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Querdurch

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Querdurch

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Zu lachen, wenn es nichts zu lachen gibt – das ist eine Spezialität der Engländer. Ted Edwards ist in dieser Disziplin ein Meister, der mit schwarzem Humor seine Extremwanderungen betrachtet, die er mit Glück und Zähigkeit gerade noch überlebt hat.

Dann nähert sich der Todesengel auf seinen Schwingen und ist bereit, sich die Seele zu schnappen. Wir kannten uns gut, dieser Engel und ich; so alte Feinde, dass wir fast schon Freunde waren. Der alte Glatzkopf, wie ich ihn nannte, mit seinem lippenlosen Grinsen und augenlosen Starren. Ich empfand großen Respekt für den alten Glatzkopf, denn er ist jemand, der es immer wieder probiert, und wir wissen beide, dass er eines Tages nicht allein zurückkehren würde.“

Doch bevor ich Teds Wanderung vorstelle, noch ein paar Worte zur Reihe erlebte Orte, der Reihe des Niebank-Rusch-Verlages, aus der ich in den letzten Jahren bereits zwei Bände besprochen habe: Das Wanderbuch Island von Lisa Steppe, die im Sommer 1977 Wanderungen in der Þórsmörk, am Fimmvörðuháls, den Laki-Kratern und zwischen Þingvellir und Gullfoss unternommen hat. Ebenfalls in der Reihe erschienen ist Skaftáfeuer von Jón Trausti – ein 1912 in Reyjavík erschienener Roman, der die Ereignisse um die Spalteneruption im Jahre 1783 behandelt.

Der erste und schwierigste Teil von Ted Edwards Route führte durch die braun eingezeichnete Lavawüste Ódáðahraun.

Mit Ted Edwards Bericht Querdurch – eine Solowanderung in Island, den Verleger Kay Niebank übersetzt hat, reist der Leser mit ins Jahr 1984 zurück. Der Abenteurer will Island von Ost nach West durchqueren – von Seyðisfjörður nach Reykjavík – die erste Solo-Durchquerung Islands, wie er behauptet. Mit sage und schreibe 33 kg auf dem Rücken tritt er an. Er weiß, es wäre sinnvoller von West nach Ost zu wandern, um nicht immer den Wind im Gesicht zu haben, aber sein Ticket Glasgow-Keflavík gilt nur einen Monat und er möchte, wenn er überlebt, in der Nähe des Flughafens angekommen sein. Also fährt er mit dem Bus nach Höfn, erreicht am nächsten Tag Egilsstaðir und quält seinen untrainierten Körper den Pass Fjarðarheiði hinauf, um seinen Ausgangspunkt Seyðisfjörður zu erreichen.

Fjarðarheiði. Foto: Bernhild Vögel.

Ich bin kein Fitnessfanatiker und betreibe nie körperliches Training für eine Expedition … Ich habe immer feststellen dürfen, dass mein Körper sich sehr schnell anpasst, in welcher Situation er sich auch befinden mag, nach einer anfänglichen Periode des Schocks. Dies System nenne ich mein Prinzip der Feuertaufe, und obwohl es mit anfänglichen leichten Schmerzen verbunden ist, scheint es nicht so gefährlich zu sein wie die Methoden, die von „Fitness“-Fanatikern vertreten werden ...“

Ted hat mehrere Sahara-Expeditionen hinter sich, aber Island kennt er nur aus Büchern. 820 km liegen vor ihm. Ab jetzt tickt die Zeit und es zählt jeder Kilometer, denn ein heimischer Sponsor zahlt für jeden von Ted gelaufenen Kilometer Geld an ein örtliches Kinderkrankenhaus. Der Wanderer, in der Nähe von Manchester in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, hat schon als Kind von den Wikingern geträumt, die ein reiches linguistisches Erbe in Lancashire und Yorkshire zurückgelassen haben.

Im isländischen Hochland. Foto: Bernhild Vögel.

