganzen Stecke für die armen Tiere gar kein Futter zu finden ist, stand uns für den nächsten Tag bevor, und gerade darum war es für uns wichtig, noch an dem letzten Weideplatz einen etwas längeren Halt zu machen. An Zeit zur Führung meines Tagebuches hätte es hier nicht gerade gefehlt. Aber wir lagerten in nächster Nähe des mächtigen Arnarfellsjökull, und ein eisiger Schneewind ließ mir, als ich, natürlich im Freien, zu schreiben versuchte, die Finger erstarren. Dazu erkältete das Wasser der Þjórsá, das ich noch vom Flußübergange her in den Stiefeln trug, auch noch die Füße, und machte auch sie wärmender Bewegung bedürftig. So ward aus der Schreiberei wieder wenig."

Dieses und andere längere Zitate aus Maurers Reisebericht kann man in der Dissertation von Harmen Biró nachlesen, die auf der Internetseite konrad-maurer.de frei abrufbar ist.

Biró vermutet, Maurer habe auf seiner Reise die Volkssagen nicht nur aus folkloristischem Interesse gesammelt, sondern auch politische Absichten damit verbunden. Er habe damit untermauern wollen, Island sei eine eigenständige Nation, die über von Dänemark unabhängige Traditionen und Überlieferungen verfüge.

Wie Martins Maurer biografischer Abriss steht auch Birós Dissertation unter Konrad Maurers Motto: Ich kann betretene Pfade nicht gehen, das zieht mich nicht von meinem Jammer ab.“

Dieser Ausspruch des im Alter zunehmend schwermütig werdenden Gelehrten verweist sicher auch auf seine Islandeindrücke mitsamt Elfen, Trollen und anderer Sagengestalten.

Jedoch muss man sich Konrad Maurer nicht als völlig zurückgezogenen Gelehrten vorstellen. Schließlich hatte er mit seiner Frau Valerie acht Kinder, und Freunde und Schüler priesen seine Gastfreundschaft. 1876 führte ihn noch einmal eine Reise gen Norden. In Christiania, dem späteren Oslo, hielt er vielbeachtete Vorlesungen, lehnte aber den ihm angebotenen Lehrstuhl ebenso ab wie später das Angebot, Rektor der Münchener Universität zu werden.

[email protected] www.birdstage.net

Martin Maurer Der Islandfreund Konrad Maurer 1823-1902epubli 201440 Seiten, Hardcover 24,99 €; ePub 2,99 €