Reykjavík
9°C
SSE

Der Junge, den es nicht gab

Kulturblick

Der Junge, den es nicht gab

Photo: Bernhild Vögel

Die erste Szene im neuen Roman von Sjon forderte der Leserin schon einiges ab. Da ist der titelgebende Junge, der einen Mann oral befriedigt. Irgendwo außerhalb der Stadt, an einer Felswand.

Bei mir setzte gleich das Kopfkino ein: Wird da ein Jugendlicher, vielleicht sogar noch ein Kind, missbraucht? Dann lese ich „Kunde“ und assoziiere: Aha, ein Stricher, der sich prostituiert“. Aber warum ist das Wort Kunde in Anführungszeichen gesetzt?

Schließlich realisiere ich, dass der Roman ja nicht in der Jetztzeit spielt, sondern 1918, also vor nahezu einem Jahrhundert. Zu einer Zeit also, wo auch im Königreich Dänemark, zu dem Island gehörte, gleichgeschlechtliche Liebe als „widernatürliche Unzucht“ mit Strafarbeit bis zu sechs Jahren geahndet wurde. Ich hätte hier statt Liebe vielleicht besser Sex schreiben sollen, denn Angst vor Verfolgung ist dauerhaften Liebesbeziehungen nicht förderlich, sondern produziert hastige Umarmungen an unwirtlichen Orten, ob auf Berliner Pissoirs, in Moskauer Hinterhöfen oder im Schutz eines Felsens am Öskjuhlíð, dem Hügel, auf dem sich nun Perlan mit seinen sechs Warmwassertanks erhebt.

Figurengruppe vor PerlanFigurengruppe vor Perlan. Foto: Bernhild Vögel.

Der Junge ist 16, ein Waise, der bei seiner Urgroßtante in einer Dachkammer am Skólavörðuholt haust, dem Stadthügel, den damals noch nicht die Hallgrímskirche krönte. Seine große Leidenschaft gehört dem Kino und so betreten wir gleich im zweiten Kapitel das Gamla Bíó. Nein nicht das schöne weiße Gebäude in der Ingólfsstræti, sondern Biograftheater Reykjavíkur, das erste Kino Islands, das 1906 in der Aðalstræti 8 eingerichtet wurde. Das geschichtsträchtige Haus, dessen letzter Name Fjalakötturinn war, existiert nicht mehr, 1985 ließ es der Eigentümer abreißen. (Heute befindet sich im modernen Nachbau Aðalstræti 16 das Restaurant Fjalakötturinn)

FjalakötturinnFjalakötturinn und sein Abriss (rechtes Foto, links: das Gebäude des Morgunblaðið), Quelle: Timinn/Morgunblaðið.

Als 1912 ein zweites Kino eröffnete, wurde aus dem Biograftheater das Gamla Bíó, das „alte Kino“. Der Junge, der eigentlich Máni Steinn heißt, Mondstein also, sieht sich im Gamla Bíó den Stummfilm Vampyrerne (Les Vampires) an, eine Arbeit des französischen Regisseurs Louis Feuillade, bekannt auch durch den erste Fantômas-Film (1913).

Mein Tipp ist, es Máni Steinn gleichzutun und sich die ausdrucksstarke Stummfilmserie, die von einer Verbrecherbande namens Les Vampires handelt, vor der Lektüre von Sjóns Roman anzusehen; alle Episoden von Die Vampire lassen sich über den Wikipedia-Link abrufen. Feuillades Filme inspirierten die französischen Surrealisten, die wiederum Sjón beeinflussten. So verwundert es nicht, dem Roman ein Gedicht von Robert Desnos vorangestellt zu finden.

Der Maler Muggur; Musidora als Irma Vep (Q: Wikipedia); Ankündigung einer Vorstellung von Vampyrerne im Gamla Bíó in Vísir, 15.August 1918.

Das Idol des Jungen, der Maler Muggur (Guðmundur Pétursson Thorsteinsson, 1891-1924), wird durch Musidora verdrängt, die Darstellerin der Irma Vep, Strategin der Vampire, und sicherlich einer der geglücktesten Verkörperungen der femme fatale. Und im Kinosaal wird sie für Máni Steinn Fleisch und Blut in Gestalt der burschikosen Sóla Guðb- (Sólborg Guðbjörnsdóttir). Aber die junge Frau, die auf ihrem Motorrad durch Reykjavík braust, ist kein dämonischer Vamp, sie erweist sich als verschwiegene Mitwisserin, Gefährtin und Beschützerin des Jungen.

In seinen Fieberträumen jedoch erscheint ihm eine schwarzgekleidete femme fatale, die Todesbringerin, la mort, so, als sei sie den Versen entsprungen, die 1915 den Film Les Vampires in Paris einführten: … Es fliegen die schrecklichen Vampire / Auf großen Samtflügeln her. / Das Ziel: nicht das Böse... / Das Schlimmste vielmehr!

Grab des Goldschmiedes Einar G. Ólafsson, eines der Opfer der Spanischen Grippe auf dem Friedhof Hólavallagarður. Foto: Bernhild Vögel.