Sein Rucksack fasst etliche Kilo gefriergetrockneter Lebensmittel, Kocher, Kassettenrekorder, Filmkamera, Fotoapparat mit Filmen, Bändern, Batterien, Eispickel, Schlafsack, Klopapier, Biwack, Kleidung. Dass er im isländischen Hochland nicht einfach Feuerholz sammeln kann, wird ihm schnell schmerzlich bewusst. Im Heideland hinter Egilsstaðir begräbt er am zweiten Wandertag fünf Pfund seiner Lebensmittel – sie wären erst mit kochendem Wasser genießbar geworden und sein Trockenbrennstoffvorrat ist nicht groß.

Halten wir mal die Luft an angesichts von so viel unbekümmertem Leichtsinn. Auch Teds anfängliche Vorstellung, es gäbe überall genügend Wasserläufe, um seine Flasche aufzufüllen, ist selbstverständlich trügerisch. Verhungern, verdursten, ertrinken, erfrieren, in einer Spalte verschwinden – all diese Optionen hält der alte Kahlkopf für den Abenteurer bereit.

Immer mit von der Partie: der alte Kahlkopf. Foto: Bernhild Vögel

Das englische Original Fight the Wild Island – A solo Walk Across Iceland erschien 1987 und wurde zur Bibel vieler Islandwanderer. Aber auch der moderne Islandreisende kann bei der Lektüre einiges lernen. Denn Ted berichtet ohne Scham über seine folgenschweren Fehleinschätzungen. Solche, die heutzutage immer noch zu unnötigen Rettungsaktionen und im schlimmsten Fall zum Tode führen: Mal eben schnell die Hekla besteigen oder auf einen kleinen Gletscher rauf. Oder sich allzu sehr auf die Karte verlassen, um dann festzustellen, dass der eingezeichnete Fluss kein Wasser führt oder der Pfad nur auf dem Papier existiert.

Oder die Lavawüste unterschätzen, mit ihren „Cornflakes“, wie Ted die scharfkantigen Platten nennt, die in den verschiedensten Winkeln lose aufeinanderliegen. Wie hatte ihn doch Hermann, the German gewarnt: ßer will bi nju Lawa. It iß ferri diffikillt.“

Lavafeld in der Mývatnssveit. Foto:Bernhild Vögel.

Während es viele einsame Tage lang ums nackte Überleben geht und Ted allenfalls eine Episode aus der isländischen Geschichte memoriert oder seinen Rekorder anredet, kostet er die wenigen Begegnungen mit anderen Wanderern oder Einheimischen voll aus.

In der Hütte Nýidalur am Sprengisandur wird über den Kabeljaukrieg diskutiert und Hüttenwartin Val klagt, die Isländer kämpften ums Überleben, denn sie hätten nichts weiter als den Fisch und der sei auch bald verschwunden. Reiseführerin Brynhild verweist auf den Tourismus.

„‚Bald müssen wir von den Touristen leben,‘ bestätigt Val.Fisch schmeckt besser‘, sage ich, um dem aufkommenden Trübsinn ein wenig Humor einzuimpfen. Es gelang, und Lächeln breitete sich über die Gesichter aus. Val hatte das Wort Tourist mit äußerster Geringschätzung ausgesprochen. Wir drei Ausländer wussten, dass sich diese Geringschätzung nicht auf uns erstreckte, denn wir waren Reisende, keine Touristen. Es gibt immer diese Unterscheidung, überall in der Welt, zwischen den Reisenden, die Unbequemlichkeit in Kauf nehmen um zu sehen, und den Touristen, die all den heimischen Komfort fordern, und schauen ohne zu sehen. Ersteren wird mit unterschiedlichem Ausmaß an Akzeptanz begegnet, während letztere als das notwendige Übel behandelt werden.“

Anschaulich und spannend geschildert, lehrreich und zugleich völlig verrückt und skurril – diese Merkmale machen Ted Edwards Querdurch zu einer empfehlenswerten Lektüre für alle Islandfreunde.

Bernhild Vögel – [email protected]www.birdstage.net

Ted Edwards: Querdurch. Eine Solo-Wanderung in Island, Aus dem Englischen übersetzt von Kai Niebank, Reihe: erlebte orte,niebank-rusch Fachverlag, 184 Seiten, 15,00 Euro.