Das Schlimmste … Das Jahr 1918 hatte in Island mit frostaveturinn mikli, dem härtesten Winter seit Menschengedenken begonnen. Am 12. Oktober brach der Vulkan Katla aus. Doch das Schlimmste reiste eine Woche später auf einem dänischen Passagierdampfer an: die Spanische Grippe. Am 29. November 1918 veröffentlichte die Zeitschrift Landið eine Liste mit 143 an der Influenza verstorbenen Reykjavíkern, am 6. Dezember wurde die Liste ergänzt bis zur Nummer 254. Insgesamt zählte man in Island 484 Opfer der todbringenden Krankheit. Der einzige Lichtblick in diesem dunklen Jahr war der Fullveldisdagur, der 1. Dezember, an dem der Unionsvertrag zwischen Island und Dänemark unterzeichnet wurde, der erste Schritt zur Unabhängigkeit Islands.

Stjórnarráðshúsið mit dem Standbild des dänischen Königs Christian IX, der Island 1874 die erste Verfassung überreichte. Foto: Bernhild Vögel.

Vor dem Stjórnarráðshúsið, das nun nicht mehr Haus eines dänischen Gouverneurs sondern der neuen isländischen Regierung ist, hat sich eine große Menschenmenge versammelt. Der Junge steht auf der Lækjargata:

Er hält Ausschau nach dem Mädchen, entdeckt sie schließlich auf der Wiese links neben dem Gebäude, bei den Familien der stadtbekannten Bürger. Heute ist Sóla Guðb- wie Irma Vep gekleidet, bevor man sie in die algerische Strafkolonie verschiffen will. Ganz in Schwarz bis zu den schwarzen, knöchelhohen Lederschuhen, dazu ein schwarzer Hut mit breiter Krempe, mit einem schwarzen Band verziert, das Gesicht darunter fahl.

Draußen vor Thomsens Magasín fragt sich ein Grüppchen dänischer Matrosen, warum die Isländer an ihrem großen Feiertag so freudlose Gesichter ziehen. Und tatsächlich ähnelt die Zusammenkunft eher einem Leichenzug als der Geburtsstunde eines souveränen Staates. Die Leute sind bedrückt, viele der Frauen verbergen die Gesichter hinter schwarzen Schleiern, die Männer tragen ein Trauerband am Ärmel.“

Sjóns Geschichte beginnt am 12. Oktober und endet am 6. Dezember 1918. In dieser kurzen Zeitspanne nimmt das Leben des Reykjavíker Straßenjungen mehrere dramatische Wendungen.

Sjón arbeitet mit Netz und ohne doppelten Boden, das heißt mit dem Realen, der Fiktion und dem Surrealen: Der Mahnruf Ein Engel des Todes …, den viele auch schon todgeweihte Reykjavíker unterzeichnet hatten, war tatsächlich im Morgunblaðið vom 17. November 1918 veröffentlicht. Auch den Pfarrer Friðrik und seine Pfadfindergruppe Væringjar (Waräger) gab es, aber der Arzt Garibaldi Árnason gehört wohl ins Reich der Fantasie, auch wenn Sjón ihm den „zitierten“ Artikel Der Film und seine Gefahren für die Seele zuschreibt. Darin heißt es:

Im Schutze des dunklen Kinosaals sitzt der Zuschauer in seinem Sessel, und während sich die Filmhandlung vor ihm entfaltet, kann er die ›Männer‹ und die ›Frauen‹ auf der Leinwand so ungeniert und hemmungslos betrachten, wie es im Leben draußen, auf der Straße und am Arbeitsplatz, in Cafés und Kirchen, ja selbst im Theater, nie denkbar wäre.“

Im ersten Moment amüsiert mich dieser „Artikel“, aber dann gleiten meine Gedanken in die Gegenwart, zu Fernsehen und Internet, der Macht der Bilder und den zunehmend verschwindenden Grenzen zwischen privat und öffentlich.

Auch die Halbinsel Laugarnes, auf der früher die Leprakranken isoliert wurden, spielt eine Rolle in Sjons Roman. Foto: Bernhild Vögel.

Im Schlussabschnitt springt Sjón ins Jahr 1929 und stellt uns die avantgardistische Künstlergruppe „Pool“ vor. Ja, sie hat real existiert. Ihren Kern bildeten Hilda Doolittle, Kenneth Macpherson und Bryher (Annie Winifred Ellerman), die auch privat ein Trio bildeten. Ob sie allerdings nach Fertigstellung ihres Kurzfilms Monkey’s Moon tatsächlich eine Islandreise unternommen haben?

Sjón ist ein Meister im Verdichten. Er stöbert in der Vergangenheit herum, spürt Verbindungen und Brüche auf – Ausgrenzung und Kunst, Tod und Sexualität, Freundschaft und Verrat – und präsentiert sie so, dass es mir unter die Haut geht und ich angesichts ihrer Aktualität erschrecke. Ich schreibe hier „ich“, weil ich keine Literaturkritikerin bin und mir nicht anmaßen möchte, Allgemeinurteile abzugeben. Was in diesem Fall auch überflüssig ist, denn dass Sjón ein Meister des Wortes und einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Islands ist, wissen ohnehin alle, die Schattenfuchs und Das Gleißen der Nacht gelesen haben.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Sjón: Der Junge, den es nicht gab Aus dem Isländischen von Betty Wahl S. Fischer, 2015,160 Seiten, 17,99 Euro

Über die Spanische Grippe weiterlesen:Grusel in der SilvesternachtSkaftáfeuer